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Ausstellung über Prostitution:Der Sponsor der Ballerina wartet hinter der Bühne

Das Flimmern zwischen Glückserwartung und Jammer hat die Kunst tatsächlich nicht zuletzt im Zwielicht der käuflichen Liebe kennengelernt, das bis hinauf auf die Opernbühne reichte. Edgar Degas' Pastellzeichnung "Ballet" von 1876 zeigt eine Tänzerin im Rampenlicht auf dem Höhepunkt ihrer Kunst, während hinter der Kulisse der befrackte Liebhaber und wahrscheinlich Sponsor der Ballerina schon auf den privaten Gegendienst wartet.

Solche Situationen verleiteten auch zur Überzeichnung ins Schrille und Spitze. Bedient wird diese Seite in der Ausstellung von Künstlern wie Félicien Rops oder Jean-Louis Forain. Für die Karikatur bot die Doppelmoral um die Prostitution reichlich Motive. Auf offener Straße war diese in Frankreich tagsüber verboten, beim Anzünden der Gasleuchter aber als "notwendiges Übel" zur Stillung der männlichen Begierde erlaubt.

Die Szenen spielten sich hauptsächlich vor den Cafés und Brasserien ab. Degas zeigt in einer Pastellzeichnung eine Runde wartender Frauen am Tisch, die - wie die verächtliche Geste der einen mit dem Daumen im Mund verrät - offenbar über die Knausrigkeit der Kunden spotten. Die "Stunde der Gasleuchter" war aber auch der Zeitpunkt, wo die Arbeiterinnen aus den Fabriken kamen und mitunter versuchten, ihre ärmlichen Löhne etwas aufzubessern. Und wer es als Mann exklusiver haben wollte, ging in eines der "Maisons closes", diese seit 1804 zugelassenen öffentlichen Harems, die der Kundschaft nach außen Diskretion über das nächtlich Geschehene garantierten.

Der Prinz von Wales und die "Chaise de volupté"

Zwischen Sozial- und Kunstgeschichte ist den Ausstellungskuratoren insgesamt eine Balance gelungen. Neben den Bildern und Zeichnungen sind am Rand auch Bordellführer mit suggestiven Namen wie "Das Laster von Paris", Pornofotos und -filme aus dem 19. Jahrhundert oder Kuriositäten wie die "Chaise de volupté" zu sehen: ein unförmiges Polstermöbel, das der Prinz von Wales, der künftige König Eduard VII., sich 1890 bauen ließ, um es auf zwei übereinander gelagerten Liegeflächen mit zwei Damen zugleich zu treiben.

Von dokumentarischer Trostlosigkeit sind die Exponate, die das Elend der aus Gründen der Hygiene oder des Alters ausgemusterten Frauen zeigen. Zu den durch Syphilis entstellten Leibern in Asylen und Gefängnissen fiel der Kunst nicht mehr viel ein. Auch der neue Modernisierungsschub hin zum Wilden, Grellen und Schroffen wird im letzten Ausstellungsteil unter dem Titel "Prostitution und Moderne" mit Werken von Edward Munch, Georges Rouault, František Kupka, Maurice de Vlaminck, Pablo Picasso eher behauptet als glaubwürdig vorgeführt.

Die in ihrem Umfang ausufernde und vom Opernregisseur Robert Carsen überinszenierte Ausstellung ist dennoch anregend, bringt manche Entdeckungen, hält aber die Disziplin nicht ganz durch, die für ein sozialhistorisches Thema wie dieses nötig wäre.

Splendeurs et misères. Images de la prostitution, 1850-1910. Musée d'Orsay, Paris, bis zum 17. Januar, danach im Van-Gogh-Museum Amsterdam. Info: www.musee-orsay.fr, Katalog: 45 Euro.

© SZ vom 15.10.2015/jobr

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