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Ausstellung zur Sexualmoral:Zwischen prüde und pervers

Nackte Titelmädels und pädagogische Kissen: Wie hat sich die kollektive Scham der Deutschen gewandelt? Eine kluge Ausstellung in Bonn gibt Antworten - die auch mal ganz schön wehtun.

Von Rudolf Neumaier

Die deutsche Scham pendelt sich irgendwo zwischen Schlüpfer und String-Tanga ein. Als der Spiegel Mitte Mai mit dem Titel "Mein Sex!" der weiblichen Lust auf den Grund ging, streifte er seinem Cover-Girl ein Satin-Oberteil über. Dabei war es vor wenigen Jahren, als die Bild-Zeitung noch das tägliche Busenwunder auf Seite 1 feierte, selbstverständlich, solche Themen mit möglichst viel Haut in den Kiosk zu knallen. Brüste und Hintern waren Verkaufsgaranten, auf welche die Seismografen des Zeitgefühls, die Magazin-Macher nun mal sind, heute gern verzichten. Will man nicht mehr sehen. Hat sich ausgereizt. Die kollektive Scham ist auf Schlüpfer-Kurs.

Kopfkissensprüche von einst: "Wenn dich böse Buben locken, bleib zuhaus und stopfe Socken"

Diese Scham ist nichts anderes als eine Norm. Und wie diese Norm in Deutschland schwankte in den letzten 60 Jahren, zeigt das Bonner Haus der Geschichte in einer klug gemachten Ausstellung. "Schamlos?" heißt sie. Teilweise tut sie weh: und zwar in den Sektionen, in denen sie vorführt, wie die Scham unterging, weil ein Teil der Gesellschaft wie in einem Tobsuchtsanfall alle Normen niederriss. Wie in den Siebzigern plötzlich Kinder sexuell befreit werden sollten. Sechsjährige!

Jürgen Reiche, der Urheber dieser Ausstellung, erinnert sich selbst, wie er sein Kind einem von diesen Berliner Kinderläden anvertraute und dann bestürzt (und beschämt!) feststellen musste, dass Mädchen und Buben splitternackt spielten und dabei ihre Sexualität ausleben sollten. Für ein "Habt ihr sie noch alle!?" stempelten einen die diensthabenden Pädagogen zum Reaktionär ab. Es waren die Jahre, als sich bei den Grünen unter der Tarnkappe der Progressivität Päderasten tummelten und der Psychologe Helmut Kentler in der Zeit Dinge schrieb wie: "Warum leugnen oder unterbinden wir die frühkindliche Onanie, warum tun wir nichts, um dem kleinen Kind zum Verständnis seiner sexuellen Empfindungen zu verhelfen?"

Deutschland in den Siebzigern - eine wundersame Zeit. Aus dem Blickwinkel der heutigen, zum Glück weiterentwickelten Sexualmoral kann man nur lachen über die liebestollen Studenten, die sich mit der Parole "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" das Leben schön machten. Oder man muss sich schämen für die brutale Naivität: Die Scorpions brachten 1976 das Album "Virgin Killer" heraus, auf dem eine nackte Zehnjährige zu sehen war. Und ein Jahr später kam der Spiegel mit einer Titelgeschichte über "Kinder auf dem Sex-Markt" und präsentierte ohne Scheu nackte Kinder, die ihre Geschlechtsteile in die Kamera reckten. Die Bonner Ausstellung zeigt das Spiegel-Cover "Die verkauften Lolitas", klebt jedoch eine schwarze Abdeckung über die Scham des elf Jahre alten, aber bereits pubertierenden Mädchens, das mit halterlosen Strümpfen posiert. Ansonsten nackt. Niemand würde heute noch solche Bilder drucken - nicht einmal gepixelt.

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