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Ausstellung in Berlin:Fleisch? Ja, genau: Fleisch!

Ausstellung Berlin Fleisch

Vanessa Beecrofts Strumpfhosen-Show in Berlin wurde 2005 oft als "Fleischbeschau" kritisiert.

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen)

Das Alte Museum in Berlin überrascht mit einer kleinen, feinen Kabinettsausstellung zu einem Thema, das mehr ist als nur ein Nahrungsmittel.

Einerseits ist es schon treffend, ausgerechnet am Tag von Fronleichnam eine Ausstellung zu eröffnen, über der in schreienden Buchstaben FLEISCH steht. Wenn das aber andererseits ausgerechnet in Berlin passiert: Wer bitte soll dabei dort als Erstes an die Realpräsenz des Leibes Christi in der Abendmahlhostie denken? Außer ein paar besonders frommen Diaspora-Katholiken vielleicht. Oder möglicherweise auch ein paar noch viel frommeren Protestanten, weil die das Fest mit lutherischem Ingrimm als unbiblisch und frivol verteufeln. Aber sonst?

Sonst denkt man in Berlin bei dem Wort Fleisch im allgemeinen eher ganz profan ans Essen. Oder an etwas, das man auf keinen Fall essen sollte. Denn die Stadt beherbergt zwar beeindruckend viele Wurstbuden - allerdings auch beeindruckend viele Vegetarier, deren Entschiedenheit, manchmal sogar Militanz auch nur als beeindruckend beschrieben werden können.

Ausgerechnet das Schwein erweist sich als große anthropologische Konstante

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Noch nie wurde in Deutschland so viel Fleisch produziert wie in diesem Jahr. Dabei hat der Appetit zuletzt nachgelassen.   Von Silvia Liebrich und Kristiana Ludwig

Oder an die sogenannte Fleischeslust. Berlin ist ja aus gewissen Gründen nicht nur ein Städtename, sondern auch eine pornografische Kategorie. Hierher reisen Leute für mehr oder weniger öffentlichen Sex. Hier leben Leute, die Werbeplakate, auf denen viel nackte Haut zu sehen ist, mit der sonderbar feststehenden Wendung "sexistische Kackscheiße" beschriften. Und andere wiederum, die sich selbst als "beefy" bezeichnen, als "beefy bears" zum Beispiel, was ein homosexuelles Submilieu ist, in dem neben dem Fleisch gewissermaßen auch das Fell in hohem Ansehen steht.

Es gibt in Berlin sicher auch noch viele, die bei dem Titel "Fleisch" an den gleichnamigen Film von 1979 denken müssen, an die panisch vor einem Krankenwagen fliehende Jutta Speidel, an den vielleicht besten Thriller Westdeutschlands, der aber auch in der DDR enormen Erfolg hatte. Vielleicht weil er mit seinem Thema, dem Organhandel, nicht nur eine für späte Industriegesellschaften typische Medizinskepsis befeuerte; viele Ärzte protestierten deswegen gegen den Film. Vielleicht auch, weil er zumindest subkutan die Sorge um das eigene, zuckende Fleisch im Angesicht einer als kühlraumhaft empfundenen Staatlichkeit bespielte.

"Fleisch" ist, mit anderen Worten, ein Titel, der an so viele verschiedene Dinge denken lässt, und gleichzeitig daran, was es dann doch wiederum für Zusammenhänge zwischen diesen Dingen geben mag, dass eine Ausstellung, die so heißt, eigentlich schon durch ihre schiere Überschrift Relevanz bekommt. Dass man in der englischen Übersetzung einerseits "meat" schreiben muss, gleichzeitig aber auch "flesh", dass also hier noch der kategoriale Unterschied zwischen totem und lebendigem Fleisch hinzukommt, macht die Sache nur noch reicher. Auf der großen Freitreppe fragt man sich deshalb fast, ob das Alte Museum in Berlin überhaupt groß genug ist für die Fülle des Themas. Und dann das: Nur ein einziger Raum, "Fleisch" ist tatsächlich eine Kabinettsausstellung.

Ausstellung Berlin Fleisch

In Sachsen wurde 1917 eine "Reichsfleischkarte" ausgegeben.

(Foto: Ute Franz-Scarciglia; Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen)

Mit der verhält es sich am Ende allerdings wie mit dem Rinderfilet, das auch immer kleiner aussieht als erwartet, dann aber erst einmal bewältigt werden will: Immerhin geht es auf den paar Quadratmetern um stolze 5000 Jahre Kulturgeschichte - von babylonischen Tontafeln mit 58 verschiedenen Bezeichnungen für das Schwein über ägyptische Phallus-Figuren bis zu der berühmten Videoarbeit von Christian Jankowski, der im Supermarkt mit Pfeil und Bogen Tiefkühlhähnchen schießt.

Es ist an dieser Stelle grundsätzlich ein Lob zu singen auf die Idee, den wissenschaftlichen Nachwuchs der Staatlichen Museen Berlins, SMB, regelmäßig solche interdisziplinären Themenausstellungen zusammenstellen zu lassen. Zuletzt, vor zwei Jahren, ging es um das grandios auf der Hand liegende, weltumspannende, sowohl uralte wie auch superaktuelle Thema "Bart". Jetzt sind die Volontäre der verschiedenen Museen bei ihrer Suche nach einem Thema, zu dem sich von allen etwas beitragen ließe, eben beim Fleisch gelandet. Bei diesem Verfahren können diese Lernausstellungen eigentlich kaum anders als bei Themen zu landen, die denkbar groß sind, und mit Artefakten beleuchtet werden, die wiederum denkbar klein sein können - und sehr überraschend.

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