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Ausstellung:Die Doppelbödigkeit des Lebens

Siegfried Kaden: "...aber das Volk ist gutartig", 2001, Öl und Acryl auf Leinwand,Courtesy Hans Peter Hanich, München.

(Foto: Siegfried Kaden/VG Bild Kunst Bonn, 2019)

Seit 1995 arbeitet Siegfried Kaden in Havanna. Eine Schau zeigt Werke des Münchner Künstlers

Die Stadt, die Frau, die Einsamkeit, das sind wiederkehrende Motive in Siegfried Kadens Werk. Seit einem Vierteljahrhundert lebt der Münchner Künstler überwiegend in Havanna und ergründet zeichnend und malend die Seele der Stadt. Er lässt sich tief auf Orte und Menschen ein und bleibt doch immer ironisch-distanzierter Beobachter. Eine Ausstellung in der Akademie der Schönen Künste, deren Mitglied Kaden ist, zeigt nun eine Auswahl von Werken aus dieser Zeitspanne.

Als Kaden noch neu war in Kuba, schuf er den Lithografie-Zyklus "Stille Tage in Havanna". Mit präzisen Strichen entwarf er Interieurs und Landschaften, mit tiefen Schatten und angedeuteten Szenen, die Raum für Magie lassen. Eine Frau und ein Mann im Oldtimer, ein fragender Blick nach hinten. Wohin geht die Reise? Der Autor Johannes Willms hatte damals Texte für die Süddeutsche Zeitung dazu entworfen, 1998 ist ein Buch daraus entstanden. "In Havanna kann man sehr einsam sein", heißt es da. Über die Jahre hat sich Kaden die Stadt erschlossen. "El alemán", der Deutsche, hatte einen Lehrauftrag an der Kunstakademie und bis heute zahlreiche Ausstellungen in Museen und Galerien. Die Kontakte in die Heimat hielt er aufrecht. Ja, er pflegte sie ganz bewusst, mit Hunderten Briefen und Postkarten, geschmückt mit liebevollen kleinen Zeichnungen oder Übermalungen und ironischen Kommentaren. "Pardon, es gibt in ganz Havanna keine Briefumschläge" steht auf einem wiederverwerteten Kuvert samt Selbstporträt. "Ich denke, Olaf hat auch nichts dagegen" als Sprechblase über einem Foto des jungen Fidel Castro. Die Adressaten, etwa Klaus Staeck, ehemaliger Präsident der Berliner Kunstakademie und langjähriger Weggefährte, die Galeristin Margret Biedermann oder der Bildhauer Nikolaus Gerhart, haben sie alle aufgehoben. In mehreren Vitrinen sind sie ausgestellt, als Hommage an den Freund, vielleicht auch als Zeugnis von dessen stetiger Selbstvergewisserung.

Die großformatigen Gemälde sind expressiv und zweideutig. Eros und Verlust, auch hier wieder. Ein trauriger General sitzt verloren auf seinem Stuhl, zwischen seinen Pranken einen abgetrennten Frauenkopf haltend. Wer ist Täter, wer Opfer? Gezeichnete Porträts kubanischer Literaturpreisträger ergänzen die Ausstellung. Kaden musste für diese Serie lange mit den kubanischen Bürokraten kämpfen, bis er sie überzeugen konnte, dass ein Porträt nicht realistisch oder heroisch sein muss. Er hat gewonnen. Die Ausstellung gastierte in der Nationalbibliothek von Havanna.

Das Brüchige der Erscheinungen ist Kaden seit Kindheit vertraut. In Dresden 1945 geboren, hat er sich einen Sinn für die Doppelbödigkeit des Lebens bewahrt. Der versteckte Humor, die Mangelwirtschaft, die großen Gesten im realen Sozialismus. "Vielleicht bin ich von der Mentalität her Ossi", sagt er von sich selbst. Der Großvater hatte in Leipzig eine Druckerei. Mit den Eltern war Kaden vor dem Mauerbau in den Westen geflohen, hatte in den Siebzigerjahren an den Kunstakademien von Stuttgart und Wien studiert. In München sesshaft geworden, war er Teil der Neuen Wilden. Seine Werke finden sich in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, im Lenbachhaus, in der Albertina in Wien. Doch mit den Eitelkeiten des Kunstbetriebs mochte er sich nie anfreunden. 1995 ging er nach Havanna. Die Motive änderten sich, was blieb, ist sein subversives Spiel mit der Wirklichkeit. Dass die Akademie ihn nun mit dieser kleinen, feinen Ausstellung ehrt, ist eine späte Anerkennung dieses großen bescheidenen Künstlers.

Siegfried Kaden: Stille Tage in Havanna, Akademie der Schönen Künste, Residenz, Max-Joseph-Platz, bis 18. Dez., Mo.-Fr. 11-16 Uhr; Dienstag, 3. Dez., um 17 Uhr Gespräch mit Kaden und Andreas Kühne