Astrid Lindgren Sie war sehr arm, als sie jung war

SZ: Astrid Lindgren galt als Bücherwurm. Was hat sie gelesen?

Nyman: Lesen war ihr Leben. Ein Buch, das einen ungeheuren Eindruck auf sie gemacht hat, als sie jung war, war das Antikriegsbuch "Im Westen nichts Neues" von Remarque. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Sie las aber alle Arten von Literatur - englische, deutsche, nordische, französische. Sie las und las und las.

Astrid Lindgren im September 1995 in Stockholm.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Sie trug in den zwanziger Jahren als erste Frau in Vimmerby die Haare kurz, sie erzog ihren Sohn zunächst alleine. Waren es Bücher, die sie beeinflussten, ihr Selbstbewusstsein stärkten?

Nyman: Naja, das mit den Haaren war so: Sie mochte ihre Haare nicht, sie hatte sehr dünne Haare, und es war eine Befreiung für sie, als sie sie abschnitt. Die Bücher haben sie natürlich beeinflusst .

SZ: Sie hat auch A.S. Neill gelesen, einen Vertreter antiautoritärer Erziehung.

Nyman: Ja, ich kann mich noch daran erinnern, als Neill zu einem Vortrag nach Stockholm kam. Meine Mutter wollte da unbedingt hin. Seine Gedanken interessierten sie, sie hatte ähnliche.

SZ: Geld war ihr hingegen wohl nicht so wichtig. 1972 schrieb sie in ihr Tagebuch, Geld mache ihr Angst, sie will gar nicht so viel haben.

Nyman: Sie war sehr arm, als sie jung war, und auch in ihren ersten Jahren, nachdem sie verheiratet war. Später hatte sie, was sie brauchte. Sie hielt Ordnung darüber. Aber sie kümmerte sich nicht darum, dass ihr Geld arbeitete. Sie hat auch viel Geld verschenkt.

SZ: Sie hat die Filmrechte an ihren Büchern sehr billig verkauft, und es soll Buch-, Film-, Theater- und Merchandisingverträge geben, welche die Firma der Erbengemeinschaft, die Saltkrokan AB, heute noch in Schwierigkeiten bringen.

Nyman: Sie war befreundet mit dem Produzenten, mit Regisseur Olle Hellbom, der auch die ersten Pippifilme mit Inger Nilsson drehte. Sie war daher nicht so darauf aus, dafür so viel Geld zu bekommen.

SZ: Ihr Sohn ist heute der Chef der Saltkrokan AB. Aber es arbeiten auch noch andere Familienmitglieder dort, oder?

Nyman: Meine Tochter Malin und meine Nichte Annika, mein Sohn Nisse und mein Mann Carl Olof.

SZ: Wie viele Stunden pro Woche haben Sie mit Dingen zu tun, die mit Ihrer Mutter zu tun haben?

Nyman: Nicht an jedem Tag, aber es ist sehr viel. Ich bearbeite viele Manuskripte, etwa von Theaterregisseuren. Viele schreiben eigene Stücke von Ronja und Pippi und so weiter. Wir müssen das lesen, ob das noch in Ordnung ist. Dass es nicht ganz anders wird als in den Büchern meiner Mutter. Das ist sehr zeitaufwendig.

SZ: In diesen Tagen stand in einer schwedischen Zeitung, dass Sie ein SOS-Kinderdorf in der Zentralafrikanischen Republik eingeweiht haben; es soll den Namen Astrid Lindgren tragen.

Nyman: Die Astrid-Lindgren-Gesellschaft hatte sich überlegt, wie sie den 100.Geburtstag feiern könnte. Man wollte es nicht so machen wie bei Hans Christian Andersen in Dänemark, wo es diese aufwendige Show gab, die sehr missglückt war. Man wollte das Geld nicht für eine Show hinauswerfen, sondern für Kinder in Afrika einsetzen.

SZ: Kommen Sie mit dem Verlust durch den Tod Ihrer Mutter besser zurecht, weil Sie sich so viel mit Ihrem Erbe beschäftigen?

Nyman: Ja, auf jeden Fall.

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