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Pippi Langstrumpf zum 65.:Das Pippi-Prinzip

Pippi Langstrumpf feiert ihren 65. Geburtstag. Eine Suche nach ihren Schwestern im Geiste: Wer macht sich die Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt?

Lena Schilder

9 Bilder

Astrid Lindgren

Quelle: REUTERS

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Wer macht sich die Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt? Pippi Langstrumpf feierte am Montag ihren 65. Geburtstag. Eine Suche nach ihren Schwestern im Geiste. Die Bilder.

Weil Astrid Lindgrens Verlag am 13. September 1945 das erste Pippi-Manuskript der Autorin (im Bild) annahm, feierte Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf, wie der Spießerschreck vollständig heißt, am Montag ihren 65. Geburtstag.

Genau genommen hat sie Lindgrens Tochter Karin erfunden. Die hat ihre Mutter nämlich gebeten, sie möge ihr als Zeitvertreib von Pippi Langstrumpf erzählen. Die Mama hat nicht großartig nachgefragt, sondern die unkonventionelle Pippi geschaffen. Die war erst sehr umstritten, heute hat sie zahlreiche Schwestern im Geiste gefunden ...

Text: Lena Schilder/sueddeutsche.de/kar/rus

Pippi Langstrumpf mit Herrn Nilsson

Quelle: DPA

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Pippi ist seither scheinbar überall: Es gibt die Pippi-Langstrumpf des Jazz, die Pippi-Langstrumpf der FDP, die Pippi Langstrumpf unter den Omas. Eine Oma mit Männerschuhen und roten Zöpfen? Eine FDP-Politikerin mit einem Äffchen auf der Schulter? Eine Musikerin, die mühelos ihr Ensemble stemmt und anschließend eine ganze Torte auf einmal isst? Na ja.

Pippi Langstrumpf ist ein Lebensgefühl, eine Einstellung. Pippi sein heißt, auf Konventionen pfeifen, anders zu sein, frech, unverbraucht, individuell. Pippi ist, wer mit den Füßen auf dem Kopfkissen schläft, keinen Respekt vor Autoritäten hat und alles hinterfragt. Eine Pippi ist stark, finanziell unabhängig und furchtlos - und jederzeit bereit, eine Krummelus einzuwerfen, um nie erwachsen werden zu müssen. Wer hat in unserem Jahrzehnt das höchste Pippi-Potential?

Das Foto zeigt Inger Nilsson, die als Pippi weltweit bekannt geworden ist. Für Nilsson war Pippi eine Rolle, kein Lebensprinzip - und manchmal war sie auch ein Fluch ...

Inger Nilsson / Pippi Langstrumpf

Quelle: picture-alliance/ dpa

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... denn in den Köpfen vieler Menschen ist Inger immer noch neun, klein und sommersprossig. Da helfen auch ihre vehementen "Ich bin nicht Pippi!"-Versicherungen nichts. Für ihre weitere Schauspielerkarriere war das Pippi-Image eher hinderlich. Pippi in einer Rolle als Mörderin? Undenkbar! Oder nicht?

Das Bild zeigt die erwachsene Inger Nilsson.

Themendienst Kino: Vergebung

Quelle: ddp

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Was wäre, wenn Pippi die Krummelus-Pillen ausgegangen und sie erwachsen geworden wäre? Stieg Larsson hat sich für seine Millennium-Trilogie genau diese Frage gestellt und mit der Hackerin Lisbeth Salander eine 25-jährige Pippi geschaffen, die über "keinerlei soziale Kompetenz" verfügt. In der Verfilmung der Millennium-Trilogie erlaubten sich die Macher im zweiten Teil den Scherz, an Lisbeths Luxussuite das Schild "V. Kulla" anzubringen. Eine Hommage an Pippis Villa "Ville Kulla", die sie im schwedischen Original bewohnt.

Unser aller Pippi als abgemagerte, aggressive, tätowierte, mehrfach im Gesicht gepiercte sozial gestörte Rebellin gegen den Sozialstaat? Wie konnte das nur passieren? Stark wie Pippi ist Lisbeth, zumindest fast. Beide sind Querdenkerinnen und halten sich nicht an überflüssige Gesetze wie die allgemeine Schulpflicht und das Verbot des Datenklaus. Außerdem mussten sich beide früh alleine durchs Leben schlagen. Lisbeth hat das allerdings verschlossen und einsam werden lassen, Pippi ist ohne Freunde und depressiv einfach nicht vorstellbar. Da bringt die nächste Kandidatin deutlich mehr Pippi-Potential mit ...

Das Bild zeigt Noomi Rapace, die Lisbeth Salander in der schwedischen Verfilmung überzeugend verkörpert hat.

Lena Meyer Landrut probt in Oslo für den Eurovision Songcontest

Quelle: ddp

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Lena Meyer-Landrut (im Bild) hat mit ihrer natürlichen Art beim Grand Prix in Oslo abgeräumt. Lena ist so spontan, quirlig, frech, unangepasst und dabei irritierend cool, weswegen der Vergleich mit Pippi nicht eben selten gefallen ist. Äußerlich entspricht sie einem moderneren Schneewittchen, innerlich scheint sie Pippi pur zu sein. Lena ist so unabhängig, dass ihre Mama bei Auftritten nicht feuerzeugschwenkend und tränenüberströmt in der ersten Reihe stehen muss. Lena schafft das alleine und trennt strikt zwischen privat und öffentlich. Als moderne Pippi hat Lena das Hemdkleid gegen das kleine Schwarze eingetauscht, mit dem sie gekonnt ungekonnt über die Bühne hüpft. Eine Zutat fehlt ihr dann aber doch zur Pippi: Lena ist längst nicht so stark. Ihre Siegestrophäe konnte sie in Oslo kaum halten, die hätte Pippi locker mit dem kleinen Finger balanciert. Pippi ist schließlich stärker als der stärkste Mann im Zirkuszelt.

Ihre Vorliebe für kreative Wortneuschöpfungen teilen die beiden Damen wieder. Während Lena gerne mal "Verdammte Axt, ist das geil" von der Bühne schreit, hat Pippi das Wort "Spunk" gefunden, von dem sie zunächst nur sicher weiß, dass es sich dabei um keinen Staubsauger handelt ...

Judith Holofernes 'Wir sind Helden'

Quelle: APN

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Pippi Langstrumpf zum 65.:Judith Holofernes 'Wir sind Helden'

Eine kreative Sprachkünstlerin ist auch Judith Holofernes (im Bild), die mit Wir sind Helden für reichlich frischen Wind gesorgt hat. Das Repertoire ihrer Texte reicht von rotzfrech bis melancholisch. In schönster Pippi-Manier hinterfragt sie gesellschaftliche Normen, wie etwa bei ihrem ersten Hit "Guten Tag":

"Meine Stimme gegen deine im Mobiltelefon

Meine Fäuste gegen teure Nagelpflegelotion

Meine Zähne gegen die von Dr. Best und seinem Sohn

Meine Seele gegen eure sanfte Epilation"

Mittlerweile ist Judith verheiratet und zweifache Mutter, was ihre Lust an der Provokation geschmälert zu haben scheint. Nach drei Jahren Babypause hat sich die Band jetzt mit ihrem vierten Album Bring mich nach Hause zurückgemeldet. Die Platte schließt mit den Zeilen "Es gibt nichts, was wir tun könnten, außer uns auszuruhen". Das hätte die abenteuerlustige Pippi so wohl nicht gesagt.

Charlotte Roche

Quelle: picture-alliance/ dpa

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Über Provokations-Potential verfügt Charlotte Roche (im Bild) zur Genüge. Mit ihrem Roman Feuchtgebiete hat sie bewiesen, dass man in Deutschland doch nicht so locker über Sex reden kann wie angenommen. Eine junge Heldin, die sich intensiv mit ihrem Körper und diversen Sexualpraktiken beschäftigt, war eben doch ein Aufreger. Von Sexualpraktiken ist bei der echten Pippi natürlich nichts zu lesen - dafür weiß die Romanfigur in Roches Buch umso mehr mit ihrem eigenen Pipi anzustellen.

Wie die Langstrumpf ist Charlotte nie von der puren Lust an der Provokation geleitet, sondern hat sich einfach ihre natürliche Neugierde bewahrt. Deshalb konfrontiert sie ihre Interviewpartner regelmäßig mit überraschenden Fragen jenseits des üblichen Repertoires.

Autorin Helene Hegemann

Quelle: dpa

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Auch Helene Hegemann (im Bild) wurde schon mit Pippi verglichen, was vor allem an ihrem Talent liegt, ihre eigene Weltsicht wortgewaltig und mit unverbrauchten Metaphern auszudrücken. Und zwar so virtuos, dass sie nach ihrem Debutroman Axolotl Roadkill schon als Wunderkind gefeiert wurde.

Später stellte sich jedoch heraus, dass Helene Hegemanm wie die "wahre" Pippi gerne mal ein bisschen flunkert und Seemannsgarn erzählt . . . weshalb sie sich mit Plagiatsvorwürfen auseinandersetzten musste.

Beth Ditto / The Gossip

Quelle: Getty Images

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Beth Ditto, die letzte neue Pippi in dieser Reihe, hat als lesbischer Paradiesvogel vor allem das weibliche Schönheitsideal auf den Kopf gestellt. Ihr Pippi-Verdienst besteht darin, sich in keine Erotikschublade quetschen zu lassen und selbstbewusst und leichtbekleidet über die Bühnen dieser Welt zu hüpfen - wie sie ihr gefällt.

Aber auch Beth ist nicht Pippi. Nicht, weil sie einen Pippi-Faktor nicht erfüllen könnte, sondern einfach weil Pippi einfach doch unverwechselbar bleibt. Auf Deine alten Tage: Happy Birthday, Pippilotta!

© sueddeutsche.de
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