Film auf Netflix: "Army of the Dead":Reise in den Tod

Netflix - 'Army Of The Dead'

Matthias Schweighöfer (l.) spielt den "Dieter", Dave Bautista den Anführer "Scott Ward" in "Army Of The Dead".

(Foto: Clay Enos/dpa)

Mit "Army of the Dead" wollte Zack Snyder einen wilden Zombiespaß drehen. Dann kam ihm ein Schicksalsschlag dazwischen.

Von Tobias Kniebe

Auf der einen Seite die Gesunden, die Lebenden, die Individuen - auf der anderen die Untoten, die Nicht-Menschen, die hässliche Masse, auf die mit allen Waffen geballert wird. Das ist die Trennung der Welten im Zombiefilm. Ins Wanken gerät sie immer dann, wenn eine Hauptfigur infiziert wird - und also daran erinnert, dass auch die Zombies einmal Mütter und Väter, Söhne und Töchter, Freunde und Mitstreiter waren. Ein Zombiefilm, der Popcorn-Spektakel bleiben will, darf diesen Moment nicht überstrapazieren.

Eine Szene, in der ein verzweifelt weinender Mann seiner Frau das Jagdmesser auf die Stirn setzt, während deren geliebte Züge ins fratzenhaft Dämonische entgleiten, ist deshalb für das Genre schon grenzwertig. Noch ungewöhnlicher wird es, wenn dann auch noch die Tochter ins Zimmer stürzt und dabei zusehen muss, wie der Vater der infizierten Mutter in den Kopf sticht. Wer eine solche Szene inszeniert, bricht den Vertrag mit jenem Teil der Zuschauer, der nur eine Geisterbahnfahrt mit viel Kunstblut wollte. Und genau deshalb ist der Regisseur Zack Snyder so ein interessanter Fall.

Am andauernden Untoten-Boom der Gegenwart ist Snyder nicht ganz unschuldig, seit er 2004 von George A. Romero das Genre übernahm, dem Urvater des modernen Zombiefilms, und dessen "Dawn of the Dead" noch einmal neu inszenierte. Andere bauten den Trend aus, die Serie "The Walking Dead" wurde sensationell erfolgreich und läuft nun auch schon im elften Jahr, Snyder aber tauchte derweil tief ins Universum der DC-Comics ein, inszenierte "Superman", "Batman" und "Wonder Woman" und zuletzt alle zusammen in "Justice League", der nach seinem vorzeitigen Ausstieg und einem verstümmelten Kinostart im März als wiederhergestellter "Snyder Cut" seine Streamingpremiere feierte.

Atombombe druff? Das klingt nach einer zweiten Amtszeit für Trump

Jetzt aber, das Superhelden-Kapitel ist abgeschlossen, kehrt Snyder zu den Zombies zurück. Und verspricht mit "Army of the Dead" auf Netflix ein besonders buntes Spektakel. Was wäre, fragt er, wenn sich so eine Zombieplage doch einmal eindämmen, mit einer Mauer eingrenzen ließe, sagen wir - in Las Vegas? Dann gäbe es eine innere Zone, hastig abgeriegelt durch übereinandergestapelte Schiffscontainer, in der kein Mensch mehr lebt und nur die Untoten herumgeistern. Sodann hochgesicherte Übergangslager für Verdachtsfälle, die vielleicht infiziert sein könnten, und den sauberen Rest des Landes, der das Thema gern umfassend und also brutal erledigt sehen will.

Atombombe druff, und zwar zeitgleich mit den Feuerwerken zum Fourth of July, das ist hier die Lösung, und sie klingt doch sehr nach einer zweiten Amtszeit für Donald Trump. So weit, so klar, nur ergibt das noch keinen Zombiefilm. Aus anderen Vegas-Filmen wie "Ocean's Eleven" aber weiß man ja, dass es dort Casinos mit riesigen Kellertresoren gibt, in denen auch mal 200 Millionen Dollar in Bargeld lagern. Also schickt so ein Casino-Milliardär einen schwer bewaffneten Söldnertrupp los, um die Kohle vor dem großen Knall noch rauszuholen, Zombies hin oder her. Die Hälfte der Beute, so die Abmachung, dürfen die furchtlosen Krieger behalten.

Auftritt Scott Ward (Dave Bautista), der diese Expedition leiten wird. Der Hüne hat Erfahrung, musste er sich doch den Weg aus dem mit Zombies verseuchten Las Vegas freikämpfen, aber dabei kam es eben auch zu der herzzerreißenden Szene mit seiner Frau und seiner Tochter, siehe oben. Jetzt ist er schwer traumatisiert, aber außer Zombies töten kann er nur Burger braten, seine Motivation ist also klar. Seine männlichen und besonders coolen weiblichen Kampfgefährten hat er schnell beisammen, es kann also losgehen in die Todeszone.

Warum seine ebenfalls schwer traumatisierte, aber gar nicht kriegerische Tochter (Ella Purnell) ebenfalls auf Teufel komm raus mitkommen will, ist schon nicht mehr so einfach zu erklären. Es sorgt aber für einen lustigen Effekt - selten gab es im Kino ein sogenanntes Himmelfahrtskommando, bei dem sich so viele Trittbrettfahrer in letzter Sekunde noch mit drangehängt haben. Mit dabei ist zum Beispiel auch ein hochbegabter deutscher Safeknacker namens Dieter (Matthias Schweighöfer), der den Tresor mit der ganzen Kohle öffnen soll.

Wieso der Casino-Milliardär den Code zu seinem eigenen Tresor vergessen hat, solche Fragen stellt man besser nicht. Dieter wird einfach gebraucht, damit Matthias Schweighöfer verängstigt gucken und ab und zu auf deutsch "Scheiße!" rufen darf. Das macht er so gut, dass seine Figur inzwischen sogar einen eigenen Film bekommen hat, die Vorgeschichte quasi, in der Dieter gegen Supertresore in aller Welt antreten darf. Dieser Film, "Army of Thieves" genannt, ist inzwischen auch schon abgedreht. Regie geführt hat Schweighöfer selber, der inzwischen Best Buddy mit Zack Snyder ist.

Warum alle so dringend mitwollten, zeigt sich schließlich in der Todeszone - Las Vegas hat halt doch immer mehr zu bieten als andere Städte. Es gibt da zum Beispiel einen Zombie-Tiger mit eindrucksvoll verrottetem Fell und herausstechenden Rippen - einst gehörte er Siegfried und Roy. Es gibt auch ein Zombie-Pferd und einen Zombie-König, der auf dem Zombie-Pferd reitet, und es gibt eine Zombie-Königin. König und Königin lieben sich und haben offenbar sogar Sex, was man aber dankenswerterweise nicht sieht.

Mitten im Geballer häufen sich Momente positiver Irritation

All das ist die Sorte von Kinospaß mit geringer Halbwertszeit, über den man auf keinen Fall zu lange nachdenken darf. Dann aber häufen sich die Momente - positiver - Irritation. So nimmt sich Zack Snyder plötzlich für einen Actionfilm ungebührlich lange Zeit, damit Vater und Tochter über ihr Trauma seit dem Tod der Mutter reden können, und er verlangt dem ehemaligen Wrestling-Champion Bautista dabei Emotionen ab, die eigentlich in einen ganz anderen Film gehören würden.

Als dann noch die attraktive Kämpferkollegin Scott Ward ihre unerfüllte Liebe gesteht, nur um im nächsten Moment von Zombies zermalmt zu werden, beginnt man zu verstehen: Dies ist nicht nur ein lustiger Heist-Film mit Zombie-Fleischeinlage, dies ist auch eine Reise in den Tod, die das Tragische nicht scheuen will. Familienbeziehungen müssen noch einmal besprochen, Fehler eingestanden und verziehen, Versäumnisse und Unmöglichkeiten betrauert, letzte Dinge geklärt werden.

Und man kann es nicht übersehen - das sind die Szenen, um die es Zack Snyder eigentlich geht. Dabei hilft das Wissen, dass der Mann selbst eine Tragödie hinter sich hat. Im März 2017 verlor er auf tragische Weise seine Tochter Autumn, damals zwanzig Jahre alt, danach gab er die Regie des noch unvollendeten "Justice League" ab und zog sich für eine Weile aus dem Filmgeschäft zurück. "Army of the Dead" ist nun sein Comeback und sein Versuch zu zeigen, dass er noch ganz der Alte ist: Immer gut für einen cool-absurden Blockbuster, der im Popcorn-Kino Kasse macht.

Eine Eigenschaft des Kinos aber ist es, dass es gelegentlich ins Innere seiner Macher blicken lässt. Zack Snyder ist nicht mehr der Filmemacher, der er einmal war. Er ist jetzt, auch wenn er das selbst noch nicht wahrhaben will, ein Mann auf der Suche nach Sinn, mit einem Hunger nach Wahrheiten. Es wird spannend zu sehen, wohin das noch führt.

Army of the Dead, USA 2021 - Regie und Kamera: Zack Snyder. Buch: Zack Snyder, Shay Hatten, Joby Harold. Mit Dave Bautista, Ella Purnell, Omari Hardwick. Auf Netflix, 148 Minuten.

© SZ/beg
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