Armin Mueller-Stahl über die Malerei "Die Musik und die Malerei haben verwandte Seelen"

SZ: Sie zerstören die Schönheit und Sie malen Menschen statt Landschaften, ganz im Gegensatz zu Malern wie Nicoli Seroff. Trotzdem äußert dieser im Film Dinge, die Sie so ähnlich auch gesagt haben. Einmal doziert er: 'Die Farben sind wie die Tasten auf dem Klavier', während von Ihnen das Zitat stammt: 'Alle Kunst will Musik werden.'

In den USA im Kino, nun in Deutschland auf DVD: "Die Farben des Herbstes".

(Foto: SUNFILM Entertainment)

Mueller-Stahl: Das ist richtig. Aber er meint damit etwas anderes als ich. Er meint damit die Ordnung in der Malerei. Er will damit sagen, die Farben müssen wie die Noten verteilt werden. Man muss sie blind finden können. Das heißt, das ist ein technischer Vorgang, es geht um Ordnung. Da beginnt wieder die Schönheit, da ist wieder der sanfte Kern Seroffs da.

SZ: Die Musik dient Seroff also als Ordnungsfaktor. Und wie hilft sie Ihnen?

Mueller-Stahl: Mir geht es um die Freiheit, die man in der Kunst hat. Die einzigen Momente, in denen ich wirklich fliegen kann, sind, wenn ich im Atelier male. Die Musik und die Malerei haben verwandte Seelen, sie helfen sich gegenseitig, Grenzen zu überschreiten. Damit meine ich aber nicht verkitschte Natur und Schnulzengedöns.

SZ: Spiegelt die vehemente Ablehnung von abstakter Kunst, die Seroff in dem Film vertritt, Ihre Auffassung von Kunst wider? In einem Interview haben Sie einmal gesagt: 'Wenn ein Künstler blutige Tampons zusammenfügt und teuer verkauft, liegt etwas schief.'

Mueller-Stahl: Ja, das ist wahr. Das habe ich im Lacma-Museum in Los Angeles erlebt. Ich fand das scheußlich und widerwärtig, denn nicht der Künstler verkauft das, sondern die Leute, die an ihm verdienen wollen. Da werden Namen aufgebaut, mit denen man verkaufen kann. Und an diesen Verkäufen verdienen dann viele Leute. Infolgedessen werden die Preise immer höher geschraubt. Das hat tatsächlich aber nichts mit Kunst zu tun. Das hat mit Marketing und dem Talent der Verkäufer zu tun.

SZ: Ohne Zweifel explodieren auf dem Kunstmarkt die Preise. Zu Unrecht?

Mueller-Stahl: Wenn es tatsächlich um Kunst geht, können hohe Preise gerechtfertigt sein. Aber neulich habe ich ein Bild gesehen, da zeichnet einer mit dem Bleistift Kreise, einfach Kreise, nach links rum und nach rechts rum. Zehn Millionen Dollar kostet dieses Bild, einfach weil da ein Name kreiert worden ist. Da fasse ich mich doch an den Kopf. Mein Inneres ist nicht berührt, wie Kaffeesatz bleibt das liegen. Was soll das? Es hat nichts mit Kunst zu tun. Es hat auch nichts mit Schönheit oder Hässlichkeit zu tun.

SZ: Ist Ihre Aversion gegen blutige Tampons im Museum oder Bleistiftkreise als generelle Ablehnung von abstrakter Kunst zu verstehen?

Mueller-Stahl: Nein, überhaupt nicht. Der Strich macht meistens Kunst konkret und die Farben machen die Kunst häufig abstrakt, jedenfalls bei mir. Ich nenne das immer den organisierten Zufall. Das merken Sie, wenn Sie viel Wasser bei Wasserfarben und auch bei Acryl benutzen. Dann laufen die Farben ineinander und haben plötzlich ihr Eigenleben. Und Sie sind überrascht, was da geschieht und sagen: 'Das habe ich nicht gewusst, aber es ist eigentlich viel schöner als das, was ich gewollt hatte." Die Kraft des Zufalls spielt häufig - nicht immer - eine Rolle.

SZ: Eine gewisse Gegenständlichkeit ist Ihren Werken trotzdem zu eigen. Sie malen nicht völlig realistisch, aber vollkommene Abstraktion gibt es bei Ihnen auch nicht.

Mueller-Stahl: Das ist in der Regel auch nicht meine Absicht. Obwohl es einige Sachen gibt, die meinem Können entsprechend, glaube ich, gelungen und abstrakt geworden sind. Generell ist aber die Abstraktion, die nur Dekoration ist, nicht mein Bier.

SZ: In welcher Preislage ist ein "Mueller-Stahl" zu bekommen?

Mueller-Stahl: Darum kümmere ich mich nicht. Ich habe die Preislisten nicht da, ich schwöre es Ihnen. Das macht bei mir der Galerist. Einer wollte da gleich ganz hoch ran, doch zu dem habe ich gesagt: 'Lass mal. Ich habe ja das erste Mal mit siebzig überhaupt erst ausgestellt.' Aber es nimmt zu. Die Leute kaufen jetzt mehr, und darüber freue ich mich natürlich.