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Architekturbiennale Venedig:Langfristig mehr Sinn

Genau deswegen sind die Beiträge die wichtigsten, die das Thema Common Ground zur Reflexion über den Umgang mit dem gemeinsamen Grund, dem öffentlichen Raum nutzen. Nicht nur weil sie es schaffen, ohne viel Übersetzungsleistung die Verbindung zwischen Architekten und Bevölkerung sichtbar zu machen. Sondern weil sie eine Wertigkeit besitzen, die sich andere erst durch ästhetischen Hochleistungssport verdienen müssen.

Völlig zu Recht bekam daher der Beitrag der Architekten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner von Urban-Think Tank den Goldenen Löwen. Mit Rechercheteams von ihrem Büro und der ETH Zürich, an der beide unterrichten, untersuchten sie ein Jahr lang den Torre Davide: einen 45-stöckigen Büroturm, der seit Beginn der Neunzigerjahre halb fertig in Caracas vor sich hinrottet. Mehr als 750 Familien haben sich hier eingerichtet, in ungesicherter Höhe werden Hanteln gestemmt und Haushunde shampooniert.

Es gibt kleine Läden und ein Fußballfeld. "Vertikalen Slum" nennen einige in Caracas die bewohnte Bauruine, die der Architekturfotograf Iwan Baan für die Ausstellung wunderbar porträtiert hat. Dementsprechend wütend waren die Kommentare in der nationalen Presse, als bekannt wurde, dass gerade das "Schandmal von Caracas" auf der wichtigsten Architekturausstellung der Welt gezeigt werden soll. Doch Urban-Think Tank geht es nicht um Sozialromantik. Sie untersuchen, wie das Leben im Torre Davide funktioniert, und leiten daraus Strategien ab, wie sich die Wohnsituation verbessern ließe.

Dass diese Art der Herangehensweise langfristig mehr Sinn macht als generalstabsmäßige Planung von oben, macht das Triptychon von Crimson Architectural Historians sichtbar: Vorne sind darauf die staatlichen Ideen für neue Städte zu sehen, auf der Rückseite dann das, was daraus geworden ist. Ob Geisterstadt oder wuchernder Moloch - ans vorgegebene Raster hat sich niemand gehalten.

Dass Planung von oben manchmal jedoch sehr gut mit dem Unvorhergesehenen der Stadtentwicklung einhergehen kann, wenn diese nur genug Raum bekommt, zeigt Norman Fosters Hongkong Bank HQ: Der Hightech-Büroturm ist so aufgesockelt, dass sich unter ihm ein gewaltiger überdachter Platz ergibt. Jeden Sonntag entsteht dort so etwas wie das öffentliche Wohnzimmer der philippinischen Gastarbeiter. In Pappkartonkojen wird gemeinsam gegessen, Zeitung gelesen, gespielt. Pünktlich zum nächsten Bürotag ist alles wieder verschwunden.

Überhaupt Norman Foster: Dem britischen Architekten gelingt mit seiner Installation "Gateway" der eindringlichste Beitrag dieser Biennale, weil hier die Spurensuche nach dem architektonischen Erbe mit dem Wert des öffentlichen Raums kongenial verknüpft wird. Über den Boden der Blackbox rasen die Namen unzähliger Stadtentwickler und Architekten von der Antike bis heute - und verschwinden plötzlich. Eine Diashow bombardiert die Wände mit der kompletten Bandbreite des Lebens, das auf öffentlichen Plätzen stattfindet. Vom kreisenden Pilger in Mekka bis zu aktuellen Demonstrationen in London und Kairo. Von tobenden Massen bei Sportevents über die konzentrierte Stille in Bibliotheken bis zur dichten Enge der Megacitys. So wichtig die großen Namen sein mögen, sie verpuffen doch, wenn die Bevölkerung ihren Ideen nicht zum Leben verhilft. Ein starkes Plädoyer für die Kraft des öffentlichen Raums, das die Dauer der Biennale überdauern sollte. (Einzelkritiken der Pavillons folgen.)

Common Ground, 13. Internationale Architekturbiennale in Venedig, bis 25. November, Infos unter www.labiennale.org

© SZ vom 30.08.2012
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