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Heimat vs. Urbanisierung:Kann das Land gegen die Stadt wirklich punkten?

In der Landgemeinde Blaibach fühlt sich der Touristen-Hotspot, der zugleich ein Landsterben sein könnte, so an: Im Schlossgasthof gibt es Schweinshaxe mit Knödel und Kraut (sechs Euro), der Friseur heißt, wie sich das gehört, "Haarmonie" und am Bahnhof, der geschlossen wurde, um durch eine Art Bushäuschen ersetzt zu werden, gibt es ein Verzeichnis aller 45 Blaibachstraßen, vom Ahornweg bis zum Weiherwiesenweg. Der Minigolfplatz ist tot. In der Auslage der Sparkasse wird einem das Einfamilienhaus für eine Summe angeboten, die in München eine Doppelgarage kostet. Aber wenn die Teilnehmer des Symposions zum Zukunftslabor "ländlicher Raum" das Labor wieder verlassen, fahren sie wohin? Nach München in die Doppelgarage. Das Comeback, das sich der Landflucht entgegenstemmt, ließe sich auch so formulieren in Blaibach: ach, bleib!

Kann das Land gegen die Stadt wirklich punkten? Muss die Verstädterung, die lange als "unumkehrbar" galt, eine Einbahnstraße sein? Wäre die Balance aus Stadt und Land nicht auch das heterogene Ideal einer differenzierten Gesellschaft? Und braucht man dazu ein Wunder?

Mit dem "Wunder von Vrin" kennt sich am besten Gion Caminada aus. Den 60-jährigen Architekten trifft man am Ende der Welt. In Vrin. Das ist ein Dorf im hintersten Winkel Graubündens. 19 Minuten braucht der Bus von hier bis zum Nachbarort. Sehr oft fährt er nicht. Gegen Vrin ist Blaibach eine Metropole. Gut zweihundert Menschen leben hier. Und das ist ein "Wunder", wie es mal im Spiegel hieß. Denn das Dorf in den Bergen war "schon fast ausgestorben, blutleer wie ein Freilichtmuseum". 40 Jahre lang sei Vrin betroffen gewesen vom Dorfsterben. Doch dann habe Caminada, der Architekt aus Vrin, eine Mehrzweckhalle gebaut, eine Schule und sogar eine Totenstube. Auch dort sei Vrin dann auferstanden von den Nicht-mehr-ganz-so-Lebenden. Mit Hilfe guter Architektur sei Vrin gerettet worden. Bald stieg die Einwohnerzahl. Dann fiel sie wieder. Jetzt stagniert sie.

"Na ja", sagt Caminada, den man an der Schule trifft, die wieder leer ist. Aus einer abgewetzten Lederjacke guckt er einen an, nimmt einen Zug vom Zigarillo und sagt: "Das Wuuuunder, soso." Das Wort mag er nicht. Es stimmt halt einfach nicht. "Ich kann nicht sagen, ob Vrin Zukunft hat, aber wenn, dann läge es nicht nur an guter Architektur oder irgendeinem tollen Kulturbau." Sondern? "Daran, dass man hier außer der guten Luft auch ein gutes Auskommen haben könnte. Einen Grund, zu bleiben. Aber das wäre dann kein Wunder, sondern Ökonomie."

"Deutschland hat die Digitalisierung im Raum verschlafen."

Das weiß mittlerweile auch die Politik. In den Städten, wo die Arbeitsplätze sind, fehlen die Wohnungen. Und dort, wo der Wohnraum ist, fehlt die Arbeit. Man muss jetzt beides tun: Wohnungen in den Städten schaffen - und die Arbeit auf das Land bringen. Alles andere führt nur immer weiter ins Pendler-Pandämonium.

Es gibt im Grunde zwei große Gegenbewegungen zum urbanen Fetisch der Gegenwart. Das eine dürfte die Brunnenkresse sein. Sie ist das Lieblings-Covergirl von florierenden Zeitschriften, die Landlust oder Liebes Land heißen. "Neonature" und "Outdoor" sind virale Sehnsuchtsmomente der Gegenwart. Das andere aber ist die Tatsache, dass Donald Trump auf dem uramerikanischen Land gewählt wurde. Dass der Front National in Frankreich auf dem Land Erfolge feiert. Dass der Brexit in England in der Region beschlossen wurde. Und dass die AfD in Deutschland oder die FPÖ in Österreich meist auf dem Land fischen gehen. Es geht auch immer um die Geografie des soziopolitischen Raumes. Deshalb sind jetzt alle Parteien panisch dabei, allerlei Thesenpapiere zur Stärkung des Landes oder die Idee eines Bundesheimatministeriums in die Welt zu blasen.

Die Heimat ist dies: 93 Prozent der Fläche Deutschlands werden von Gemeinden jenseits der großen Metropolen eingenommen. 60 Prozent der Deutschen wohnen in Landgemeinden, Kleinstädten und kleineren Mittelstädten. Wir sind Provinz - und diese Provinz darf nicht zum Reservat des Abgehängtseins werden. Das Land-Stadt-Schisma beinhaltet daher ungeheure Sprengkräfte. Das Comeback des Landes käme insofern gerade noch rechtzeitig. Einem Wunder dann doch ziemlich ähnlich.

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