Zum Tod von Norbert Koch:Immer Architekt

Lesezeit: 3 min

TERMINAL 2 KURZ VOR EROEFFNUNG

Bereit zum Abheben: In München baute Norbert Koch etwa das Terminal 2 des Flughafens.

(Foto: JOHANNES SIMON/DDP)

Norbert Koch, der auch das Terminal 2 am Flughafen München entworfen hat, ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Von Gerhard Matzig

Vor Jahren wurde man von Norbert Koch in sein damals noch in der Ismaninger Straße in München-Bogenhausen ansässiges Architekturbüro gebeten. Er wartete am Ende eines großen Konferenztisches. Fast hätte man ihn nicht wiedererkannt. Damals. Denn damals - und wie man noch sehen wird: Der Zeitbezug ist bitte zu beachten - rang er gerade um die Existenz seines schon 1970 gegründeten Büros. Ja, in gewisser Weise auch um sein Lebenswerk. Um das Werk eines Mannes, der am 26. Juli 1939 in Würzburg als Sohn eines Architekten und einer Künstlerin zur Welt kam.

Er schien seinerzeit kaum noch etwas zu tun zu haben mit dem die Welt des Bauens so hoffnungsfroh und entschlossen umarmenden Architekten von einst. Der sich zum Beispiel den halben Münchner Flughafen ausgedacht hat. Etwa in Form des Terminals 2 als elegant proportionierte, funktional durchdachte, zeitgemäße und räumlich suggestive Baukunst - schönen Gruß übrigens nach Berlin von hier aus. Der in aller Welt, in China und in Afrika, alles Mögliche realisierte. Der in Leipzig eine Niederlassung betrieb, der in Dresden und Erfurt baute. Der imposante Bauwerke und ganze Stadtteile entwarf. Der Bauender und Lehrender war, Praktiker und Theoretiker. Der sich pionierhaft der Energieeffizienz verschrieb. Der Technik und Ästhetik, Raum, Konstruktion und Form als holistische Herausforderung begriff. Der ein erfolgreicher Architekt war. Einer, der mit seinem Bauen zufrieden sein durfte.

Norbert Koch, 2014

Norbert Koch, geschäftsführender Gesellschafter der K&P Architekten und Stadtplaner GmbH in München.

(Foto: Catherina Hess/SZ Photo)

Aber damals, in der Ismaninger Straße, sagte er doch auch mit einem bitteren Unterton inmitten der Pläne und Modelle: "Ich habe statt mit Papier und Bleistift fast nur noch mit Anwälten zu tun." Er wollte sein Recht. Vergebens. Bitter, wie gesagt. Damals, wie man ebenfalls sagen muss. Gestorben ist Norbert Koch vor einigen Tagen, wie erst jetzt bekannt wurde. Aber nicht am gebrochenen Herzen. Sondern nach vorne schauend, Pläne schmiedend. Pläne! Einmal Architekt, immer Architekt.

Der größte Trost, wenn man sich an die Bitternis vor Jahren im Eklat mit seinen Projekten am Münchner Flughafen erinnert, liegt jetzt in einer Mail, die einen an diesem Donnerstag erreicht hat. Versendet von Jürgen Zschornack, der das Büro Koch + Partner unter dem Dach der Obermeyer Gruppe als Gesellschafter weiterführt. Er schreibt über den Büropartner: "Er war sauer und enttäuscht, aber nicht bitter." Er starb auch nicht an einer dunklen Krankheit oder Melancholie. Er starb im Alter von 82 Jahren an einem häuslichen Unfall. Unternehmungslustig bestimmt, sauer vielleicht. Aber bitter? Auf gar keinen Fall.

Koch war ein Exempel dafür, dass die mittelständische Baukultur von überforderten Bauherren bedroht ist

Was eine große Leistung ist, denn die Anwälte, die man aus gutem Grund bis zu dieser Stelle im Nachruf hat warten lassen, haben beinahe alles dafür getan, um Bitternis hervorzurufen. Und eines kann man sagen: Wenn Norbert Koch einer der Garanten der Baukultur in diesem Land war, so sind die Gegenspieler typischerweise immer häufiger dabei, zu Totengräbern dieser Kultur zu werden. Auch deshalb ist der Fall Norbert Koch exemplarisch. Er macht darauf aufmerksam, dass die hierzulande in oft vorbildlichen Architekturbüros mittelständisch organisierte Baukultur durch überforderte Bauherren eher als durch Planmängel bedroht ist.

Der Streit ist schnell erzählt: Norbert Koch hat als Planer schon seit dem Umzug des ehemals in München-Riem beheimateten Airports ins Erdinger Moos für die Flughafengesellschaft gearbeitet. 40 Jahre lang zu allseits großer Zufriedenheit. Das Terminal 2 plante dann Norbert Koch schon allein - und auch die Erweiterung in Form eines Satellitenterminals stammt von ihm. Doch der Satellit führte zum bis heute rätselhaften Zerwürfnis.

Dem Büro Koch + Partner wurden Honorare für Planleistungen in Millionenhöhe nicht ausgezahlt. Angeblich wegen planerischer Mängel, die aber nicht öffentlich nachprüfbar belegt wurden. Stattdessen wurde das Planungsteam mit Forderungen in bewusst astronomischer Höhe überzogen. Der Bauherr, die Flughafen München Bau GmbH, machte absurde Regressforderungen in Höhe von 16,4 Millionen Euro geltend. Nun ist es so, dass auch beim Bau eines Einfamilienhauses immer mal Bauherr und Planer, Architektin und Auftraggeberin aneinandergeraten können. Das ist am Bau, wo sich in einer zunehmend komplexer werdenden Branche Kosten und Termine häufig in Schieflage befinden, nicht besonders exotisch.

Goliath kann bis in alle Ewigkeit prozessieren, doch David laufen die Kosten davon

Doch wenn man sich als mittelgroßes Büro mit einem titanischen Player anlegt, dann stehen sich bau-, vor allem aber vertragsrechtlich David und Goliath gegenüber. Es ist dann so: Goliath kann bis in alle Ewigkeit prozessieren, doch David laufen die existenziellen Kosten davon. Architekturbüros, die als Folge von Rechtsstreitigkeiten auf berechtigten Honorarforderungen vorerst sitzen bleiben, sind auf Dauer immer chancenlos. Auf der Strecke bleibt dann oft das, wofür Norbert Koch zeit seines Lebens gestritten hat: die Baukultur des Alltags, die sich nur dann einstellt, wenn Bauherren und Architekten auf Augenhöhe und vertrauensvoll agieren.

Was bleibt? Von Norbert Koch unter anderem das Terminal 2, das noch lange von seinem Tun als Architekt und Planer künden wird. Während man die Aktenberge der Anwälte schon jetzt vergessen hat. Norbert Koch lag daran, die Welt mithilfe des Bauens zu einem besseren Ort zu machen. Er wurde seinem Anspruch gerecht.

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