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Architektur:Der Staatsfeind Nr. 1 am Bau

Stephan Braunfels, hier in seiner Wohnung in Berlin, ist ein guter Architekt und exzellenter Stadtplaner. Die Frage ist: Warum baut der nicht?

(Foto: Amin Akhtar/laif)

Der Architekt Stephan Braunfels ist der Sand im Getriebe deutscher Großbaustellen. Viele halten ihn für einen Querulanten. Doch er hat meistens recht.

Von Gerhard Matzig

Genau 68 Stufen sind es. Bequeme, angenehm tiefe Stufen, die man leichtfüßig beschreiten kann und die einem nicht das übliche Treppengefühl geben, wonach man kein Flaneur, sondern ein hinkender Hund wäre. Braunfels kann Stufen - und ja, das ist ein Kompliment.

In einer idealen Welt würde Stephan Braunfels, der mit dem Reporter an einem fast schon surreal heiteren Tag durch das Berliner Regierungsviertel wandert, die elegante und sich gleich neben der Spree nach oben dynamisch weitende, in den Himmel aufschwingende Treppe hochsteigen. Wäre er schließlich oben, mit spektakulärem Blick auf sein Hauptwerk inmitten des Berliner Regierungsviertels, also auf das zum Deutschen Bundestag gehörende Paul-Löbe-Haus auf der einen und auf das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auf der anderen Seite der Spree, so ließe sich der 66-jährige Architekt nun beschreiben als jemand, der angekommen ist.

Der ganz oben ist. Und der dennoch vor dem Nichts steht. Quasi ganz unten.

Denn die Treppe, die so bildmächtig den meisterlich geplanten, tausendfach abgefilmten Politik-Bau erschließt, endet vor einer Fluchttür. Geplant war das anders. Aber wenn man sich die Nase an den grün getönten Scheiben platt drückt, kann man ein Schild im Inneren des vor 14 Jahren eröffneten Hauses entziffern. Zu sehen ist ein Fluchtwegeplan. Ursprünglich sollte hier eine Terrasse mit Grandezza und Café entstehen. Geplant war: Aussicht. Perspektive. Vielleicht kommt das ja noch. Im Leben des Stephan Braunfels ist vieles eine Frage der Stufen und der Perspektiven.

Er plant mittlerweile mehr Pressekonferenzen als Häuser

Etwas Perspektivisches soll es auch jetzt sein, etwas Überraschendes. "Etwas, wo einem die Spucke wegbleibt", sagt er. An diesem Mittwoch eröffnet Stephan Braunfels um zehn Uhr eine Pressekonferenz in Berlin, um ein neues, von ihm erdachtes "Gesamtkonzept für das Kulturforum" zu präsentieren. Der 66-jährige Architekt lädt ein in das Bistro "Die Eins", Wilhelmstraße 67 a. Von hier aus, das ist das Besondere an diesem Ort, kann er Vergangenheit und Zukunft in den Blick nehmen.

Das eine, die Vergangenheit des Architekten, ist glanzvoll und groß, das andere, seine Zukunft, muss man wohl so nennen: relativ offen. Das eine ist ein weithin bekanntes und gerühmtes Werk von Braunfels, die beiden Bauten des Deutschen Bundestages, das Lüders- und das Löbe-Haus, die sich an der Spree zwischen Reichstag und Kanzleramt in ihren raffinierten Geometrien auf so skulpturale Weise und doch so stadtbilddienlich gegenüberstehen.

Das andere, die Zukunft des Architekten, das ist die aktuelle und auch einzige Büroadresse von Braunfels: ein Container an der vorläufig stillgelegten Baustelle zur Erweiterung des Lüders-Hauses. Braunfels darf die Baustelle, die mit Stacheldraht gesichert ist, nicht mehr betreten. Man sieht sich vor Gericht. Im Container will man dem Baukünstler, der schon Filialen in Istanbul und China unterhalten und Dutzende Mitarbeiter beschäftigt hat, demnächst den Strom abdrehen.

Übrigens werden jetzt drei von vier Architekten und fünf von vier Repräsentanten öffentlicher Bauherren raunen: "der schon wieder". Denn Braunfels ist mittlerweile der Michael Kohlhaas der deutschen Architektur, ein Don Quijote am Bau, wobei es die Frage ist, ob er im querulatorischen Wahn gegen Windmühlen kämpft. Oder nicht doch in berechtigter Weise gegen ein System der Gefälligkeiten. In dem einen Fall wäre Don Braunfels ein Narr. Im anderen aber ein Heroe der Baukultur.

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