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Zeitgeschichte und Antisemitismus:Gegen Faktenresistenz

Wolfgang Benz GER Berlin 20171107 Lesung mit Prof Dr Wolfgang Benz deutscher Historiker der Zei

Das Gegenteil eines Professors im Ruhestand: Wolfgang Benz.

(Foto: Gerhard Leber/imago)

Der Historiker Wolfgang Benz feiert seinen 80. Geburtstag. Er ist einer der großen Dienstleister in Sachen Aufklärung und Toleranz.

Von Robert Probst

Vor einiger Zeit sagte Wolfgang Benz, er sei es leid, immer als ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung zu fungieren. Lieber würde er als emeritierter Professor der Zeitgeschichte aus Berlin und als Vorsitzender des Vereins "Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung" firmieren. Nun ist Benz zwar seit zehn Jahren emeritiert, aber das Etikett "ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin" wird er nicht los. Und das nicht nur, weil er dieses einzigartige Institut entscheidend geprägt und von 1990 bis 2011 geleitet hat. Sondern vor allem, weil er als Doyen dieser Forschungsrichtung noch immer mit Leidenschaft bei der Sache ist - und nicht erst seit gestern damit bei vielen Kritikern aneckt.

Wolfgang Benz, der an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert, ist einer der bekanntesten Zeithistoriker Deutschlands und das Gegenteil eines Professors im Ruhestand. Allein seine Monografien über den Nationalsozialismus, den Holocaust, zur Nachkriegszeit, zur Entwicklung der Bundesrepublik und den Antisemitismus in allen Facetten füllen eine halbe Bibliothek. Noch immer wegweisend sind die neun Bände "Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" (2005 - 2011), die er zusammen mit Barbara Distel, der ehemaligen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, herausgegeben hat. Seine Empathie für die Überlebenden des Holocaust führte ihn immer wieder nach Dachau, ganz der nahbare Historiker, der nicht nur im Archiv die Quellen wälzt. Für eines der "Dachauer Hefte" erhielt er 1992 den Geschwister-Scholl-Preis, ebenfalls zusammen mit Distel.

Zum 80. Geburtstag des Historikers und Antisemitismusforschers Wolfgang Benz (9. Juni).
ca. 120 Zeilen.

Standardwerk zu den Konzentrationslagern und eines der großen Forschungsprojekte von Wolfgang Benz: "Der Ort des Terrors" in neun Bänden, erschienen zwischen 2005 und 2011.

(Foto: Verlag C. H. Beck)

Das Forschen und Schreiben ging auch nach dem Ausscheiden aus der TU nahtlos weiter. Das achtbändige "Handbuch des Antisemitismus" (2008 - 2015), das er mit herausgegeben hat, hat Maßstäbe gesetzt. Vor zwei Jahren legte Benz dann etwa mit "Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler" eine umfassende und viel gelobte Studie zur Opposition gegen Hitler vor; allein in diesem Jahr werden zwei weitere Bücher folgen. Bei Benz paaren sich tiefe Faktenkenntnis mit gut lesbarer, pointierter Sprache.

Benz wehrt sich gegen "missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs"

Pointiert, manchmal auch scharf, sind auch seine öffentlichen Stellungnahmen, die ihn in den vergangenen Monaten oft ins Zentrum teils hitziger Debatten geführt haben. So war Benz etwa ganz vorn mit dabei, als im vergangenen Sommer 60 Wissenschaftler und Kulturschaffende einen offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel schrieben und mahnten, eine "missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs" schaffe "zunehmend auch in Deutschland eine Stimmung der Brandmarkung, Einschüchterung und Angst". Die Unterzeichner wandten sich gegen den "inflationären, sachlich unbegründeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismusbegriffs, der auf die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt".

Damit war und ist Benz Partei in dem überaus heiklen Großstreit, wie Antisemitismus zu verstehen sei und wer den Begriff wie verwenden dürfe, etwa in der Deutungsdebatte um die BDS-Bewegung, den postkolonialen Denker Achille Mbembe oder das Jüdische Museum Berlin. Ebenso scharfe Kritik brachte ihm als Herausgeber das Buch "Streitfall Antisemitismus. Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen" (2020) ein; manche Aktivisten meinten gar erkannt zu haben, in einigen Beiträgen sei Judenhass verharmlost worden.

Nüchtern zu bleiben fällt da offenbar schwer. Ein Rezensent assistierte Benz jüngst einen "fast biblischen Zorn über die Faktenresistenz der außerwissenschaftlichen Debatte um Antisemitismus". Dem Deutschlandfunk sagte der Historiker: "Ich bin es ja gewöhnt, dass im Falle Antisemitismus unendlich viele ahnungslose Experten das Sagen haben." Dass so die Vorwürfe und Shitstorms eher nicht aufhören, ist nachvollziehbar. Dass sich einer wehrt, der seine Reputation und seine Expertise auf teils fragwürdige Weise in Zweifel gezogen sieht, ebenso.

Der Kampf gegen Vorurteile profitiert von Fachkenntnis

Im Jahr 2010, bei seiner Verabschiedung aus dem Institut, sagte Benz, es sei wichtig, das Thema Antisemitismus nicht nur als historisches Fach zu bearbeiten, sondern es zu erweitern auf Vorurteile, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung jeglicher Art. Ein solches Institut habe, so Benz, eine "Dienstleistung an die Gesellschaft" zu erbringen - im Sinne von Aufklärung und Toleranz.

Als kluger und entschlossener Dienstleister hat Wolfgang Benz die Aufklärung über den Antisemitismus zu seinem Lebensthema gemacht. Und er beansprucht zu Recht für sich, dass überlegte Urteile und eine differenzierte Analyse in jedem Fall Vorrang haben müssen vor Lautstärke und politischer Gesinnung.

© SZ/jsl
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:Vom deutschen Judenhass

Das ambitioniert geschriebene "opus magnum" des Historikers Peter Longerich über Antisemitismus ist sehr zu empfehlen. In seiner Beschränkung auf den Rassenantisemitismus greift es jedoch zu kurz.

Rezension von Wolfgang Benz

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