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Geschichte der Judenfeindlichkeit:Ruhelos wie Kain

Sicherungsverfahren gegen 29-Jährigen

Teilnehmerin einer Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem Hamburger Strafjustizgebäude, in dem einem Mann der Prozess gemacht wird, der im Oktober 2020 einen jüdischen Studenten schwer verletzt hat.

(Foto: dpa)

Peter Schäfers Geschichte des Antisemitismus ist groß in seiner Kürze. Islamischer Hass auf Juden nimmt sich im Vergleich zum christlichen Dogma marginal aus - die hässlichsten Formen des Antisemitismus sind ohnehin europäische Exportprodukte.

Rezension von Gustav Seibt

Wie lang oder wie kurz ein Geschichtsbuch ist, das ist keine äußerliche Frage. Kurze und zugleich umfassende Darstellungen mögen für Leser einfach und entgegenkommend wirken, für die Verfasser stellen sie eine enorme Herausforderung dar. Wie ein Zoom schaffen sie Überblick, sie nähern sich der Theorie an.

Aber der Zoom der Historiker verfährt nicht mechanisch wie auf Google Maps, er ist an jedem Punkt eine Entscheidung über Auswahl, Gewichtung, zugleich von sprechenden Details und guten Zitaten. Ohne diese würden die Grundrisse abstrakt bleiben. These und Erzählung müssen sich verschränken. Gelingt so eine schmale Synthese, dann ist sie oft mehr wert als vielbändige Handbücher.

Peter Schäfers "Kurze Geschichte des Antisemitismus" verdient eine solche Vorüberlegung. Sie ist ein Meisterwerk, das sich leicht und packend liest, das die Gedankenarbeit, die hinter ihm steht, dabei menschenfreundlich verbirgt.

Schäfer ist einer der weltweit angesehensten Judaisten, dessen Forschungen vor allem dem vormodernen Judentum gelten. Zugleich hat er als Direktor des Jüdischen Museums in Berlin bewiesen, dass er auch ein breites Publikum ansprechen kann. Die im vergangenen Jahr eröffnete, viel gerühmte neue Daueraustellung (SZ vom 21.8.2020) geht wesentlich auf Schäfers Vorarbeiten zurück. Das wurde durch das abrupte Ende seiner Amtszeit verdunkelt.

Sein neues, für ein breites Publikum bestimmtes Buch ist so etwas wie ein krönender Abschluss dieser Arbeit und zugleich die Summe lebenslanger Forschungen. Eine bessere Unterrichtung über den vielfältigen antisemitischen Komplex der europäischen Kultur ist kaum vorstellbar.

Schäfers wichtigste Vorentscheidung besteht in der gleichberechtigten Einbeziehung der vormodernen Judenfeindschaft bis zurück in die Epoche der orientalischen Reiche des Altertums. "Antisemitismus" ist zwar ein moderner, vorwiegend rassistisch kodierter Begriff.

Doch zentrale Motive der Judenfeindschaft halten sich seit dem antiken Hellenismus in genealogischen Abfolgen und Variationen erstaunlich beständig. Die geläufige Unterscheidung eines religiös motivierten Antijudaismus vom modernen Rassenantisemitismus verdeckt diese Kontinuität.

Der Antijudaismus ist kein marginaler Punkt, der sich leicht aus der christlichen Lehre entfernen ließe

Denn das Judentum ist gar keine "Religion" wie es Christentum und Islam sind. Das Religiöse ist hier an eine Abstammungsgemeinschaft, ein Ethnos mit rituellen Praktiken, geknüpft, das einen Bund mit dem Gott eingegangen ist, der es aus Ägypten geführt hat.

Dabei bezieht es sich auf ein Buch, eine Schrift, die Tora (die Bücher Mosis der hebräischen Bibel), befestigt sich durch Ritualgesetze (Beschneidung, Sabbat, Schweinefleischverbot), vor allem konzipiert das Judentum den Gottesbegriff monotheistisch und bildlos.

Schon im griechisch-römischen Altertum erzeugte diese Selbstdefinition, die das Judentum aus polytheistischen und synkretistischen Kulturzusammenhängen entfernte, Befremden, Misstrauen und Ablehnung. Menschenfeindlich seien die Juden, das wurde zum allgemeinsten und beständigsten Vorwurf.

Das biblische Buch "Esther" berichtet von einem ersten Vernichtungsversuch, der Judenexkurs in den "Historien" des Tacitus und römische Dichtungen zeigen unheimlich modern anmutende Vorformen des späteren Antisemitismus. Schon im ersten Jahrhundert fand in Alexandria ein judenfeindliches Pogrom statt.

Doch das eigentliche Drama beginnt mit der Entstehung des Christentums aus dem Judentum. Schäfer macht bewusst, dass der christliche Antijudaismus kein marginaler Punkt ist, der sich leicht aus der christlichen Lehre entfernen ließe.

Er betrifft ihren dogmatischen Kern, und zwar nicht nur bei der Göttlichkeit Jesu, sondern auch in dem, was bis heute Schönheit und Ruhm des Christentums ausmacht: seine Gegenüberstellung von Fleisch und Geist, Gesetz und Glaube, Geist und Buchstaben, seine Idee der Gnade. Hier stehen die Juden für Fleisch, Gesetz, Buchstabe, während die Christen den Pol von Gnade und Erlösung besetzen, also Geist und Glauben.

So entwickelt es Paulus in langen Erörterungen zur Beschneidung, während die Passionsgeschichte die Schuld des gesamten jüdischen Volkes an der Kreuzigung zeigt. Im Johannesevangelium sind die Juden dann schon Söhne der Finsternis, sie werden, so Schäfer, "zu den ewigen Feinden Jesu und Gottes und zu einer wesensmäßig bösen Gegenwelt des Christentums". Die spätere Trennung von theologischer Intention und fataler Wirkung sei brüchig.

Der heilige Augustinus postulierte zwar das Überleben der Juden als "Rest Israels", als Zeugen der Offenbarung bis zum Jüngsten Tag - doch wie Kain, der Mörder Abels, sollten sie rastlos durch die Welt irren und dabei doch nicht der Rache verfallen. Damit war ihre randständige, dauerhaft prekäre und geschundene Existenz im christlichen Kosmos vordefiniert.

Islamische Judenfeindschaft nimmt sich im Vergleich zum christlichen Dogma marginal aus

Von diesen Prämissen entfaltet sich das welthistorische Drama, das Schäfer bis zur Shoah (den Begriff "Holocaust" lehnt er ab) und zum heutigen Staat Israel verfolgt. Dabei verlegt er den Schwerpunkt immer mehr auf Deutschland.

Die dauerhaft bedrohte, von Erpressungen bedrückte Existenz im Alten Reich als kaiserlicher Besitz, die Vertreibung der Juden aus den Städten nach der Pest von 1348, die man ihnen in die Schuhe schob, der rauschhafte, schon protorassistische Hass des späten Martin Luther skandieren eine Feindschaft, die das humanistische Interesse am Hebräischen und der Kabbalistik nur schwach durchbrechen konnte.

Erst vor diesem Hintergrund wird der Fehlschlag, den die Aufklärung für das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zum Judentum bedeutet, in seiner Tragik fühlbar. Nun wurde das Judentum zum Inbegriff der Intoleranz, einer unaufgeklärten, archaischen Vorwelt. Als Individuen sollten die Juden befreit werden, als Gruppe aber in der neuen homogenen und nationalen Bürgergesellschaft aufgehen.

Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus. Verlag C.H. Beck, München 2020. 335 Seiten, 26,95 Euro.

Der biologistische Rassismus, dessen Ungeheuerlichkeit Schäfer mit Zitaten spürbar macht, ist eine Gestalt der Moderne. Die Jahrtausendtradition des Hasses macht mehr als aktuelle Umstände plausibel, warum Entrechtung und Mord im 20. Jahrhundert so vergleichsweise widerstandslos möglich wurden.

Schäfers große Kunst ist das Zitieren, die Fühlbarmachung durch originale Stimmen, dann das Abwägen und Einordnen. So nimmt sich islamische Judenfeindschaft im Vergleich zum christlichen Dogma marginal aus. Sie unterschied sich wenig von der muslimischen Distanz zum konkurrierenden, aber immer als verwandt empfundenen Christentum. Die hässlichsten Formen des Antisemitismus, Ritualmordvorwürfe und Weltverschwörungstheorien, sind ohnehin europäische Exportprodukte.

Das Entsetzen, das diese Darstellung erregen kann, kommt aus seiner Nüchternheit. Der Antisemitismus zeigt sich hier wirklich mit David Nirenberg, dem Schäfer hier folgt, als beständige Rückseite der westlichen Tradition, in lückenloser Abfolge und kaum aus ihr herauslösbar. Gerecht und klar sind Schäfers abschließende Bemerkungen zu Antizionismus, Israelkritik und zur Boykottbewegung BDS. Das Buch ist groß in seiner Kürze. Es hat das Zeug, in den Kanon der Bildung aufgenommen zu werden.

© SZ/crab
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