"Mein Sohn" im Kino:Bei aller Liebe

Lesezeit: 3 min

"Mein Sohn" im Kino: Fremde, wenn sie sich begegnen: Anke Engelke und Jonas Dassler in "Mein Sohn".

Fremde, wenn sie sich begegnen: Anke Engelke und Jonas Dassler in "Mein Sohn".

(Foto: Warner Bro)

Und plötzlich ist nichts mehr wie früher: Anke Engelke und Jonas Dassler spielen eine Mutter und ihren Sohn im Roadmovie "Mein Sohn".

Von Martina Knoben

Wenn Kinder erwachsen werden, verwandeln sie sich schon mal in Außerirdische für ihre Eltern. In Menschen, die, bei aller Liebe, merkwürdig, fremd, vielleicht sogar unsympathisch geworden sind. In diesem Sinn ist die Beziehung zwischen Jason (Jonas Dassler) und Marlene (Anke Engelke) völlig normal: Zottelig stehen Jasons blondgefärbte Haarspitzen ab, die Frisur gewordene Abschottung. Mit seiner überfürsorglichen Mutter will er möglichst wenig zu tun haben. Jason liebt die Freiheit und sucht den Kick, auf dem Skateboard und im Nachtleben. Vorsicht? Ist für Alte. Nach einer Nacht im Club hängt er sich besoffen an einen LKW. Und landet, schwer verletzt, im Krankenhaus und wieder in der Obhut von Marlene.

Wie Anke Engelke in der Rolle der Mutter im Krankenhaus auftaucht, eine kleine, zerbrechlich wirkende Person, der der Kummer im zerquälten Gesicht steht, macht gleich klar, was für eine tolle Charakterdarstellerin die als Komödiantin bekannt gewordene Schauspielerin ist. Ihr erster Satz an die behandelnden Ärzte gilt nicht Jasons Gesundheit: "War er eigentlich betrunken?", will sie wissen. Jasons Leichtsinn ist für sie ein Verrat an ihrer Mütterlichkeit.

"Mein Sohn" ist vor allem Marlenes Film, und man möchte allein schon bejubeln, dass es so einen Film mittlerweile im Kino gibt: mit einer Frau über fünfzig in der Hauptrolle (die nicht Meryl Streep ist), deren Charakter nicht auf ein spätes Liebesglück oder die (lösbaren) Probleme des Älterwerdens fokussiert ist. Die vielmehr ganz komplex sein darf - Marlene ist Mutter, Fotografin und Lebens- und Liebespartnerin eines meist abwesenden Filmmannes.

Schön ist die Ernsthaftigkeit, mit der Lena Stahl, die auch das Drehbuch geschrieben hat, in ihrem Spielfilmdebüt das Thema "Mutterschaft" auslotet. In diesen Zeiten, in denen Kinder das Sinnstiftendste sind, was den meisten Menschen einfällt, kommt der kitschfreie, auch desillusionierte Blick von "Mein Sohn" gerade recht.

"Mein Sohn" im Kino: Der Kummer einer Mutter: Anke Engelke als Marlene am Krankenbett ihres Sohnes.

Der Kummer einer Mutter: Anke Engelke als Marlene am Krankenbett ihres Sohnes.

(Foto: Warner Bro)

Weil Jason nach seiner Verletzung nicht fliegen darf, fährt Marlene ihn in ihrem alten Volvo von Berlin zu einer Rehaklinik in die Schweiz. Ein ungerührt konstruierter Vorwand, um, wie in diversen ähnlich gestrickten Roadmovies, die Figuren, die einander fremd geworden sind, auf eine Beziehungsreise zu schicken. Der großartige Jonas Dassler, der in Fatih Akins "Der goldene Handschuh" das Frauenmördermonster Fritz Honka spielte, verkörpert Jason als blauäugigen Kind-Mann und darf seinen abgründigen Jungscharme ausspielen. Was in Jasons Kopf hinter dem Vorhang seiner Zottelhaare vor sich geht, weiß der Zuschauer ebenso wenig wie Marlene. Mit seinem Grinsen hält er alle auf Distanz. Auch nach seinem schweren Unfall hält er sich für unverwundbar, zeigt seine Wunden wie Trophäen und grinst die Konsequenzen scheinbar lässig weg. Marlene rät er, mal weniger zu analysieren und zu kontrollieren und das Leben einfach nur anzupacken - da macht er einen Punkt. Großartig, wie zerknittert, verbiedert und von ihren Ängsten niedergedrückt Anke Engelke Marlene spielt. Da scheint eine Menge ungelebtes Leben durch. Aber hat sie nicht auch recht damit, dass es ohne ein Mindestmaß an Kontrolle, ohne verlässliche Partnerschaften und liebevolle Zuwendung durch andere nicht geht?

Jason fühlt sich toll, wenn er von einem hohen Felsen in den See springt. Marlene hat den viel größeren Sprung gewagt

Inszeniert ist das aufregend unaufgeregt, der Film konzentriert sich ganz auf die Begegnungen und Ausweichbewegungen von Mutter und Sohn - ein Roadmovie wie ein Kammerspiel. Der Film schlägt sich dabei weder auf Jasons noch auf Marlenes Seite. Weil auch schauspielerisch Anke Engelke und Jonas Dassler ebenbürtige Partner sind, ist das Ringen zwischen ihnen spannend. Auf ihrer Reise treffen die beiden Jonas' ehemalige Babysitterin (Hannah Herzsprung), die in einer Aussteiger-Kommune auf dem Land lebt, und ein Vater-Tochter-Paar in einer kühl gestylten Villa. Diese Reisestationen stehen, etwas zu schematisch, für konträre Lebensentwürfe: Wie viel Lebenskontrolle ist sinnvoll - und überhaupt möglich? Ist es, zum Beispiel, klug, ein Baby auf dem Land bei einer Hausgeburt zur Welt zu bringen, wo die nächste Neonatologie im Notfall unerreichbar fern ist?

Nebenbei erfährt der Zuschauer, warum Jonas' und Marlenes Beziehung dann doch nicht so ganz "normal" ist, wie anfangs gedacht. Warum Marlene, die als Fotografin ein Angebot hatte, zu einer berühmten Agentur nach New York zu wechseln, nie dort angekommen ist. Jason fühlt sich toll und lebendig, wenn er von einem hohen Felsen in einen See springt. Den größeren Sprung hat Marlene längst gewagt - er hat sie allerdings ängstlich und hyperfürsorglich gemacht.

Es gibt Ereignisse im Leben, danach wird es nie mehr wie früher. Mutterschaft zum Beispiel.

Mein Sohn, D 2021 - Regie, Buch: Lena Stahl. Kamera: Friede Clausz. Schnitt: Barbara Gies. Musik: Angela Aux, Cico Beck & Nicolas Sierig. Mit: Anke Engelke, Jonas Dassler, Hannah Herzsprung. Verleih: Warner Bros., 87 Minuten.

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