Angela Merkel im Kino:Ein Film, der zur kollektiven Geschichte des Ostens gehört

Es beginnt "Die Legende von Paul und Paula" von Heiner Carow, der Defa-Film von 1973, den Angela Merkel sich ausgesucht hat, weil er sie seinerzeit "sehr begeistert" hat. Sie hat ihn mit achtzehn Jahren gesehen, zu Anfang ihres Physikstudiums in Leipzig - und dann, wie sie zur Einführung verrät, nie wieder. Es gilt also auch herauszufinden, was in vergangenen vierzig Jahren gleich noch mal passiert ist, mit der DDR, mit Paul und Paula, mit Angela Merkel.

Riskant ist diese Wahl jetzt nicht, der Film war einer der erfolgreichsten der DDR überhaupt. Paula alias Angelica Domröse, diese ernergiesprühende Glückssucherin, und Paul alias Winfried Glatzeder, mit der gebrochenen Boxernase und der herrlich gebrochenen Persönlichkeit - dieses surreal-realistische, verückt-normale Paar gehört zur kollektiven Geschichte des Ostens wie die Dialoge von Ulrich Plenzdorf und die unter anderem von Slade geklauten Songs der Puhdys, die lyrisch gleich mal das Feld des sympathischen Wahnsinns aufmachen, das den Film durchzieht: "Weck sie nicht, bis sie selber sich regt/ ich hab' mich in ihren Schatten gelegt." Wo bitte führt das denn hin?

Es führt in keinerlei ideologische Sackgasse, das ist das Schöne und Zeitlose an dem Film - im anschließenden Gespräch führt es aber auch nur zu der mit Emphase verkündeten These, dass in der DDR trotz allem Menschen lebten, bei denen es sogar menschlich zuging. Darüber unterhält sich Merkel nun mit dem Filmemacher Andreas Dresen, der so etwas wie der Bannerträger des Defa-Erbes geworden ist.

Um echte Filmkennerschaft, wie sie etwa Steinbrück seinerzeit mit breiter Brust behauptet hatte, geht es dabei nicht einmal am Rande. Sondern gleich ums ewige Kohlenschippen im Hinterhof, um die sagenumwobenden Mischbatterien aus Finnland, um die beste Kampfstrategie an den Kassen der Kaufhallen und um die Feierabend-Disco der Physiker an der Leipziger Uni, wo Angela Merkel als Barfrau für Kirschwodka fungierte.

Es wird viel gelacht. Merkel wirkt zunehmend gelöst, nun scheinbar ganz unter Freunden, die sich - sollten sie damals zufällig im Westen gelebt haben - alle Mühe geben, sich für diesen Abend als Ossis zu imaginieren. Ist das, was hier jetzt entsteht, etwa die vielbesungene Nestwärme der DDR?

Brutal in diese Stimmung hinein platzt dann die Frage eines Bild-Reporters zu Merkels Vergangenheit als FDJ-Sekretärin - und ob sie als solche, anders als bisher angegeben, nicht doch auch für "Agitation und Propaganda" zuständig war. Dresen will das, der allgemeinen Empörung folgend, sogleich abbiegen, aber Merkel ist inzwischen geradezu triumphal entspannt: "Nur mal ran an' Speck", ermuntert sie den gnadenlosen Investigator.

Ihre Antwort ist dann nicht von kalter, abwehrender Professionalität, sondern auch stockend, suchend, unvollständig. "Also es geht um meine Erinnerung, und wenn sich jetzt was anderes ergibt, kann ich damit auch leben. Was mir wichtig ist: Ich hab' nie irgendwas verheimlicht."

Kein bisschen heroischer als sie war oder ist

Ihre mutmaßlich ziemlich regimetreuen Marxismus-Leninismus-Arbeiten etwa, nach denen der Spiegel vor Jahren schon mal gefahndet hatte - "ich hab' wirklich keine Kopien mehr, hab' mich mit dem Blaupapier damals immer so schwergetan." Und weitere Mitgliedschaften? "Ja, ich war im FDGB. Und ich kann gleich noch bekennen, das hat glaube ich auch noch niemand gefragt - ich war auch Mitglied in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. So."

In diesem Moment glaubt man tatsächlich, dass Merkel in diesem Abend danach strebt, ganz sie selbst zu sein - kein bisschen besser oder heroischer oder intereressanter, als sie war oder ist. Je länger das Schauspiel dauert, desto mehr kehrt sich die Ausgangsfrage dann auch um. Also nicht: Wer ist diese mächtige Frau im Privaten wirklich? Sondern: Wie konnte diese höchst normale, offensichtlich sympathische und so ostentativ nicht über den Durchschnitt hinausragende ehemalige DDR-Bürgerin bloß so mächtig werden? Das Rätsel bleibt.

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