"Alles ist gut" im Kino Opfer sind immer die anderen

Martin und Janne (Hans Löw, Aenne Schwarz) lernen sich auf einer Party kennen. Was folgt, ist eine Nacht, die beide ganz unterschiedlich auslegen.

(Foto: NFP)

"Alles ist gut" handelt von den Folgen einer Vergewaltigung - und natürlich ist gar nichts gut. Vielmehr appelliert der Film an alle, die Opfern gern vorwerfen, dass sie sich nicht sofort zu Wort melden.

Von David Steinitz

"Lass mal schlafen", sagt die Frau. "Lass mal küssen", sagt der Mann.

Nach einer Party mit zu viel Bier und Schnaps stehen Janne und Martin sich in den frühen Morgenstunden betrunken und verschwitzt in der Küche gegenüber. Die beiden haben sich erst am Abend kennengelernt, am Zigarettenautomaten. Es folgte ein freundschaftliches Trinkgelage, gemeinsames Oldie-Grölen, "The Passenger" von Iggy Pop, "Singin' la-la-la-la-la-la-la-la". Dann hat sie ihm angeboten, bei ihr auf der Couch zu übernachten.

Aber er will nicht glauben, dass es das dann auch schon gewesen sein soll mit dem Abend. War doch klar, worauf das hinausläuft. Oder? Er beugt sich nach vorn, probiert einen Kuss. Sie drückt ihn weg. "Merkst du das eigentlich", fragt er, "wie du mich hier hängen lässt?"

Er packt sie und setzt sie auf die Anrichte. Sie stößt ihn weg, diesmal kräftig, fällt dabei hin. Er beugt sich zu ihr runter und legt ihre Hand in seinen Schritt. Sie zieht die Hand weg, er drückt sie auf den Boden und fummelt sich hektisch die Hose runter. Die Holzdielen knarzen, während er stößt und keucht.

Diese eineinhalb Minuten Geschlechtsverkehr stehen am Anfang von Eva Trobischs Spielfilmdebüt "Alles ist gut". Darin erzählt die Regisseurin von den Konsequenzen dieser Nacht. Janne (Aenne Schwarz) ist so überrascht von dem, was passiert ist, dass sie das Erlebte niemandem erzählen will; ihrem Freund nicht, mit dem es gerade sowieso eher schlecht als recht läuft, und erst recht nicht ihrer überbehütenden Mutter.

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Sie will es eigentlich nicht einmal selbst wissen oder es zumindest nicht mit diesem einen Wort belegen, das in seiner Abstraktheit so gar nicht in ihre Lebenspraxis zu passen scheint: Vergewaltigung. War das, was da passiert ist, eine Vergewaltigung? Das würde ja bedeuten, dass sie zu einem Opfer geworden ist, eine Rolle, die sie mit ihrem Selbstverständnis als Frau, die gut auf sich aufpassen kann, nie in Verbindung gebracht hätte. Opfer - das sind immer andere, sie kann sich ja doch wehren. Andererseits: Was in dieser Nacht passiert ist, das war doch auch nicht einfach nur schlechter Sex, ein mieser, verunglückter, besoffener Seitensprung?

"Alles ist gut" ist schon vor dem Kinostart an diesem Donnerstag mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem bekam Eva Trobisch, eine Absolventin der Münchner Filmhochschule, beim Filmfest München den Regiepreis in der Kategorie "Neues deutsches Kino" verliehen; ihre Hauptdarstellerin Aenne Schwarz gewann zudem als beste Schauspielerin. Beim Festival in Locarno wurde "Alles ist gut" als bester Debütfilm gekürt.

Was in der Nacht passiert ist, war doch kein schlechter Sex. Aber was war es dann?

Das Werk ist in der hitzigen Debatte um sexuelle Übergriffe, in der viele Menschen schnell mit Meinungen bei der Hand sind, wer an was schuld ist und wer sich deshalb wie zu verhalten habe, eine Ausnahmeerscheinung. Denn genau diesem Schwarzweißdenken verweigert sich die Regisseurin. Stattdessen will sie den komplizierten Graubereich erkunden, in dem die Verarbeitung solcher Erlebnisse vermutlich viel öfter stattfindet, als dass sie sich einfach kategorisieren und in Schuldschubladen einteilen lassen. Was passiert, wenn eine junge Frau wie Janne sich weigert, ein Opfer zu sein? Gibt es dann auch keinen Täter, kein Problem, keine Konsequenzen? Kann man ein Trauma durch stoisches Negieren einfach ungeschehen machen?

Das Kino, das wie kaum eine andere Kunst Verdrängungsmechanismen sichtbar machen kann, den Widerspruch zwischen Wissen und Handeln, zwischen Sprache und Gefühl, ist natürlich ein ideales Mittel, um solchen Fragen nachzuspüren. Und die 35-jährige Regisseurin macht das, gerade für eine Kinodebütantin, mit einem beeindruckenden Geschick für Inszenierungsfeinheiten und Dramaturgie.

Janne trifft ihren Vergewaltiger Martin (Hans Löw) wieder, als sie einen neuen Job als Lektorin antritt. Er kennt ihren Chef, soll als Berater die Zusammenlegung zweier Abteilungen betreuen. Durch diese Konfrontation entsteht bei ihr aber noch mehr das Bedürfnis, diese eine Nacht zu leugnen, denn wie soll ihr Leben weiter richtig funktionieren, der Job, die Beziehung, wenn das, was passiert zu sein scheint, wirklich wahr ist. Deshalb: vorsichtshalber mal so weitermachen, als sei nichts gewesen. Als die beiden sich in der sterilen Bürotristesse des Kopierraums über den Weg laufen und er kleinlaut fragt, ob er denn irgendwas für sie tun könne, lacht sie nur laut auf. "Kannst mir ja mal 'ne Tafel Schokolade mitbringen."

Wie sich die Protagonistin immer weiter in eine emotionale Sackgasse manövriert, die dann in einer absurden Alltagssituation zum Zusammenbruch führt, zeigt der Film nicht als Betroffenheitsmelodram, sondern mit der ganzen harten unlogischen Logik, mit der Menschen sich selbst belügen können, wenn sie Extremsituationen ausgesetzt sind. Ein Film, den man gerade all jenen Schreihälsen zeigen sollte, die Opfern gerne vorwerfen, dass sie sich nicht sofort zu Wort melden, wenn ihnen etwas passiert ist, sondern oft erst viel später dazu in der Lage sind. Warum wohl?

Alles ist gut, D 2018 - Regie, Buch: Eva Trobisch. Kamera: Julian Krubasik. Schnitt: Kai Minierski. Mit: Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw, Tilo Nest. NFP, 94 Minuten. (Ab Donnerstag.)

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