Sachbuch "Horror im Comic":Verführung zum Grauen

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Sachbuch "Horror im Comic": Eyes wide open: Ausschnitt eines Covers von "Black Cat".

Eyes wide open: Ausschnitt eines Covers von "Black Cat".

(Foto: Avant Verlag)

Wie Horror im Comic die Bilder unseres Unterbewussten ans Licht brachte und deswegen bald in den Untergrund gedrängt wurde, erzählt Alexander Braun in seiner Geschichte des Genres.

Von Fritz Göttler

Das Markenzeichen war EC, es signalisierte Horror pur im amerikanischen Comic, in all seinen diversen drastischen Formen. Und ein drastisches Ereignis gab es zu Beginn der EC-Verlagsgeschichte, einen Crash. Der Verleger Max Gaines hatte in den Dreißigern erkannt, dass man die beliebten kurzen und kurzweiligen Bildgeschichten nicht nur den Zeitungen verkaufen konnte, als Comic-Streifen, sondern in eigenen Heften, am Kiosk. Educational Comics nannte er sie erst mal, und die startete er 1946 in seinem eigenen Verlag, biblische oder pädagogisch instruktive Bildgeschichten für Jugendliche. Ein Jahr später, bei einem Ferienaufenthalt am Lake Placid, raste ein Sportboot in das Boot von Max Gaines und durchschnitt es, bei dem Unfall kam auch der Verleger zu Tode, am 20. August, einen Tag vor seinem 53. Geburtstag.

Der Sohn Bill Gaines übernahm den Verlag, er scharte kreative junge Erzähler und Zeichner um sich, aber mit ganz anderen Vorgaben - innerhalb von zwei Jahren hatte er die Educational in Entertaining Comics umgewandelt und Heftserien etabliert wie "Vault of Horror" oder "Crypt of Terror". Das Markenzeichen EC war etabliert.

Die EC Bände waren Störenfriede, sagt Alexander Braun, der unermüdliche Comic-Fan und -Chronist, der nach diversen Studien und Ausstellungen zu Winsor McCay, George Herrimans Krazy Kat oder Will Eisner seinen neuen Wälzer dem Horror in den Comics widmet - mit jeder Menge blutiger und perverser, verdrehter und grotesker Abbildungen, die die Lust am Schaurigen, Anarchischen, Halloweenesken befriedigen, die erschüttern und verstören. Eine Pathologie des dunklen Untergrunds der amerikanischen Kultur und der Aktionen der puritanisch-spießigen Nachkriegsgesellschaft dagegen. Alles findet diese Gesellschaft in diesen Comics ins Bild gebracht, was sie mit Tabus belegt und verdrängt, Sexualität, Unterdrückung, exzessive Gewalt. Im Dezember 1953 gab es eine Story in ShockSuspenStories über den Ku-Klux-Klan in einem Städtchen, der eine weiße junge Frau mit hundert Peitschenhieben bestraft, weil sie sich mit falschen Leuten eingelassen hatte, sie überlebt das nicht. Die Story endet mit einem emphatischen Appell, sich solcher Zerstörung demokratischer Freiheiten zu widersetzen. Horror mit einem erstaunlich moralischen Impuls.

Ein Senatsausschuss sollte die Gefährdung der amerikanischen Jugend untersuchen

Die schockierende, schmerzliche Aggressivität dieser Bilder gegen den menschlichen Körper - Deformation, Verstümmelung, gespreizte Finger, schreckensweite Augen - hat eine lange Tradition in der darstellenden Kunst, die Alexander Braun aufgreift, Rembrandts "Die Anatomie des Doktor Tulp", Artemisia Gentileschis oder Caravaggios "Judith und Holofernes", Goya und seine "Schrecken des Krieges", oder, ein schockierender Hingucker, Jan de Baens "Die Leichen der Brüder De Witt", um 1672, kastriert und ausgeweidet. Susan Sontag bringt Pornografie und Body Horror zusammen, es sei "der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidende Leiber zeigen, fast so stark ... wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind". Und Alexander Braun kommentiert: "Beides wollen zu dürfen ist ein Grundrecht."

Sachbuch "Horror im Comic": Steve Ditko, der später bei Marvel zusammen mit Stan Lee Spiderman erfand, entwarf diesen geifernden Riesenwurf für ein Cover für "The Thing" (1954), von dem wir einen Ausschnitt zeigen.

Steve Ditko, der später bei Marvel zusammen mit Stan Lee Spiderman erfand, entwarf diesen geifernden Riesenwurf für ein Cover für "The Thing" (1954), von dem wir einen Ausschnitt zeigen.

(Foto: Avant Verlag)

Das sahen die Republikaner in Amerika ganz anders, sie reagierten empfindlich auf die Horror-Comics, die ihnen die eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst machten. Ein Senatsausschuss wurde eingerichtet, der die Gefährdung der amerikanischen Jugend untersuchen sollte - gleich dem, der die kommunistische Unterwanderung Hollywoods untersuchte. Sein akademischer Prophet war der Psychologe Dr. Fredric Wertham, mit seinem Bestseller "Seduction of the Innocent". Bill Gaines und sein Verlag bekamen die volle Breitseite ab, die Konkurrenz duckte sich weg. 1954 wurde die Comics Magazine Association of America (CMAA) gegründet, so wie es die Filmindustrie in den Zwanzigern gemacht hatte, als sie den ominösen Hays Code einführte. Man verzichtete auf alle brisanten, aber auch gesellschaftskritischen Aspekte. Der Verlag von Bill Gaines überlebte nur durch den phänomenalen Erfolg seines satirischen MAD Magazins.

Der Code provozierte natürlich Widersetzlichkeit, und die Underground Comics der Sechziger um Robert Crumb und Co. nahmen die Selbstkontrolle sowieso nicht ernst. 1971 wurden dann die Regeln des Codes gelockert, bestimmte Motive wurden wieder zugelassen, wenn es eine literarische Tradition dafür gab - Dracula, Frankenstein und sein Monster, der Wolf Man. Mit diesen stieg dann Marvel sofort groß ins Horror-Geschäft ein. Gegen diese starke Konkurrenz bot der kleine unabhängige Warren Verlag Vampirella auf, eine Vampirin, für die Frank Frazetta, der Flesh-and-Fantasy-Star-Illustrator, ein gewagtes rotes Kostüm kreierte.

Geister und Zombies, Apokalypse und Psychopathen, Unterwasserwesen und Outer Space

Im ersten Teil berichtet das Buch vom Kampf zwischen Anarchie und Zensur, im zweiten öffnet Alexander Braun dann sein unerschöpfliches Archiv mit thematischen Aspekten, Geister und Zombies, Apokalypse und Psychopathen, Unterwasserwesen und Outer Space. George A. Romeros Klassiker "Night of the Living Dead" wird dabei mit dem Lynchmassaker von Tulsa 1921 in Zusammenhang gebracht, der pathologische Horror der Hexenverfolgung erwischt sogar Batman und Superman, als es sie nach Salem im Jahr 1692 verschlägt, wo Batman auf dem Scheiterhaufen landet.

Sehr schön und stimmungsvoll ist, fast ein Epilog, der Blick auf italienische Horror-Comics, von denen man einst lustvolle Eindrücke erhaschte beim Italien-Urlaub in den Siebzigern und frühen Achtzigern, Kriminal oder Diabolik oder Satanik ... Oder der Ermittler Dylan Dog, ein trockener Alkoholiker, Vegetarier, VW-Käfer-Fahrer, sein Assistent heißt (und schaut aus wie) Groucho, und die Titelbilder sind schon mal von Magritte inspiriert oder vom Schrei von Edvard Munch. "Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Dylan Dog, einer der klügsten Genre-Comics überhaupt, mehr oder weniger ein italienisches Phänomen geblieben ist."

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