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Aladdin-Neuverfilmung:Ist "Aladdin" rassistisch?

Mena Massoud, Will Smith

Die neue Disneyverfilmung von „Aladdin“ mit Mena Massoud (links) und Will Smith.

(Foto: Daniel Smith/Disney via AP)

Und was bildet für den Stoff eigentlich die Vorlage? Über Entstehung und Wirkung eines literarischen Hybrids, der durch dreihundert Jahre verwurstet ist.

Diesen Aladdin mag ich, muss ich gestehen. Er ist mein erster arabischer Freund gewesen. Noch bevor ich lesen lernte, begegnete er mir in Gestalt einer Hörkassette. Ich hörte sie so oft, dass ich sie schließlich auswendig konnte und die Geschichte allen erzählte, wobei aus heutiger Perspektive kritisiert werden müsste, dass ich den Orient weder authentisch noch politisch korrekt wiedergegeben habe. Ganz abgesehen davon, dass eine solche Hörkassette für Kinder eine höchst zweifelhafte philologische Quelle ist. Sie hatte mit der überlieferten Originalversion der Aladdin-Saga so wenig zu tun wie das klamaukartige Musical, das Disney nun auf die Leinwand gebracht hat.

Die Vorlage für dieses Remake ist ohnedies nicht der originale Aladdin-Stoff, sondern der Trickfilm aus dem Jahre 1992. Was aber ist das Original? Die ursprüngliche Quelle ist nach gegenwärtigem Stand der Dinge gar nicht arabisch, sondern französisch. Sie stammt aus dem Jahr 1712 und findet sich im neunten Band von "Les mille et une nuit", der ersten Übersetzung von Tausendundeine Nacht ins Französische durch Antoine Galland.

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Zoom - die Kinopremiere

Nur für echte Disney-Nostalgiker: "Aladdin"

Das Remake des Disney-Klassikers ist eines unter vielen in den vergangenen Jahren. Das ist ermüdend - dürfte Fans aber Spaß bringen.

Der Aladdin-Stoff zählt damit zu den Texten von "Tausendundeine Nacht", für die sich partout keine arabische Vorlage ausmachen lässt. Gemäß einem Tagebucheintrag Gallands von 1709 hat er "Aladdin" von einem maronitischen Christen aus Aleppo in Paris erzählt bekommen. Die Geschichte ist auch in heutigen Druckversionen so lang wie ein kleiner Roman. Es stellt sich die Frage, wie hoch der Anteil Gallands bei der Ausgestaltung des Stoffes ist.

Einige Literaturwissenschaftler sind überzeugt, dass sich etliche europäische Märchenmotive in den arabischen Kern der Geschichte eingeschlichen haben. Klar ist jedenfalls, dass der Stoff bereits bei seinem erstmaligen Auftauchen 1712 in Paris ein Hybride ist, ein literarischer Bastard. Folglich ist es unsinnig, seine weiteren Bearbeitungen, Übersetzungen und medialen Transformationen mit Maßstäben der Treue zum Original oder der Treue zu Schauplätzen, Milieus, geschweige denn der Aussageabsicht irgendeines Verfassers zu messen.

Wenn je ein Stoff offen war für Plagiate aller Art, dann dieser

Das aber wiederum heißt: Die Disney-Studios verfahren mit der Aladdin-Geschichte genau so, wie immer schon damit verfahren wurde. Wenn je ein Stoff frei war, ohne Copyright, offen für Plagiate aller Art, dann dieser. Es gibt wohl kaum ein Medium oder Genre, in dem Aladdin in den letzten dreihundert Jahren nicht verwurstet wurde. Das neunzehnte Jahrhundert verzeichnete sage und schreibe sieben deutsche, zwei französische, zwei englische, eine italienische und eine dänische Aladdin-Oper. Der dänisch-deutsche Dichter Adam Oehlenschläger legte 1815 ein Aladdin-Drama vor, das von Zeitgenossen auf einer Ebene mit Goethes "Faust" angesiedelt wurde. Die Hörkassette, der Disney-Trickfilm von 1992 und nun die Variante mit echten Schauspielern sind nur die jüngste Fortschreibung dieser hybriden Stoffgeschichte, in der Plagiat, Parodie und freie Bearbeitung gar nicht mehr zu unterscheiden sind. Woran soll man eine solche Geschichte messen, außer an ihrem - unbestreitbaren - (Massen-)Erfolg?

Dass es sich bei den orientalischen Märchen um gut verkäufliche Unterhaltungsliteratur handelte, wusste man immer schon, und war der Grund, warum Galland sich weitere arabische Geschichten mündlich berichten ließ, als die Manuskripte, die er von seinen Reisen in den Orient mitgebracht hatte, erschöpft waren. Schon die gebildeten Araber des Mittelalters sahen auf diese und andere volkstümliche Erzählungen herab wie die Gebildeten heute auf die Disney-Verfilmung. Die Verachtung, die den Geschichten von Tausendundeine Nacht - und Aladdin ganz besonders - seit jeher entgegenschlug, ist zu einem integralen Teil von ihnen geworden.

Nun hat der Rat für amerikanisch-islamische Beziehungen (CAIR) vor dem Aladdin-Film gewarnt und darauf hingewiesen, dass der Stoff tief in Rassismus, Orientalismus und Islamophobie verwurzelt sei. Dabei haben sich die Macher diesmal angeblich besonders viel Mühe gegeben, um die rassistischen Stereotypen zu vermeiden, die im Zeichentrickfilm von 1992 noch offensichtlich waren. So kommt der Islam im Film gar nicht mehr explizit vor, abgesehen davon, dass die Schauplätze unübersehbar solchen nachempfunden sind, wie wir sie aus der muslimischen Architektur kennen. Die vielen Türmchen suggerieren Minarette, der Palast des Sultans ähnelt der Hagia Sophia - die freilich ursprünglich eine Kirche war -, und der Taj Mahal, ja überhaupt die Mogularchitektur Indiens ist ebenfalls kräftig in dieser Disneyland-Kulisse verbaut.