Im Gespräch: Ai Weiwei:Ich bin "wegharmonisiert" worden

SZ: Da muss doch der Gedanke ans Exil naheliegen.

Ai: Nein, das ist das Letzte, was ich will. Allerdings haben mir Beamte von der Staatssicherheit, während sie mich verhört haben, schon dazu geraten. Ich solle vielleicht besser ins Ausland gehen, sagten sie. Ich sei ein einflussreicher Künstler, aber es werde hier allmählich gefährlich für mich. Doch das wäre meine allerletzte Wahl.

SZ: Obwohl Sie direkt bedroht werden?

Ai: Ich sehe das Risiko, hier zu bleiben. Wenn ich mir die Geschichte meines Landes anschaue, dann hat es mit Menschen, die hier die Autoritäten in Frage stellen, noch nie ein gutes Ende genommen.

SZ: Sehen Sie in China derzeit noch Möglichkeiten für Künstler, eine öffentliche Rolle zur Veränderung der Gesellschaft zu spielen, wie es ja die Aufklärung in Europa gefordert hatte?

Ai: Kaum. Für das öffentliche China existiere ich ja gar nicht mehr. Wenn Sie meinen Namen in eine Suchmaschine im Internet tippen, dann erscheint eine Fehlermeldung. Ich bin "wegharmonisiert" worden. Aber wenigstens auf Twitter, das innerhalb Chinas noch mit technischen Tricks erreichbar ist, habe ich noch 70.000 Follower. Ich kommentiere da gesellschaftliche Probleme, damit die Leute sehen, dass das Feuer nicht komplett erloschen ist. Dass wenigstens noch ein Funke lebt. Wenn auch der noch erlöschen sollte, das wäre einfach zu traurig.

SZ: Sie sind einer der wenigen Chinesen, die sich noch trauen, offen mit ausländischen Journalisten zu reden. Wird nicht auch das langsam zu gefährlich?

Ai: Ja, ich frage die Journalisten oft, warum sie nicht einmal einen anderen befragen. Das wäre wohl besser für mich. Gäbe es wenigstens Leute wie mich, dann wäre meine Last nur noch halb so groß. Gäbe es zehn, dann wäre meine Last nur noch ein Zehntel. Aber es ist immer noch mein Job, ganz allein meiner. Es ist lustig. Und gleichzeitig habe ich große Angst.

SZ: Ihr Vater, der berühmte Dichter Ai Qing, war einst von den chinesischen Nationalisten eingesperrt und gefoltert worden, dann unter Mao Zedong erneut von den Kommunisten zwei Jahrzehnte lang aufs Land verbannt worden. Wenn man sich das heutige geistige Klima in China anschaut, ist dann der Schluss erlaubt, dass man in Sachen intellektueller Freiheit nicht viel weitergekommen ist?

Ai: So ist es. Sind wir nicht. Definitiv nicht. Und das zugrunde liegende Prinzip ist immer noch dasselbe. Die Mächtigen wollen verhindern, dass kritische Stimmen gehört werden. Sie wollen sie vernichten. Nie wollen sie sich auf eine offene Diskussion einlassen. Warum ist es so schwer, Ideen auszutauschen, sich hinzusetzen und miteinander zu reden?

SZ: Die Ausstellung "Kunst der Freiheit" wäre doch vielleicht solch eine Gelegenheit gewesen. Es soll da doch begleitende Dialogforen mit Künstlern geben. Sind Sie dazu eingeladen worden?

Ai: Nein, ich bin nicht offiziell eingeladen worden. Ich nehme an, dass die an der Organisation der Ausstellung beteiligten Chinesen mich da nicht sehen wollen. Es wäre wohl peinlich für unser Kulturministerium. Aber eine gute Sache wäre das schon. Sie sollten mich einladen.

SZ: Wenn kein wirklich kritischer Begleitdialog mit dieser deutschen Ausstellung einhergeht, welche Relevanz hat sie dann überhaupt?

Ai: Es ist wohl besser als gar nichts. Deutschland hat wenigstens immer schöne Dinge anzubieten, die es zeigen kann. Aber die Frage ist doch, wie wir das mit der heutigen Realität verknüpfen können. Sonst ist es nur eine Geste zwischen Regierungen. Sind wir Chinesen bereit, die Werte der Aufklärung zu akzeptieren? Nein, auch Hunderte Jahre nach dem Zeitalter der Aufklärung sind wir in China dazu noch nicht bereit. In diesem Sinn ist es sehr interessant, dass diese Ausstellung über Aufklärung hier gerade stattfindet. Denn die gegenwärtige Situation in China ist absolut verrückt. Wenn ich diesem Zeitalter einen Namen geben müsste, dann würde ich sagen, wir leben im Zeitalter der Verrücktheit.

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