Türkei Entlarvend komisch beschreibt er die Szenen aus dem Gericht

Bewegend sind auch Altans Berichte über seine verschiedenen Zellengenossen, einen Dorflehrer, "den sie mit Gewalt dazu bringen wollten, seine Kameraden zu verraten". Der Lehrer betet viel. Altan ist nicht religiös, er beobachtet und hört zu, auch dem wimmernden Offizier, den man ebenfalls eine Zeit lang mit ihm zusammengesperrt hat. Der Schriftsteller nimmt alles auf, das Erlebte geht ein in seine Fantasiereisen. Die Bücher, an die er sich erinnert, helfen ihm dabei, das nächtliche Heer der Gespenster niederzuringen. Mit all den Geschichten im Kopf fühlt er sich frei. "Von außen betrachtet, war ich der weißbärtige alte Ahmet Hüsrev Altan, der in einem dunklen, stickigen Käfig mit Eisengittern eingeschlossen war. Doch das war die Realität derer, die mich dort gefangen hielten. Ich habe die Realität umgekehrt." Nicht immer gelingt ihm diese innere Befreiung, Odysseus, den er sich ins Gedächtnis ruft, erlebt auch Niederlagen.

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"Der kritische Printjournalismus stirbt in der Türkei"

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Geradezu entlarvend komisch sind die Beschreibungen aus dem Gericht. Dass ein Schriftsteller von der Sprachkraft Altans diese kafkaesken Szenen wiedergeben könnte, war offensichtlich nicht die Sorge des Justizapparats. "Die Rechtlosigkeit wird gar nicht versteckt", sagt Altan. "Sie haben mich auch nicht ins Gefängnis geworfen, weil sie mich für gefährlich halten. Es geht darum, der ganzen Gesellschaft große Angst und Schrecken einzujagen."

Aber, so glaubt Altan, "sie konnten die Opposition nicht zum Schweigen bringen", die Zahl der Unterstützer der Regierung und der Opposition halte sich etwa die Waage. Und: "Ich weiß nicht, ob ich übertreibe, aber ich denke, diejenigen, die heute an der Macht sind, haben keinen einzigen Roman gelesen. Sie haben keinen Schimmer, was Literatur und was ein Autor bedeuten." Deshalb unterschätzen sie wohl auch deren Kraft.

Ein Richter sagte zu Altan: "Hätten Sie doch einfach immer nur Romane geschrieben und sich nicht mit politischen Themen befasst." Altan war 2007 Mitgründer der türkischen Zeitung Taraf, 2012 verließ er das Blatt wieder. Taraf wurde nach dem Putschversuch 2016 wegen "Gülen-Nähe" verboten. Der türkische Prediger Fethullah Gülen wird von Erdoğan beschuldigt, Drahtzieher des Putschversuchs gewesen zu sein, er lebt seit 1999 in den USA, hatte aber in der Türkei bis zu dem Putschversuch viele Anhänger. In der Talkshow, die Eingang in die Anklage fand, hatte Altan gesagt: "Die AKP wird ihre Macht verlieren. Und sie wird vor Gericht gestellt werden." Das wertete die Staatsanwaltschaft als "Verbreitung einer unterschwelligen Botschaft" an die Putschisten, ausreichend für einen Haftbefehl.

Als Altan seinen Richter später fragte, was es mit dieser Beschuldigung auf sich habe, erhielt er eine Antwort, die es wert ist, für die Historiker festgehalten zu werden, die einmal Bücher über diese Zeit in der Türkei verfassen werden. Der Richter sagte, mit einem ironischen Lächeln: "Unsere Staatsanwälte lieben es, Wörter anzubringen, die sie nicht verstehen." Altan wurde schließlich als "glaubenskämpferischer Putschist" und zehn Tage später noch mal als "marxistischer Terrorist" verurteilt.

Er fasst zusammen: "Dasselbe Gericht, derselbe Artikel, und zwei sich grundsätzlich widersprechende Anschuldigungen."

Altan will im Gefängnis noch viel schreiben. "Erst einen kurzen Roman", dann einen Essayband und eine Fortsetzung eines früheren Romans. Altan hat auch berühmte Liebesgeschichten verfasst. All das, "natürlich nur, wenn das Leben mir nicht mit einer neuen Überraschung dazwischenkommt." Mehmet Altan, der jüngere Bruder des Romanciers, ein prominenter Wirtschaftswissenschaftler, wurde vor zwei Jahren ebenfalls in Silivri eingesperrt. Gegen die Verhaftung der Altan-Brüder protestierte damals auch der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, zusammen mit Elena Ferrante, Roberto Saviano, J.M. Coetzee, Nick Hornby, Herta Müller und vielen anderen Stimmen aus der ganzen Welt. Sie sprachen von einer "Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes".

Die Türkei brauche Geld, dafür solle der Westen die Rückkehr zu Demokratie und Recht fordern

Mehmet Altan ist inzwischen wieder frei, darf aber das Land nicht verlassen. Ein Istanbuler Berufungsgericht ordnete im Juni seine Entlassung an, unter Verweis auf ein Urteil des Verfassungsgerichts vom Januar. Das hatte auch schon ein Haftende gefordert. Nur war der Beschluss sofort wieder von einem Strafgericht kassiert worden. Ein Vorgang, der die Absurditäten des gegenwärtigen türkischen Systems zeigt. In seiner Verteidigungsrede sagte Ahmet Altan: "Was ist aus diesem Land bloß geworden, aus seinen Gesetzen und seiner Justiz?"

Die Hoffnung auf Veränderung mag Altan aber nicht aufgeben. Der Süddeutschen Zeitung sagte er: "Ich glaube immer daran, dass die Türkei ein Land der Wunder ist. Sie hat einen starken Überlebensreflex." Die Finanzkrise sei nicht zu bewältigen ohne eine Rückkehr zum Rechtsstaat. Ein "Einmannsystem" sei nicht möglich in einem Land "ohne natürliche Ressourcen". Die Türkei brauche Geld, Investitionen aus dem Ausland. Für eine Unterstützung sollte der Westen aber die Rückkehr zu Demokratie und Recht verlangen. "Das könnte für die Türkei und für Europa sehr nützlich sein."

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