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Aerosmith in Atlantic City:Fünf Opis, viel zu alt für die Sachen?

Atlantic City, muss man dazu wissen, ist ein Ort, dessen Trübseligkeit nicht nur den Verwüstungen durch "Sandy" anzulasten ist. Heruntergekommene Riesenkasinos mit Hotel oben drüber, und dazwischen pfeift der Wind den Obdachlosen um die Kapuzen, aus denen sie mit leerem Blick den Autos hinterherstarren. In Las Vegas spielt sich wegen der Hitze alles drinnen ab; hier, weil es aussieht wie im Zombiefilm. Das ist nicht nur die Nachsaison-Trostlosigkeit des Novembers. Das ganze Jahr über müssen Leute in Billigbussen herangekarrt werden, damit die Spielautomaten jemanden haben, der sie füttert. Zu alt, zu verbraucht, zu aufgeblasen, geht heute so leider nicht mehr.

Das gleiche wird allerdings über die Art von Musik, die Aerosmith machen, schon seit dreißig Jahren gesagt. Aber am Freitagabend ging das für anderthalb Stunden sogar sehr, sehr gut noch mal so. Der erratischen Geschlossenheit des Aerosmith'schen Gesamtwerks entspricht vielleicht ohnehin nichts so perfekt wie ein Auftrittsort im Bauch eines Kasinos; die Revel Ovation Hall gehört zur neuesten, größten und eisigsten der Spielhöllen von Atlantic City, sie ist sozusagen deren innerster Ring. Und so wie hier drinnen die Zeit und die Außenwelt keine Rolle mehr spielen (durch eines der Fenster, wenn man denn eins fände, würde man den exakt Abschnitt des Boardwalks sehen, den "Sandy" weggefressen hat) - so verhalten sich die Dinge auf dem Planeten Aerosmith phänomenalerweise ja auch: Sind das nicht fünf Opis da auf der Bühne, die viel zu alt sind für die Sachen, die sie anhaben, und den Lärm, den sie machen?

Nein: Das sind fünf Zwanzigjährige aus den Siebzigern, die einfach in ihren Rollen die Jahre über sich hinweggehen lassen haben. So wie das Publikum ja auch. Früher sprach man von der "Blue Army", wegen der Jeans-Uniformen und der Blaumann-Demografie der Aerosmith-Fans. Jetzt sind das überwiegend gut bis übergut im Saft stehende weiße Männer und Frauen, die ihre Ruhestandshäuschen hier an der Küste haben und nun ihre großen, tatkräftigen Hände ineinanderschlagen vor Freude über "Mama Kin" und "Love in an Elevator". Kein Schwarzer, kaum Latinos, keine Asiaten - außer sie sind die, die die Karten abreißen. Das ist das Publikum, für das Romney seinen Wahlkampf geführt hat. Aber, mal ganz davon abgesehen, dass auch diese Leute, wie die Zahlen von der Ostküste zeigen, eher Obama gewählt haben - sollen die jetzt keine Repräsentation mehr haben, wenigstens musikalisch?

Aerosmith, der Inbegriff des "Cock Rock"

New Jersey ist Classic Rock-Country. Das hört man im Autoradio, wenn man die Küste unterhalb von New York runterfährt. Und das sieht man auch. Es sind die Hamptons der erwerbstätigen Leute. Chris Christie, der Rocker auf dem Gouverneursstuhl, hatte noch in der Katastrophennacht mit geballter Faust und Tränen in der Stimme geschworen, dass die zerschmetterte Küste wieder aufgebaut wird. Da kann die New York Times noch so oft schreiben, wie unvernünftig das ist. Unvernunft, Sturheit und Widerstand gegen Sachzwänge ist nun einmal das Wesen des Rock, anderthalb Stunden Aerosmith sind praktisch das Kondensat dieser Haltung, und der ganze Sexualkrawall ist dafür womöglich nur das Vehikel. Die Kritik am Rockismus als konservativer Ideologie hatte ja immer vor allem das Machogebaren mit dem Mikroständer zwischen den Beinen auf die Hörner genommen. Aerosmith galten mit als Inbegriff des "Cock Rock".

Dabei wird gerade Steven Tyler inzwischen keiner mehr vorwerfen können, dass er das nicht auch vorbildlich unterlaufen hätte: "Dude looks like a lady" wird immer mehr zu seinem Song. Tyler sieht mit 64 Jahren großartig aus für eine Frau seines Alters. Nachdem er als Fernsehjuror bei "American Idol" ausgestiegen ist, könnte er eigentlich direkt bei "Real Housewives Miami" wieder einsteigen. Und er kreischt und schreit in seinem Tigerleibchen immer noch wie eine gerade geschlechtsreif gewordene Katze.

Patti Smith wird dafür Iggy Pop immer ähnlicher. Ihre Helfer hatten "Occupy Sandy!" auf das Zelt geschrieben. Aerosmith behandeln das Thema "Global Warming" mit dem metaphorischen Mittelfinger: Griff ans Gemächt, Schweiß beim Drum-Solo, Kopulationsbewegungen über der Monitorbox. Jeder kämpft halt mit seinen Mitteln. Die Wirbelstürme wird das nicht aufhalten. Muss die Musik eben nach dem nächsten noch trotziger werden.

© SZ vom 26.11.2012/jufw

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