Süddeutsche Zeitung

Aerosmith in Atlantic City:Die alten Männer und das Meer

Aerosmith sind wieder unterwegs. Die Band spielte einen trotzigen Auftritt in der vom Hurrikan "Sandy" fast weggespülten Casino-Stadt Atlantic City. Passt aber: Sie nennen es "The Global Warming Tour". Und Steven Tyler sieht mit 64 Jahren großartig aus für eine Frau seines Alters.

Erst kam das Wasser und machte die Küste kaputt, dann kamen die Rockmusiker und bauten zumindest die Menschen wieder auf. Mehr kann man mit Gitarre und Stimme alleine auch gar nicht leisten, und wenn das gelingt, ist es schon eine ganze Menge.

Zu Thanksgiving trat zum Beispiel Patti Smith in Far Rockaway, wo sie selbst gerade ein Häuschen erworben hatte, ans Mikrofon und schenkte ihren neuen Nachbarn eine gute halbe Stunde lang ein Privatkonzert. Davon bekam zwar keiner einen trockeneren Keller, aber manche ein paar feuchtere Augen, und als alle zusammen "Because the night / belongs to lovers" dem Meer mehr oder weniger entgegenschrieen, da war das - ja, ganz im Ernst: bewegend. Denn die Nächte hatten hier draußen fast einen Monat lang eben nicht den Liebenden gehört, sondern der Kälte, den Plünderern und den Mördern ( es werden jetzt auch Leichen am Strand gefunden, die erst nach dem Sturm dahin kamen).

New Jersey - eine von "Sandy" gebeutelte Region

Es ist vielleicht auch deshalb das bekannteste Lied von Patti Smith, weil die Melodie von Bruce Springsteen stammt, seinerseits der musikalische Generalvertreter der anderen großen von Sandy gebeutelten Region: New Jersey. Springsteens Beitrag zur Krisenbewältigung bestand, abgesehen von einem Auftritt bei dem Benefizkonzert im Fernsehen, vor allem darin, endlich nett zu Chris Christie zu sein, dem Gouverneur von New Jersey, denn der ist zwar Springsteen-Fan, gehört aber zu den Republikanern und wurde deshalb vom eigentlichen sogenannten "Boss" in New Jersey bisher geschnitten. Nachdem aber Christie demonstrativ Arm in Arm mit Präsident Obama an seiner zerstörten Küste stand, schloss wiederum Springsteen den Gouverneur in seine Arme. Man muss schon sehr gefühlstot und/oder aus Deutschland sein, um den Symbolwert solcher Gesten nebensächlich zu finden. Wegen dieser Umarmungen hat Romney die Wahlen verloren, sagen hier nämlich nicht wenige. Vor allem Republikaner natürlich. Aber soviel nur dazu, wie immer alles mit allem zusammenhängt.

Aerosmith gibt es auch immer noch. Sie haben nach elf Jahren sogar wieder ein neues Album zustande gebracht. Das hat es auch auf Anhieb in die Billboard-Charts und in die Herzen der meisten Kritiker geschafft. Alles andere wäre allerdings auch noch schöner, denn was 1973 ff. gut und solide war, wird es ja wohl heute erst recht noch sein, und auf "Music from Another Dimension" klingt die Band praktisch wie sie seit dem ersten Tag immer schon klingt - so frisch oder so altmodisch. Das eine fällt da praktisch in das andere.

Ausgerechnet Aerosmith spielten nun am Freitag ausgerechnet in Atlantic City. Und zwar ausgerechnet unter dem Titel "The Global Warming Tour".

Fünf Opis, viel zu alt für die Sachen?

Atlantic City, muss man dazu wissen, ist ein Ort, dessen Trübseligkeit nicht nur den Verwüstungen durch "Sandy" anzulasten ist. Heruntergekommene Riesenkasinos mit Hotel oben drüber, und dazwischen pfeift der Wind den Obdachlosen um die Kapuzen, aus denen sie mit leerem Blick den Autos hinterherstarren. In Las Vegas spielt sich wegen der Hitze alles drinnen ab; hier, weil es aussieht wie im Zombiefilm. Das ist nicht nur die Nachsaison-Trostlosigkeit des Novembers. Das ganze Jahr über müssen Leute in Billigbussen herangekarrt werden, damit die Spielautomaten jemanden haben, der sie füttert. Zu alt, zu verbraucht, zu aufgeblasen, geht heute so leider nicht mehr.

Das gleiche wird allerdings über die Art von Musik, die Aerosmith machen, schon seit dreißig Jahren gesagt. Aber am Freitagabend ging das für anderthalb Stunden sogar sehr, sehr gut noch mal so. Der erratischen Geschlossenheit des Aerosmith'schen Gesamtwerks entspricht vielleicht ohnehin nichts so perfekt wie ein Auftrittsort im Bauch eines Kasinos; die Revel Ovation Hall gehört zur neuesten, größten und eisigsten der Spielhöllen von Atlantic City, sie ist sozusagen deren innerster Ring. Und so wie hier drinnen die Zeit und die Außenwelt keine Rolle mehr spielen (durch eines der Fenster, wenn man denn eins fände, würde man den exakt Abschnitt des Boardwalks sehen, den "Sandy" weggefressen hat) - so verhalten sich die Dinge auf dem Planeten Aerosmith phänomenalerweise ja auch: Sind das nicht fünf Opis da auf der Bühne, die viel zu alt sind für die Sachen, die sie anhaben, und den Lärm, den sie machen?

Nein: Das sind fünf Zwanzigjährige aus den Siebzigern, die einfach in ihren Rollen die Jahre über sich hinweggehen lassen haben. So wie das Publikum ja auch. Früher sprach man von der "Blue Army", wegen der Jeans-Uniformen und der Blaumann-Demografie der Aerosmith-Fans. Jetzt sind das überwiegend gut bis übergut im Saft stehende weiße Männer und Frauen, die ihre Ruhestandshäuschen hier an der Küste haben und nun ihre großen, tatkräftigen Hände ineinanderschlagen vor Freude über "Mama Kin" und "Love in an Elevator". Kein Schwarzer, kaum Latinos, keine Asiaten - außer sie sind die, die die Karten abreißen. Das ist das Publikum, für das Romney seinen Wahlkampf geführt hat. Aber, mal ganz davon abgesehen, dass auch diese Leute, wie die Zahlen von der Ostküste zeigen, eher Obama gewählt haben - sollen die jetzt keine Repräsentation mehr haben, wenigstens musikalisch?

Aerosmith, der Inbegriff des "Cock Rock"

New Jersey ist Classic Rock-Country. Das hört man im Autoradio, wenn man die Küste unterhalb von New York runterfährt. Und das sieht man auch. Es sind die Hamptons der erwerbstätigen Leute. Chris Christie, der Rocker auf dem Gouverneursstuhl, hatte noch in der Katastrophennacht mit geballter Faust und Tränen in der Stimme geschworen, dass die zerschmetterte Küste wieder aufgebaut wird. Da kann die New York Times noch so oft schreiben, wie unvernünftig das ist. Unvernunft, Sturheit und Widerstand gegen Sachzwänge ist nun einmal das Wesen des Rock, anderthalb Stunden Aerosmith sind praktisch das Kondensat dieser Haltung, und der ganze Sexualkrawall ist dafür womöglich nur das Vehikel. Die Kritik am Rockismus als konservativer Ideologie hatte ja immer vor allem das Machogebaren mit dem Mikroständer zwischen den Beinen auf die Hörner genommen. Aerosmith galten mit als Inbegriff des "Cock Rock".

Dabei wird gerade Steven Tyler inzwischen keiner mehr vorwerfen können, dass er das nicht auch vorbildlich unterlaufen hätte: "Dude looks like a lady" wird immer mehr zu seinem Song. Tyler sieht mit 64 Jahren großartig aus für eine Frau seines Alters. Nachdem er als Fernsehjuror bei "American Idol" ausgestiegen ist, könnte er eigentlich direkt bei "Real Housewives Miami" wieder einsteigen. Und er kreischt und schreit in seinem Tigerleibchen immer noch wie eine gerade geschlechtsreif gewordene Katze.

Patti Smith wird dafür Iggy Pop immer ähnlicher. Ihre Helfer hatten "Occupy Sandy!" auf das Zelt geschrieben. Aerosmith behandeln das Thema "Global Warming" mit dem metaphorischen Mittelfinger: Griff ans Gemächt, Schweiß beim Drum-Solo, Kopulationsbewegungen über der Monitorbox. Jeder kämpft halt mit seinen Mitteln. Die Wirbelstürme wird das nicht aufhalten. Muss die Musik eben nach dem nächsten noch trotziger werden.

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Quelle:
SZ vom 26.11.2012/jufw
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