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Achille Mbembe:Brillanter Denker, gerade angefeindet

Politikwissenschaftler Achille Mbembe

Fassungslos angesichts der Vorwürfe: Kolonialismusexperte Achille Mbembe.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Achille Mbembe ist einer der prominentesten Intellektuellen des afrikanischen Kontinents. Nun steht der Historiker und Politologe im Zentrum einer Antisemitismus-Debatte.

Von Jörg Häntzschel

Neulich bekam der in Johannesburg lebende Historiker und Politologe Achille Mbembe eine Nachricht, die ihn sprachlos machte. Er werde, hieß es darin, in Deutschland des Antisemitismus beschuldigt. Der FDP-Politiker Lorenz Deutsch wollte in Mbembes Schriften Hinweise darauf gefunden haben. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, schloss sich an. Beide empörten sich darüber, dass Mbembe den Eröffnungsvortrag der Ruhrtriennale halten sollte und forderten, ihn auszuladen.

Achille Mbembe ist einer der brillantesten Denker der Gegenwart und einer der prominentesten Intellektuellen des afrikanischen Kontinents, der sich in afrikanischen und europäischen, auch jüdischen Denktraditionen gleichermaßen zu Hause sieht.

Zwar wird Mbembe, der oft in Deutschland gelehrt hat und hier wichtige Auszeichnungen wie etwa den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München erhielt, nun aus einem anderen Grund nicht kommen. Die Ruhrtriennale ist abgesagt. Doch die Vorwürfe stehen im Raum. In den letzten Tagen suchten Kritiker weitere Belege für ihre Einschätzung, Mbembe relativiere den Holocaust, sei ein Israelhasser und unterstütze die antiisraelische Bewegung BDS.

Bekannt wurde der 1957 in Kamerun geborene und an der Sorbonne promovierte Mbembe mit seinem Essayband "Postkolonie", der im Original im Jahr 2000 erschien und in dem er sich mit den verheerenden Nachwirkungen des Kolonialismus für Afrika befasst. Die meisten deutschen Leser entdeckten ihn aber erst mit seinem gefeierten Band "Kritik der schwarzen Vernunft" (2014). Darin weitete er den Blick von Afrika auf die Welt und von der Ära des Kolonialismus und Postkolonialismus auf die gesamte Neuzeit.

Der Rassismus, so Mbembe, ist das Fundament von Kapitalismus und Globalisierung. Die "Erfindung" des Schwarzen als minderwertigen Menschen legitimierte die Ausbeutung und Versklavung Afrikas und anderer Weltgegenden durch den Westen. Diese Ausbeutung geht nach dem Ende des Kolonialismus weiter, nur ist sie jetzt geografisch nicht mehr zu verorten. Mbembe spricht von der "Schwarzwerdung" der Welt. Koloniale Prinzipien sind überall am Werk. Der Rassismus lebt weiter, doch zu den "Schwarzen" zählt Mbembe auch Unterdrückte anderer Hautfarben: Lohnsklaven, Flüchtende, Verfolgte.

In seinem jüngsten Buch, "Politik der Feindschaft" (2017), verfolgt er die kolonialistischen und rassistischen Strömungen in unserer Gesellschaft weiter. Nicht nur in den einschlägigen Krisenregionen, auch im Westen breiteten sich Nationalismus, Terror und Krieg aus. Viele ihrer Spielarten und Methoden, so Mbembe, haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit.

Im Zentrum seiner Arbeit stehen weder Holocaust noch Israel. Dennoch spielt beides in seiner Geschichte der "Feindschaft" eine wichtige Rolle. Genau diese Passagen halten Mbembes Kritiker ihm vor: "Die Logik des Konzentrationslagers", schreibt er etwa, gehe auf die britischen Besatzer in Südafrika zurück, den "geplanten Massenmord" an den Juden hätten die Deutschen zuvor mit den Herero erprobt. Und was Israel heute den Palästinensern antue, sei "schlimmer als die vergleichsweise primitiven Maßnahmen" des südafrikanischen Apartheidsregimes. Das sind radikale Urteile, doch handelt es sich dabei wirklich um Antisemitismus?

Mbembe wies das diese Woche in der Zeit zurück. Vom BDS hat er sich längst distanziert. Seinen Kritikern hielt er vor, dass sie mit ihren Angriffen auf ihn den Antisemitismus trivialisierten. Seiner düsteren Analyse stellte er eine Utopie gegenüber: "Die Welt reparieren", lautete der Titel. Die Debatte um die Ruhrtriennale ist nicht neu. Sollte diesem deutschen Diskurs über die Beziehung zu Israel oder dem BDS dieser afrikanische Denker der Versöhnung zum Opfer fallen, wäre das eine Katastrophe.

© SZ vom 25.04.2020/cag
A Portrait of Tripoli - Ritratto di Tripoli - TEUER

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