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Restitution von Raubkunst:Gebt sie zurück!

Statue anthropomorphe 'bochio'

Diese Statue König Ghezos wurde 1882 aus dem Palast von Abomey in Dahomey - dem heutigen Benin - gestohlen. Heute steht sie im Musée du Quai Branly in Paris. Sie wird von Benin zurückverlangt und könnte umgehend restituiert werden.

(Foto: bpk / RMN - Grand Palais / Miche)
  • Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom und Essayist Felwine Sarr haben dem französischen Präsidenten Macron einen Bericht übergeben.
  • Der Titel ist nüchtern: "Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes"; der Untertitel vage: "Für eine neue Ethik der Beziehungen".
  • Doch der Text wird die Debatte um Raubkunst aus den ehemaligen europäischen Kolonien auf ein neues Niveau heben.

Manchmal gibt es für komplexe Probleme ganz einfache Lösungen. Manchmal ist die vermeintlich radikalste Entscheidung die einzig vernünftige. Und manchmal verschiebt ein Werk die kulturelle Tektonik, wo anderen nur Millimeterbewegungen gelungen sind. So ein Fall ist der Bericht, den die in Berlin und Paris lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom und Essayist Felwine Sarr, beide 46, am Freitag an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron übergeben.

Der Titel ist nüchtern: "Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes"; der Untertitel vage: "Für eine neue Ethik der Beziehungen". Doch der an Gründlichkeit und intellektueller Raffinesse überreiche Text wird die Debatte um Raubkunst aus den ehemaligen europäischen Kolonien auf ein neues Niveau heben. Vor allem in Deutschland, wo man ohne Konzept auf die Eröffnung des Humboldt-Forums zustolpert, ist praktisch alles, was in den letzten eineinhalb Jahren zu diesem Thema gesagt wurde, mit einem Schlag überholt.

Anfang 2017 hatte Macron für Aufsehen gesorgt, als er sich klarer als alle seine Vorgänger zum Kolonialismus äußerte: "Der Kolonialismus ist Teil der französischen Geschichte", sagte er. "Er ist ein Verbrechen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Am 28. November versprach er vor Studenten in Ouagadougou, Burkina Faso, dass "innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen hergestellt sind für endgültige oder vorübergehende Restitutionen des afrikanischen Kulturguts aus französischen Museen an Afrika". "Das afrikanische Kulturerbe", legte er nach, "darf nicht länger Gefangener europäischer Museen sein." 90 bis 95 Prozent des Kulturerbes von Subsahara-Afrika liegt in westlichen Museen. Allein Frankreich besitzt über 90 000 Stücke. Im März beauftragte er Savoy und Sarr damit, die Möglichkeiten und Kriterien für Rückgaben auszuloten.

Sofort und ohne weitere Erforschung der Provenienzen sollen alle Objekte zurückgegeben werden

Sie waren in Benin, Senegal, Mali und Kamerun, veranstalteten Workshops in Dakar und Paris, sprachen mit Museumsleuten, Wissenschaftlern, Juristen und Politikern aus den ehemaligen französischen Kolonialländern und Frankreich. Nun erläutern sie auf 240 Seiten in unmissverständlichen Worten, was zu tun ist:

Sofort und ohne weitere Erforschung der Provenienzen sollen alle Objekte zurückgegeben werden, die im Zuge militärischer Aktionen erbeutet wurden; alle Objekte aus dem Besitz französischer Kolonialbediensteter oder ihrer Angehörigen; alle Objekte aus wissenschaftlichen Expeditionen vor 1960, als Frankreich sich endgültig aus Afrika zurückzog; und alle, die von afrikanischen an französische Museen verliehen, aber nie zurückgegeben wurden. Einer zweiten Gruppe rechnen sie Objekte zu, die nach 1960 in die Sammlungen der Museen aufgenommen wurden, aber Afrika wohl früher verlassen haben. Lässt sich nicht belegen, dass sie auf legitime Weise in französischen Besitz kamen, sollen auch diese zurückgegeben werden. Die Beweislast wird also umgekehrt.

Nur eine dritte Gruppe bleibt in Frankreich: die, deren legitimer Erwerb dokumentiert ist oder die Geschenke afrikanischer Staatsgäste sind, sofern diese - der Bericht ist reich an süffisanten Details - nicht später wegen des Missbrauchs öffentlicher Mittel verurteilt wurden.

Die Hintertür, die Macron offenließ, als er außer von endgültigen auch von "temporären Restitutionen" sprach und von der "Zirkulation" kultureller Güter, verriegeln Savoy und Sarr umgehend. Der Begriff "temporäre Restitution" sei ein "Oxymoron", stellen sie fest, ein Widerspruch in sich.

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Und spreche man in Europa von "Zirkulation" - eine Idee, die in der deutschen Debatte öfter auftaucht - dann vor allem, um zu vermeiden, die Eigentümerschaft an den Objekten an die afrikanischen Staaten zu übergeben. Gerade diese trage aber die größte symbolische Bedeutung. Um was für eine "Zirkulation" könne es sich im übrigen handeln, wenn eine Seite so gut wie nichts besitze, die andere aber fast alles. Um nie wieder von dem Begriff "vorübergehende Restitution" als Euphemismus für Leihgabe zu hören, deuten sie ihn neu: Er bezeichne eine "vorläufige Lösung, bis juristische Instrumente gefunden sind, die die endgültige, bedingungslose Rückkehr der Objekte auf den afrikanischen Kontinent erlauben".

Keine Debatte um Restitutionen kommt ohne die immer gleichen Einwände aus. Im Gespräch mit der SZ bekennt Savoy, sie habe früher ähnlich gedacht: "Ich kannte die afrikanische Museumslandschaft nicht und hatte die üblichen Vorurteile: Es gibt kaum Museen, es fehlt geschultes Personal. Ich dachte tatsächlich, in Afrika spiele das historische, materielle Kulturerbe keine besondere Rolle, das immaterielle Erbe, die Musik etwa, sei wichtiger. Heute weiß ich, wie unerträglich ungebildet diese Vorurteile sind. Sie wurden in Afrika alle widerlegt. Ich habe mich geschämt dafür."

Doch auch das andere polemische Argument gegen Restitutionen suchen Savoy und Sarr zu entkräften. Nein, Besucher der französischen Museen werden demnächst nicht vor leeren Vitrinen stehen. Nur das geht zurück, was die afrikanischen Staaten auch zurückverlangen, und das seien vorläufig nur einige Dutzend für die Geschichte der Länder bedeutende Werke.

Dennoch: Darunter sind so herausragende Stücke wie einige der berühmten Benin-Bronzen, die 1897 bei einer britischen Vergeltungsaktion aus Benin City im heutigen Nigeria geraubt wurden. Und wenn die afrikanischen Staaten mit den ersten feierlichen Rückgaben auch Inventarlisten und Archivmaterial der Museen erhalten, wenn sie erstmals erfahren, was die Franzosen fortgeschleppt haben, und wenn in Afrika und zwischen beiden Kontinenten die Debatten beginnen, die sich Savoy und Sarr erhoffen, dann werden weitere Restitutionsforderungen folgen. Sie rechnen in Afrika mit einem neuen Interesse an der eigenen Geschichte und Kultur, ohne die eine Gesellschaft verloren sei. Und sie erwarten, dass die Afrikaner neue Museen bauen und dann weitere Objekte entgegennehmen werden. Wäre es dann wirklich so schlimm, so Savoy und Sarr, wenn in Europa Kopien an die Stelle der restituierten Originale treten oder 3-D-Projektionen? In Afrika ( siehe Artikel unten) musste man sich damit schließlich auch behelfen.