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66. Filmfestspiele Cannes:In der Welt der gelifteten Schwäne

Behind The Candelabra - 66th Cannes Film Festival

Ältlicher Mann in Glitzerklamotten: Michael Douglas als der Pianist Liberace in Steven Soderberghs "Behind the Candelabra".

(Foto: dpa)

Cannes feiert das allzu süße Leben: Steven Soderbergh zeigt in seinem Film "Behind the Candelabra" über den Pianisten Liberace viele Toupets und viel Lidstrich. Paolo Sorrentino setzt derweil in "La Grande Bellezza" Koks-, Sauf- und Lärm-Orgien in Szene, als gäbe es kein Morgen.

Von Susan Vahabzadeh, Cannes

Der Kreis hat sich schließen sollen, seit ein paar Jahren hat Steven Soderbergh angekündigt, er wolle keine Filme mehr machen - und der allerletzte, das Liberace-Biopic "Behind the Candelabra", ein Film über den exzentrischen Pianisten-Star, war dafür bestimmt, den Schlusspunkt zu setzen, an dem Ort, wo seine Karriere vor 24 Jahren mit "Sex, Lügen und Video" begonnen hat.

Sagen wir mal so: Der Film wäre als Schwanengesang eines großen Filmemachers, der sich immer wieder neu erfinden und sich doch treu bleiben wollte, eine gute Wahl. Aber vielleicht ist Cannes, das Gefühl, dass die ganze Filmwelt hier zusammen kommt, um der siebten Kunst zu huldigen, dann doch so respekteinflößend, dass auch ein Palmen- und Oscar-Gewinner davon beeindruckt ist.

Oder es geht ihm so wie den Helden in den Wettbewerbsfilmen: Die wissen allesamt nicht mehr , was ihr Leben noch zusammenhält. Soderbergh bezeichnet das Karriereende jetzt jedenfalls "als Pause", und so nennt es auch Matt Damon in seinem Film.

Damon spielt in "Behind the Candelabra" das Entlein Scott, das in die Welt der gelifteten Schwäne hineingerät. Ein Freund nimmt ihn nach einem Liberace-Konzert mit hinter die Bühne - und Scott ist im wahrsten Sinne geblendet, von dem juwelenbehangenen, ältlichen Mann in seinen Glitzerklamotten, und auch von dem Palazzo, in den er dann prompt eingeladen wird.

Liberaces Haus sähe selbst neben Linderhof noch irgendwie überladen aus, vollgestopft mit Pomp und Putten. Wahrscheinlich liegt es eher an diesen Räumen als daran, dass "Behind the Candelabra" nur ein Fernsehfilm ist, dass Soderbergh als sein eigener Kameramann eher zurückhaltend und schlicht bleibt. "Behind the Candelabra" ist, obwohl mit kleinem Budget gedreht, ein Kostümfilm, mit vielen Toupets, auf die Wangen aufgepappten Silikonkissen und sehr viel Lidstrich.

Die Fratzen, die Liberaces Beauty-Doc (Rob Lowe) sich selbst und anderen hinzurrt, sind an sich schon ein Statement zu Soderberghs angespanntem Verhältnis zu Hollywood. Dort hat man sich an diese Fratzen gewöhnt.

Eine Diva, auf der Bühne wie im Leben

Aber es wäre auf jeden Fall schön, wenn er weiter machen würde - sein Gespür für einen komischen, warmherzigen Tonfall, das kann man hier erleben, hat er nicht verloren, und er hat auch immer noch manch interessanten Regieeinfall auf Lager: Man kann beispielsweise im Gesicht des aktuellen Liebhabers lesen, was Scott blüht, wenn er Liberaces Werben nachgibt, obwohl man die beiden gar nicht sieht. Der hermelinverwöhnte Liberace ist eine Diva, auf der Bühne wie im Leben.

Michael Douglas spielt diese Rolle, und er spielt sie mit soviel Nuancen, von denen keine je aufgesetzt wirkt - so dass er zu einem heißen Anwärter auf den diesjährigen Darstellerpreis geworden ist.

Vor dreizehn Jahren, beim Dreh zu "Traffic", hat Soderbergh Michael Douglas gefragt, ob er sich vorstellen könnte Liberace zu spielen - da war noch nicht abzusehen, dass der Film, als er dann endlich realisiert wurde, als Plädoyer für die Schwulenehe genau zur rechten Zeit kommen würde.

Soderbergh erzählt "Candelabra" durch und durch als Liebesgeschichte, und Liberace, Lee genannt, wandelt sich vor unseren Augen vom lüsternen alten Sack zur unerträglichen Diva, und dann bleibt doch immer nur ein einsames Häuflein Mensch übrig: Ein Junge, der einen anderen Jungen bittet, ihn zu lieben.

Michael Douglas' Version von Liberace ist immer charmant, aber launisch, auf jeden Fall ein liebenswerter Mann, dessen Angst vor der Leere am Ende seines Lebens in jedem Augenblick zu greifen ist.

Auf der Suche nach irgendetwas, was das Hinsehen lohnt

Die selbe Angst ist auch der Motor in Paolo Sorrentinos "La Grande Bellezza", nur wird hier nie klar, was die Leere füllen könnte: Ein Buch, eine Frau oder doch noch eine Party?

Die Koks-, Sauf- und Lärm-Orgien, an denen der Autor Jep (Toni Servillo) teilnimmt, sind in seinem Leben jedenfalls nicht nur Beiwerk, sie sind der zentrale Punkt - Jep feiert sich durch Rom, als gäbe es kein Morgen. Es gibt auch immer nur noch eine Party und gelegentlich einen Gedanken an den zweiten Roman, den er mit 65 Jahren immer noch nicht geschrieben hat.

Auf seinen Soireen treffen sich Leute, von denen er die wenigsten mag, und sie können auch einander nicht leiden. Ein wenig Zustandsbeschreibung der Gegenwart steckt in Sorrentinos Dolce Vita von Rom 2013 - die einen feiern, wo es nichts zu feiern gibt, der superreiche Geschäftsmann von nebenan wird in Handschellen abgeführt, und Jep macht sich auf die Suche nach irgendetwas was das Hinsehen lohnt.

Er entdeckt dabei eine majestätische Giraffe in der Nacht, eine steinalte Mutter Teresa, die ihre letzte Energie in ihren Glauben steckt, eine Frau, die er hätte lieben können, und die Erinnerung an seinen ersten Kuss. An einen Moment, als er noch Hoffnung hatte.

Sorrentino vermengt Fellini und Bungabunga, ganz bestimmt vermittelt "La Grande Bellezza" die Idee von einem Tanz auf dem Vulkan in einer Welt, die wunderschön ist und doch in Scherben liegt. Ein ähnliches Feuerwerk wie Sorrentinos erfolgreicher "Il Divo" (über Andreotti) ist der Film geworden, doch leider ohne klaren Erzählbogen. Am Ende besteht "La Grande Bellezza" aus hundert grandiosen Augenblicken auf der Suche nach einem Film.

Weihwasser auf intimen Stellen

Nun hat Sorrentino auf jeden Fall etwas Neues, Unerhörtes versucht - Valeria Bruni Tedeschi, die einzige Frau im Wettbewerb, verlässt sich in ihrem "Un Château en Italie" ganz und gar auf erprobte Konvention. Die Heldin, Louise, spielt sie selbst. Auch Louise hat Angst vor dem was noch kommt - ihr Bruder ist krank, das Familienvermögen ist dahingeschmolzen, und sie will unbedingt ein Kind, obwohl sogar ihre eigene Mutter sagt, dafür sei sie zu alt.

Sie legt sich also erstmal einen jungen Liebhaber zu (Louis Garrel), sucht ihr Heil in Wohltätigkeitsarbeit. Dazwischen gibt es immer wieder komische Ausbrüche der Verzweiflung, religiöse Anfälle beispielsweise, auf die die Kirche gerne verzichten würde. Mal bespritzt sie, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern, sich in der Kirche intime Stellen mit Weihwasser, dann erkämpft sie sich gewaltsam einen Platz auf einem von Nonnen gehüteten Wunderstuhl. Das alles ist manchmal ganz nett, oft aber an der Grenze zur Albernheit. Leider kommt auch nicht viel dabei heraus.

Mit Bruni Tedeschi kann James Franco, der exzentrische Schauspieler/Künstler, locker mithalten, obwohl sein Film "As I Lay Dying" nur in der Nebenreihe "Un certain regard" läuft. Er hat sich William Faulkners gleichnamigen Roman vorgenommen, löst den stream of consciousness in Split-screens auf.

Die Kinder von Addie Bundren und ihr Mann Anse machen sich auf den Weg nach Jefferson, sie zu begraben, eine gefährliche Tour, bei der sie Hab und Gut und fast ihr Leben verlieren, während der Leichnam auf dem Pferdekarren vor sich hin rottet.

Faulkners Roman ist das Bildnis einer bettelarmen, zerrütteten Familie, die mit der Mutter den letzten Halt verloren hat. Aber James Franco trifft den richtigen Ton nicht, er macht eine Schau des Schreckens aus dieser Reise, unterlegt mit einem schrillen Pfeifen statt Musik. Und so fehlt der Verfilmung dann etwas, was das Buch im Herzen trägt: Faulkner hat auch in den düstersten Verhältnissen immer noch Licht gefunden - eine große Schönheit, der Menschen und der Sprache.

© SZ vom 22.05.2013

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