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600 Jahre Wiederentdeckung von "De rerum natura":Verpönt, verdrängt und verboten

Zwar waren etwa der Philosoph Platon und der Historiker Plinius der Ältere nie vergessen worden - ihre Werke waren für das christliche Weltbild akzeptabel gewesen. Doch die Schriften der meisten anderen alten griechischen und römischen Gelehrten und Künstler waren den christlichen Kirchenvätern ein unerträglicher Dorn im Auge gewesen. Heidnisch, verwerflich, in ihrer verführerischen Überzeugungskraft gefährlich für den jungen christlichen Glauben.

Verpönt, verdrängt und verboten verschwand unter ihrem Einfluss ein Schatz an Wissen über Natur, Geschichte und Staatskunst, Philosophie und Dichtkunst aus dem öffentlichen Bewusstsein. Lediglich in den Klosterbibliotheken wurde manches aufbewahrt, kopiert und so erhalten - hinter verschlossenen Türen, so dass es keine Gefahr für die Gläubigen darstellen konnte. (Daran erinnert etwa der Roman "Der Name der Rose" von Umberto Eco.)

Überdauern konnte ein Teil dieses Schatzes auch - allerdings in arabischer Sprache - in den Bibliotheken der Städte in den von muslimischen "Mauren" eroberten europäischen Gebieten vor allem in Spanien und auf Sizilien. Hier stieß eine Handvoll christlicher Gelehrter nach der Rückeroberung maurischer Städte auf die Handschriften und übersetzten sie nach und nach zurück in ihre ursprünglichen Sprachen.

"De rerum natura" von Lukrez

Ausgabe des Gedichts "De rerum natura", die für Papst Sixtus IV. 1483 angefertigt wurde. (Vat. lat. 1569 fol. 1r)

(Foto: gemeinfrei)

Auf der Jagd nach alten Büchern

In der Zeit, die wir heute als "Renaissance" - die "Wiedergeburt der Antike" - bezeichnen, löste die so wieder entdeckte Kunst und das Wissen der Antike zunehmend Begeisterung aus. Der gebildete - insbesondere der sprachlich gebildete - Mensch entwickelte sich zum Ideal, genau wie die möglichst naturgetreue Abbildung der Umwelt durch Maler und Bildhauer. Selbst Päpste sahen bald kein Problem mehr im Auftreten heidnischer Götter in den antiken Schriften - eine Konkurrenz für ihren einen Gott stellten sie nicht mehr dar.

Unter den Humanisten war das Bedürfnis entstanden, immer mehr antike Werke aufzuspüren. So kam es, dass Poggio Bracciolini 1417 in Deutschland auf das Gedicht des Lukrez stieß. Der Name des Dichters war bekannt, etwa weil Ovid seine Dichtkunst gelobt hatte. Außerdem gab es einen Absatz in der Chronik des bedeutenden Kirchenvaters Hieronymus (347 - 420). Der hatte für das Jahr 94 vor unserer Zeit notiert: "Der Dichter Titus Lucretius wurde geboren. Nachdem ihn ein Liebestrank in den Wahnsinn stürzte, und er in den Pausen seines Wahns mehrere Bücher geschrieben hatte, die später Cicero durchsah, tötete er sich in seinem vierundvierzigsten Lebensjahr mit eigener Hand."

Bücherjäger Bracciolini ließ eine Abschrift des Manuskripts vornehmen und verbreitete das Gedicht. Vermutlich, so schreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt von der Harvard University in seinem Buch "Die Wende", tat der Italiener dies ohne zu wissen, dass er im Begriff war, "ein Werk in die Welt zu entlassen, das sein gesamtes geistiges Universum in Frage stellte".

Beeindruckt von Sprache und Tiefe des Gedichts

Nach der Wiederentdeckung von Lukrez' Werk, das schließlich 1473 veröffentlicht wurde, waren jedoch viele Gelehrte der Renaissance beeindruckt von der Sprache und Tiefe des Gedichts - es sind mehr als 50 Handschriften des Werkes bekannt, die allein im 15. Jahrhundert angefertigt wurden. Darüber hinaus gab es ihnen reichlich Stoff zum nachdenken - denn was darin stand, war ja nicht das Produkt einer Offenbarung oder einem Drogenrausch entsprungen. Es handelte sich um Schlussfolgerungen aus genauen Beobachtungen der Natur. Beobachtungen, wie die Gelehrten sie selbst zunehmend sammelten.

Selbst Kritiker des Lukrez verbreiteten das Gedicht weiter. Erasmus von Rotterdam beschäftigte sich damit, genau wie Thomas Morus. Unter dem Eindruck des Lukrez stand auch der Dominikanermönch Giordano Bruno, der vom katholischen Glauben abfiel und 1600 in Rom bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Niccolo Machiavelli hatte Lukrez gelesen, Michel de Montaigne besaß ein Exemplar von "De rerum natura" und zitierte häufig daraus. Selbst Galileo Galilei wurde "Atomismus" vorgeworfen - eine Vorstellung, die derjenigen des Lukrez entsprach. Und Isaac Newton versuchte, diese Idee mit seinem christlichen Glauben zu vereinbaren.

So kam das "Streben nach Glück" in die US-Verfassung

Diderot zitierte Lukrez, Voltaire setzte sich mit ihm auseinander. Kant distanzierte sich von der Gottesleugnung des Lukrez, Herder regte eine Übersetzung ins Deutsche an, die Goethe unterstützte - auch wenn er den Umgang des Dichters mit der Vorstellung vom Tode ablehnte.

Es gibt sogar Anspielungen auf Lukrez bei Shakespeare und anderen Dramatikern sowie in Sandro Botticellis Malerei. Thomas Jefferson besaß fünf Ausgaben des Gedichts. Es lässt sich unschwer nachvollziehen, wie dieser Gründervater der Vereinigten Staaten auf die Idee kam, das Recht auf das Streben nach Glück in die Verfassung zu schreiben.

"De rerum natura" wirkte so beständig im Hintergrund. Es regte zum Nachdenken an, änderte Perspektiven - und selbst wenn das Gedicht heute fast vergessen scheint: Seine große Bedeutung für die Entwicklung unserer modernen Gesellschaften mit Werten wie der Würde des Menschen, mit Meinungs- und Religionsfreiheit und dem Anspruch auf Gleichberechtigung aller, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, oder Glaube kann niemand leugnen.

Wer also keinen Anlass sieht, Martin Luther und dessen Glauben zu feiern, kann den 31. Oktober stattdessen nutzen, um ein anderes Jubiläum zu begehen: 600 Jahre Wiederentdeckung des Gedichts "De rerum natura".

Leseempfehlung:

  • Über die Natur der Dinge, von Klaus Binder neu übersetzt. dtv. ISBN 978-3-423-14579-4. 408 Seiten. Als Taschenbuch 16,90 Euro
  • Die Wende - Wie die Renaissance begann, Stephen Greenblatt. Pantheon Verlag. ISBN 978-3-570-55225-4. 352 Seiten. Als Taschenbuch 14,99 Euro
  • Antike Glückslehren. MalteHossenfelder. Kröner Verlag. ISBN 9-783-520-42402-0. 445 Seiten. 19,90 Euro