66. Filmfestspiele Cannes In der Welt der gelifteten Schwäne

Cannes feiert das allzu süße Leben: Steven Soderbergh zeigt in seinem Film "Behind the Candelabra" über den Pianisten Liberace viele Toupets und viel Lidstrich. Paolo Sorrentino setzt derweil in "La Grande Bellezza" Koks-, Sauf- und Lärm-Orgien in Szene, als gäbe es kein Morgen.

Von Susan Vahabzadeh, Cannes

Der Kreis hat sich schließen sollen, seit ein paar Jahren hat Steven Soderbergh angekündigt, er wolle keine Filme mehr machen - und der allerletzte, das Liberace-Biopic "Behind the Candelabra", ein Film über den exzentrischen Pianisten-Star, war dafür bestimmt, den Schlusspunkt zu setzen, an dem Ort, wo seine Karriere vor 24 Jahren mit "Sex, Lügen und Video" begonnen hat.

Sagen wir mal so: Der Film wäre als Schwanengesang eines großen Filmemachers, der sich immer wieder neu erfinden und sich doch treu bleiben wollte, eine gute Wahl. Aber vielleicht ist Cannes, das Gefühl, dass die ganze Filmwelt hier zusammen kommt, um der siebten Kunst zu huldigen, dann doch so respekteinflößend, dass auch ein Palmen- und Oscar-Gewinner davon beeindruckt ist.

Liebe, Hass, Obsession

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Oder es geht ihm so wie den Helden in den Wettbewerbsfilmen: Die wissen allesamt nicht mehr , was ihr Leben noch zusammenhält. Soderbergh bezeichnet das Karriereende jetzt jedenfalls "als Pause", und so nennt es auch Matt Damon in seinem Film.

Damon spielt in "Behind the Candelabra" das Entlein Scott, das in die Welt der gelifteten Schwäne hineingerät. Ein Freund nimmt ihn nach einem Liberace-Konzert mit hinter die Bühne - und Scott ist im wahrsten Sinne geblendet, von dem juwelenbehangenen, ältlichen Mann in seinen Glitzerklamotten, und auch von dem Palazzo, in den er dann prompt eingeladen wird.

Liberaces Haus sähe selbst neben Linderhof noch irgendwie überladen aus, vollgestopft mit Pomp und Putten. Wahrscheinlich liegt es eher an diesen Räumen als daran, dass "Behind the Candelabra" nur ein Fernsehfilm ist, dass Soderbergh als sein eigener Kameramann eher zurückhaltend und schlicht bleibt. "Behind the Candelabra" ist, obwohl mit kleinem Budget gedreht, ein Kostümfilm, mit vielen Toupets, auf die Wangen aufgepappten Silikonkissen und sehr viel Lidstrich.

Die Fratzen, die Liberaces Beauty-Doc (Rob Lowe) sich selbst und anderen hinzurrt, sind an sich schon ein Statement zu Soderberghs angespanntem Verhältnis zu Hollywood. Dort hat man sich an diese Fratzen gewöhnt.

Eine Diva, auf der Bühne wie im Leben

Aber es wäre auf jeden Fall schön, wenn er weiter machen würde - sein Gespür für einen komischen, warmherzigen Tonfall, das kann man hier erleben, hat er nicht verloren, und er hat auch immer noch manch interessanten Regieeinfall auf Lager: Man kann beispielsweise im Gesicht des aktuellen Liebhabers lesen, was Scott blüht, wenn er Liberaces Werben nachgibt, obwohl man die beiden gar nicht sieht. Der hermelinverwöhnte Liberace ist eine Diva, auf der Bühne wie im Leben.

Michael Douglas spielt diese Rolle, und er spielt sie mit soviel Nuancen, von denen keine je aufgesetzt wirkt - so dass er zu einem heißen Anwärter auf den diesjährigen Darstellerpreis geworden ist.

Vor dreizehn Jahren, beim Dreh zu "Traffic", hat Soderbergh Michael Douglas gefragt, ob er sich vorstellen könnte Liberace zu spielen - da war noch nicht abzusehen, dass der Film, als er dann endlich realisiert wurde, als Plädoyer für die Schwulenehe genau zur rechten Zeit kommen würde.

Soderbergh erzählt "Candelabra" durch und durch als Liebesgeschichte, und Liberace, Lee genannt, wandelt sich vor unseren Augen vom lüsternen alten Sack zur unerträglichen Diva, und dann bleibt doch immer nur ein einsames Häuflein Mensch übrig: Ein Junge, der einen anderen Jungen bittet, ihn zu lieben.

Michael Douglas' Version von Liberace ist immer charmant, aber launisch, auf jeden Fall ein liebenswerter Mann, dessen Angst vor der Leere am Ende seines Lebens in jedem Augenblick zu greifen ist.