Chinesische Kunst auf der Biennale von Venedig Mein Gott, der Frosch

Der Froschgott Tie Jia hat in seiner tausendjährigen Existenz schon einiges erlebt. Ein taiwanesischer Künstler huldigt ihm deshalb mit einer Prozession. Außerdem auf der Biennale: schäbiges Mobiliar von Prostituierten. Doch nicht alle chinesischen Werke finden eine eigene Sprache.

Von Kia Vahland

Der Frosch hat das Kunstwerk genehmigt, es hat damit göttlichen Segen. Und das will etwas heißen an diesem Ort, dem ehemaligen Gefängnis im Dogenpalast am Markusplatz. "This is not a Taiwanese Pavillon" steht draußen dran, und drinnen ist es natürlich genau das: Taiwans Statement auf der venezianischen Kunstbiennale, oder genauer: der Beitrag des Froschgottes Marshal Tie Jia, der in seiner über tausendjährigen Existenz schon so einiges erlebt hat an Verehrung und Vertreibung, und von daher hinter Gefängnismauern so gut aufgehoben ist wie in einem Zentrum westlicher Kunstreligion.

Zur lokalen Gottheit auf dem chinesischen Festland hat es der Frosch gebracht, als er ein Leck in dem Damm ausmachte, der seinen Tümpel umgab. Die Dorfbewohner konnten ihren Durst nicht mehr stillen, die Ernte vertrocknete. Und der Frosch, der sich nicht mit Worten mitteilen konnte, hüpfte zur Tat und stopfte mit seinem Leib das Loch, bis man ihm für seinen Einsatz ein Tempelchen baute. Erst die Kulturrevolutionäre vertrieben den vor Ort vielgeliebten Gott aus seinem Heiligtum. Er musste nach Taiwan auswandern, wo er nun über ein winziges steinernes Eiland gebietet. Dort huldigte ihm der Künstler Chia-Wei Hsu und bekam die Erlaubnis für eine zweigeteilte Videoarbeit: Am alten Tümpel in China lässt er zu Ehren von Tie Jia eine Prozession mit Fackeln und Masken aufmarschieren, ein buntes, feierliches Glimmern im Dunkeln. Und auf dem Inselchen legt ein alter Mann, ein echter Froschgläubiger, Spielsteine und singt bittere Lieder vom Japanisch-Chinesischen Krieg. Taiwan, Ort der Hoffnung wie der Isolation.

Massenhaft Hyperrealismus

So also kann chinesische Kunst auch aussehen: spielerisch, mythologisch inspiriert, farbstark und autark. Die Story mag im ersten Moment kompliziert wirken für westliche Augen, aber gerade das wird zur Wohltat, hat man zuvor den offiziellen chinesischen Pavillon im Arsenale gesehen sowie gegenüber, nur mit dem Boot erreichbar, die Schau "Voice of the Unseen". Sie verspricht "unabhängige" Kunst aus der Volksrepublik, doch wie staatsfern diese Maler und Bildhauer wirklich sind, bleibt zweifelhaft.

Jin Feng schnitzt eine Holzskulptur des Konfuzius, ohne dessen weit verbreitete Rezeption in China auch nur annähernd zu erfassen. Wahrscheinlich ist die grob behandelte Oberfläche des Holzes mit leicht abstrahierenden Effekten schon besonders ideologiekritisch gemeint. Nur liegt das weit unter dem Zensurpegel der Partei, die ja sogar Ai Weiweis Nachbauten seiner Gefängniszelle nach Venedig ausreisen ließ (SZ vom 29. Mai). Derlei Hyperrealismus findet sich übrigens massenweise in dieser Schau, etwa in Tian Shixin überdimensionalen Dschingis-Khan-Figuren oder in Zhang Jianhuas lebensgroßen Minenarbeitern, die ihre Toten bergen. Ansonsten einige Jeff-Wall-Verschnitte, ein bisschen asiatisierter Jonathan-Meese-Furor und allerlei weiterer stilistischer Mischmasch. Am originellsten, wenn auch in seiner Aussage überdeutlich, wirkt da noch Mao Dings Readymade: das schäbige Mobiliar von Prostituierten auf engstem Raum.

Ernüchtert wankt man nun noch einmal in den deutschen Pavillon zu Ai Weiweis filigran-minimalistischer Installation aus Holzschemeln: Die modernistisch-chinesische Bildsprache seiner Werke vor dem Zellennachbau konnte sich auch deshalb international so durchsetzen, weil sie eigen ist.