Tomra:Gesammelt und sortiert

Tomra: Eine Sortieranlage des Konzerns Tomra. Künftig steigt der politische Druck, wiederverwertbare Plastikverpackungen herzustellen.

Eine Sortieranlage des Konzerns Tomra. Künftig steigt der politische Druck, wiederverwertbare Plastikverpackungen herzustellen.

(Foto: Tomra)

Mit Tomra-Anlagen lassen sich Kunststoffe aus dem Hausmüll zurück in den Kreislauf führen.

Von Steffen Uhlmann

Lahnstein ist sicherlich nicht der Nabel der Welt, aber bisweilen ein illustrer Ort. Ende September startete dort wieder das abendliche Lichtspektakel "Rheinleuchten", das dafür sorgt, dass verwunschene Orte im Welterbe Oberes Mittelrheintal wie etwa die Löhnberger Mühle kunstvoll illuminiert werden. Tausende Touristen und Einheimische lassen sich das Spektakel nicht nehmen. Zum Betriebsgelände des Lahnsteiner Recyclers Zimmermann kamen Ende Juni dieses Jahres nur eine Handvoll von Gästen, um eine Pilotanlage zu begutachten, die zwar nicht zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, aber durch die bessere Verwertung von Plastikabfällen eine neue Ära nachhaltigen Wirtschaftens auslösen könnte.

Davon ist Volker Rehrmann, Chef des Geschäftsbereichs Recycling und Kreislaufwirtschaft beim norwegischen Technologiekonzern Tomra, überzeugt. "Die Anlage trennt, sortiert, säubert und verarbeitet verschiedenste Kunststoffe aus dem Haushaltsmüll oder der Gelben Tonne zu sogenannten Rezyklaten", sagt Rehrmann. "Also zu wiederverwendbaren Kunststoffen mit unterschiedlichen Qualitäten und Eigenschaften, je nach Anforderung der Kunden und ihrer künftigen Verwendung."

Der Begriff Ära ist für die Pilotanlage in Lahnstein, die Tomra gemeinsam mit dem österreichischen Kunststoffhersteller Borealis und dem Anlagenbauer Zimmermann entwickelt hat, nicht zu hochgegriffen. Schließlich hat sich der einstmals als Wunderstoff gefeierte Werkstoff Plastik längst in alle Ecken und Enden der Welt verbreitet. Problematisch ist, dass derzeit von der jährlichen Produktionsmenge von fast 370 Millionen Tonnen nur der geringste Teil hochwertig wiederverwendet wird.

Im Technologie-Hochland Deutschland zum Beispiel wird zwar durch das Pfandsystem nahezu jede PET-Flasche in den Wertstoffkreislauf zurückgebracht, was 98 Prozent entspricht. Aber nur ein gutes Drittel wird wieder zu einer Mineralwasserflasche. Der große Rest findet sich in Textilien und Fußmatten wieder oder wird in der Autoindustrie als Innendekormaterial verwendet. "Das ist", sagt Rehrmann, "klassisches Downcycling."

Mit hohen Recyclingquoten ließen sich weltweit fast drei Milliarden Tonnen CO2 einsparen

Die Bilanz von Gelber Sack und Gelber Tonne ist noch weit dürftiger: Laut Plastikatlas 2019, einer Studie von Böll-Stiftung und Bund, werden nur zwischen 15 und 20 Prozent des anfallenden Plastikmülls zu Rezyklat verarbeitet und dann für neue Produkte wiederverwendet. Weltweit ist der Anteil noch deutlich geringer. Er liegt nach vorsichtigen Schätzungen nicht mal bei zehn Prozent. Der Hauptgrund sei das bislang fehlende Interesse an einer Wiederverwertung, so die Atlas-Autoren des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Bund.

Die Verarbeitung zu Rezyklat ist 20 bis 30 Prozent teurer und lohne sich in den meisten Fällen einfach nicht. Mit der Folge, dass Plastik auch in die Meere gekommen ist. Ganze Inseln von Plastikmüll treiben über die Ozeane, Mikroplastik verseucht mehr und mehr das Wasser (siehe oben stehenden Beitrag).

Tomra: Im Testzentrum von Tomra in Mülheim-Kärlich können unterschiedlichste Sortieraufgaben überprüft werden.

Im Testzentrum von Tomra in Mülheim-Kärlich können unterschiedlichste Sortieraufgaben überprüft werden.

(Foto: Tomra)

In Europa und auch in Deutschland wandert etwa die Hälfte des Plastikmülls noch immer zusammen mit anderem Abfall in Müllverbrennungsanlagen. Dabei gelangt das dabei entstehende Kohlendioxid in die Atmosphäre. Englische Nachhaltigkeits-Wissenschaftler haben errechnet, dass sich weltweit fast drei Milliarden Tonnen CO2 einsparen ließen, wenn die Abfallströme möglichst hohe Recyclingquoten aufweisen würden.

Genau dort setzten Kunststoffhersteller und deren Abnehmer an. Immer häufiger verbinden sie sich mit Recyclingspezialisten wie Tomra, um die Klimabilanz ihrer Wertschöpfungskette durch Wiederverwendung von Plastikabfällen zu verbessern. Gesetzliche Quoten und der zunehmende gesellschaftliche Druck kompensieren so nach und nach die höheren Preise für das Rezyklat.

1972 in einer Garage von zwei Studenten gegründet, die das weltweit erste Leergutrücknahme-System erfunden hatten, gehören die Norweger heute nach eigenen Angaben zu den weltweit führenden Anbietern von hochleistungsfähigen Sammel- und Sortieranlagen, zum Beispiel für die Lebensmittel- oder die Bergbauindustrie. Mittlerweile hat Tomra rund 100 000 Anlagen und Ausrüstungen in mehr als 80 Ländern installiert.

China, Thailand und Malaysia haben den Import von Plastik und sonstigem Abfall inzwischen verboten

Das rechnet sich für den börsennotierten Konzern, der weltweit mehr als 4300 Beschäftigte hat. Im abgelaufenen Jahr wurde fast eine Milliarde Euro umgesetzt und dabei ein Gewinn von gut 150 Millionen Euro erzielt. "Wir wachsen seit Jahren um mehr als zehn Prozent", sagt Rehrmann. "Dieses Tempo wollen wir wenn möglich in diesem und den nächsten Jahren beibehalten."

Rehrmanns Zuversicht hat Gründe. Länder wie China, Thailand oder Malaysia haben den Import von Plastik und sonstigem Abfall inzwischen verboten. Das zwingt viele Industriestaaten dazu, ihre Rezyklatraten bei der Herstellung neuer Produkte oder bei Verpackungen überhaupt deutlich zu erhöhen - siehe die EU, die als erste Region weltweit das Ziel verfolgt, bis 2025 eine Mindestrezyklatquote von 25 Prozent zu erreichen. Allerdings nur bei der Herstellung von PET-Getränkeflaschen. Ab 2030 müssen dann alle Kunststoffflaschen sogar zu knapp einem Drittel aus wiederverwertbaren Waren bestehen.

In Deutschland schreibt das novellierte Verpackungsgesetz ab Anfang nächsten Jahres vor, dass Kunststoffabfälle aus Verpackungen zu mindestens 63 Prozent recycelt werden müssen. Hinzu komme, so Rehrmann, dass sich mehr und mehr Markenartikler sowie namhafte Lebensmitteldiscounter dem Thema Recyclingplastik verstärkt stellen. So werbe etwa Coca Cola inzwischen damit, dass die in Deutschland verkauften Flaschen des Unternehmens zu rund 70 Prozent aus Recyclingplastik bestünden. Der zur Schwarz-Gruppe gehörende Discounter Lidl wiederum hat für sein Mineralwasser Saskia einen kompletten Wertstoffkreislauf der Flaschen mit eigenen Recyclingfabriken aufgesetzt.

"Der Druck auf den Markt, gerade für hochwertig Rezyklate, schwillt an", sagt Rehrmann, der damit rechnet, dass ihre Verwendungsmöglichkeiten weiter zunehmen dürften, je mehr es gelinge, hochreines rezykliertes Material bereitzustellen. Tomra hat mit seinem Know-how und seinen Sammel- und Sortiertechnologien einen Schlüssel dafür in der Hand.

Die Pilotanlage in Lahnstein ist dafür nur ein Beispiel. "Sie liefert in einem ausgeklügelten Prozess konstant gute Rezyklat-Qualität - so gute, dass wir damit ohne Weiteres Neuware ersetzen können", sagt Rehrmann. "Und damit lässt sich dann auch der Kreislauf schließen."

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