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Praktikum für Schüler:Ausflug ins Berufsleben

Illustration: Stefan Dimitrov

In der Arztpraxis oder im Schreiner-Betrieb: Schülerinnen und Schüler haben viele Möglichkeiten, ein Praktikum zu absolvieren. Was das bringt und worauf man bei der Auswahl des Betriebs achten sollte.

Von Johanna Pfund

Schule war doch anders. Tasche packen, ab zur Bushaltestelle, vielleicht noch schnell was lernen. Jetzt heißt es für Moritz Erdmann (Name von der Redaktion geändert): ein bisschen früher aufstehen, aufs Rad und ab zu den Stadtwerken. Zwei Wochen lang absolviert der Neuntklässler dort ein Praktikum. Das Fazit nach zwei Wochen vor Sicherungskästen, Stromzählern, in Schwimmbädern und Heizanlagen: "Schon spannend, und auf jeden Fall anders als Schule." Eine erste Erkenntnis ist also schon mal gewonnen. Auch zieht der Teenager am Ende der zwei Wochen den Schluss, dass der Beruf des Elektrikers vielleicht doch nichts für ihn ist. Somit hat der Ausflug in die Arbeitswelt zumindest einen Teil seines Zwecks erfüllt: jungen Leuten Orientierung für ihr Berufsleben zu geben.

Die Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland und Schulart

Fast alle Bundesländer verordnen ihren Schülerinnen und Schülern ein Betriebspraktikum - übrigens auch in Corona-Zeiten, natürlich mit der Auflage, die Hygienebestimmungen einzuhalten. Die Hygieneauflagen ähneln sich bundesweit, wann und wie lange Schülerinnen und Schüler ein Praktikum absolvieren müssen, das unterscheidet sich allerdings von Schulart zu Schulart sowie von Bundesland zu Bundesland. An Fachoberschulen beispielsweise ist in der Regel eine mehrmonatige Praktikumsphase vorgeschrieben; an Wirtschaftsschulen und Realschulen wird Erfahrung draußen in der Arbeitswelt ebenfalls in den Lehrplan integriert, jedoch nicht immer an den Gymnasien. Das bayerische Kultusministerium schreibt an der Fachoberschule in der elften Jahrgangsstufe ein etwa halbjährliches Praktikum in der gewählten Ausbildungsrichtung - etwa Technik oder Sozialwesen - vor. An Gymnasien werden Praktika in der neunten Klasse empfohlen, aber nur an sozialwissenschaftlichen Gymnasien sind sie Pflicht, obwohl das Kultusministerium auch mitteilt, dass Schülerpraktika für die spätere berufliche Orientierung für die Schülerinnen und Schüler oft von entscheidender Bedeutung seien. Kurzum - es obliegt der jeweiligen Schule, zu entscheiden, ob die Neuntklässler sich zwei Wochen lang in Arztpraxen, bei Schreinern, in Pflegeheimen oder Stadtwerken jeden Morgen zur Arbeit melden müssen - wie Moritz.

Dabei sind Praktika ein wichtiger Bestandteil der beruflichen Orientierung, findet Hubert Schöffmann, Abteilungsleiter Berufliche Ausbildung bei der IHK für München und Oberbayern. "Praktika sind ein Gewinn für beide Seiten", betont Schöffmann. Die Betriebe erleben einen jungen Menschen, sehen, ob er oder sie interessiert ist, ob er oder sie geschickt die gestellten Aufgaben löst. Die Schülerinnen und Schüler hingegen erfahren oft zum ersten Mal, wie es ist, den ganzen Tag von sieben Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags zu arbeiten, und sehen, was in einem bestimmten Beruf auf sie zukommen kann.

Ein Praktikum funktioniert jedoch nur, wenn beide Seiten engagiert mitarbeiten. "Es ist ein großer Vorteil, wenn die Schülerinnen und Schüler das Praktikum wirklich ernst nehmen", sagt Schöffmann. Denn am Ende des Praktikums erhalten sie eine Bestätigung, und die nutzt auch bei einer Bewerbung - gleich in welchem Unternehmen. Neuntklässler Moritz hat nun auch mehr Schreiben in seinen Ordnern - eine von ihm verfasste Bewerbung wie auch eine Bestätigung der Stadtwerke, was sich im Lebenslauf eines Schülers immer mal positiv ausnimmt. Warum er das Unternehmen ausgewählt hat - das war halb gewollt, halb Pflicht. "Meine Bewerbung bei den Stadtwerken war schon halb Alibi, aber ich interessiere mich auch wirklich für die Stromgewinnung und die nachhaltige Energieversorgung", sagt der Neuntklässler.

Gute Programme für Praktika dienen dem Ruf eines Unternehmens

Er hatte das Glück, dass das Unternehmen auch das bot, was sich Hubert Schöffmann von der IHK wünscht: ein gutes Programm. Moritz durfte einen jungen Angestellten begleiten und mithelfen. Das war früher vielleicht nicht üblich, jetzt gehört eine gute Vorbereitung in den Unternehmen zum guten Ton. "In Zeiten des Fachkräftemangels gehen unsere Betriebe auch mit Überlegung an die Sache ran", berichtet Schöffmann. Sie müssten sich sinnvolle Aufgaben für die jungen Leute überlegen, die diese selbständig erledigen könnten. Wird jemand nur mit dem Einsortieren von Blättern in dicke Ordner beauftragt, trägt dies in der Regel wenig zur Zufriedenheit und zur Berufsfindung bei. Und das spricht sich laut Schöffmann in den Zeiten sozialer Medien sehr schnell rum. "Ein gutes Praktikum ist Eigenwerbung für den Betrieb."

Die gute Vorbereitung, die ist auch für die Lehrer wichtig. "Praktika sind mit einer Menge Organisationsarbeit verbunden", berichtet Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. "Sie sind auch nur sinnvoll, wenn sie durch die Schule mit vorbereitet und begleitet sowie im Anschluss ausgewertet werden." Bis zu seiner Pensionierung im August 2020 leitete Meidinger ein Gymnasium mit einem Wirtschaftszweig in Deggendorf. Dort war ein Praktikum in den Lehrplan integriert. "Wir haben gute Erfahrungen gemacht und das Angebot deshalb auf den neusprachlichen Zweig ausgeweitet", berichtet Meidinger.

Die Vorteile der Arbeit in einem Betrieb liegen für Meidinger auf der Hand: "Die Kinder kommen raus aus dem behüteten Umfeld, sie haben die Möglichkeit, eine andere Welt kennenzulernen." Am besten funktioniere das, wenn sich die Jugendlichen ihr Praktikum selbst suchen, und vorzugsweise nicht gerade in einem Unternehmen, das von der Verwandtschaft geleitet wird. "Natürlich gibt es auch Gegenden in Bayern, wo die Möglichkeiten begrenzt sind", räumt Meidinger ein. Es wäre auch vermessen, sagt der Pädagoge, wenn man erwarte, dass die 15- bis 16-Jährigen nach der Erfahrung in einem Betrieb sofort wüssten, wie sie ihr späteres Berufsleben gestalten sollten.

Auch von einer generellen Praktikumspflicht hält Meidinger wenig. "Ich fürchte, es könnte dann zu einer Abhak-Geschichte werden." Und zwei Wochen der Unterrichtszeit dafür zu streichen, das sei auch schwierig. "Da müsste man die Lehrpläne entsprechend ändern, aber das ist nicht so leicht."

Aus Sicht der Unternehmen ist ein Praktikum in jedem Falle sinnvoll, auch an Gymnasien, wie Hubert Schöffmann von der IHK München und Oberbayern findet: "Nicht alle Gymnasiasten müssen sich für ein Studium entscheiden. Es gibt kaum etwas Besseres als ein Praktikum, um herauszufinden, ob eine Sparte zu einem passt, ob es zum Beispiel eine soziale Branche sein soll, ein praktischer Beruf oder ein Handwerk." Eines aber findet Schöffmann hinderlich: Dass Praktika oft gleichzeitig stattfinden. "In der Regel ballt sich alles in einem kurzen Zeitraum, doch die Plätze sind limitiert." Geschickter wäre es daher, Schülerpraktika gleichmäßig über das ganze Jahr zu verteilen. Zwei Wochen sollten es schon sein, sagt Schöffmann, und dann müsse die Schnupperphase auch gut strukturiert werden. Sein Fazit: "Je länger, desto besser." Und man dürfe das ruhig mal auf die Ferien ausdehnen.

Moritz musste für sein Praktikum im Juli ran, nach Notenschluss. Statt Schwimmbad am Nachmittag war Arbeit angesagt. Eine gute Erfahrung, wie der junge Mann meint. Zudem lernte er auch, dass Schule schön bequem sein kann: "Ich war öfter alleine Situationen ausgesetzt, in denen ich mich nicht hinter den anderen verstecken konnte." Wieder was gelernt für die Arbeitswelt.

© SZ/ssc
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