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Lehrerbildung:Zu wenig digitale Didaktik

Coronavirus - Ravesburg - Fernunterricht

Lehrkräfte, die über Medienkompetenz verfügen und diese adäquat in ihren Beruf einbringen, sind in Deutschland noch die Ausnahme.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Medienkompetenz ist zunehmend wichtig. Aber zu selten wird sie Lehramtsanwärtern an Hochschulen vermittelt. Woran liegt das?

Von Martina Kind

Neun Hochschulsemester hat Frank Beroleit hinter sich gebracht, ohne je eine einzige Veranstaltung zur Mediendidaktik oder Medienkompetenz besucht zu haben. "Wie sich digitale Medien sinnvoll und lernförderlich im Unterricht einsetzen lassen, habe ich erst in meinem Referendariat gelernt", sagt der 31-jährige Deutsch- und Geschichtslehrer einer integrierten Sekundarschule in Berlin, der seinen Master of Education im Wintersemester 2016/2017 abschloss. Ob es zu seiner Studienzeit grundsätzlich Angebote zu dem Thema für Lehramtsstudierende gegeben hat, könne er nicht mehr mit Sicherheit sagen. "Wenn ja, dann waren sie in jedem Fall nicht verpflichtend."

Dass die Lehrkräfte in Deutschland zum Teil erhebliche Lücken in Sachen Medienkompetenz aufweisen, zeigen nicht nur Studien. Die Pandemie hat es in aller Deutlichkeit offenbart. In einer repräsentativen Umfrage für das "Deutsche Schulbarometer" kurz nach den Schulschließungen im vergangenen Frühjahr, im Zuge derer mehr als 1000 Lehrkräfte befragt wurden, gaben denn auch knapp 70 Prozent an, dass sie den größten Verbesserungsbedarf bei den Kompetenzen ihrer eigenen Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit digitalen Lernformaten sehen. Das wirft die Frage auf, welche Rolle der Erwerb von digitaler Medienkompetenz beziehungsweise mediendidaktischer Kompetenz in der Lehrerbildung spielt - oder konkreter: Was tun eigentlich die Universitäten, um die angehenden Lehrkräfte dahingehend fit zu machen?

Seit Frank Beroleits Studienabschluss vor vier Jahren hat sich an den Hochschulen nur wenig getan. "Es ist theoretisch immer noch möglich, als Nachwuchslehrkraft durch das Studium zu kommen, ohne sich tiefergehend mit der Digitalisierung auseinandergesetzt zu haben", resümiert Bianca Brinkmann vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), "und das ist bedenklich." Obwohl die Kultusministerkonferenz (KMK) schon 2016 in ihrer gemeinsamen Strategie "Bildung in der digitalen Welt" empfohlen hatte, die Lehrerbildung in Deutschland entsprechend anzupassen, sprich: Digitales in allen Fächern des fragmentierten Lehramtsstudiums - den Bildungs- beziehungsweise Erziehungswissenschaften, den Fachdidaktiken und den Fachwissenschaften - curricular zu verankern, haben das bis dato nur wenige Hochschulen fächerübergreifend umgesetzt.

Die meisten Hochschulen bieten digitale Lehrmethoden nur als Wahlfach an

Brinkmann verweist auf Erhebungen für den "Monitor Lehrerbildung" aus den Jahren 2017 und 2020, die zeigen, wie schleppend die Entwicklung vorangeht. Waren es seinerzeit nur sieben von insgesamt 63 Hochschulen, die in Lehramtsstudiengängen für das Gymnasium beziehungsweise für die Sekundarstufe II in allen Fächern verpflichtende Lehrformate vorsehen, sind es nunmehr zwölf; in Lehramtsstudiengängen für andere Schulformen sogar noch weniger. An den meisten Standorten hänge es dagegen vom jeweiligen Fach ab, ob es Pflichtveranstaltungen gibt oder nicht. "Häufig befinden sich solche Angebote außerdem im Wahlpflichtbereich, sodass die Studierenden selbst entscheiden können, ob sie sich mit der Thematik beschäftigen wollen oder nicht." Auch die Lehrenden an den Hochschulen sind nicht dazu verpflichtet, digitale Medien in ihrer eigenen Lehre einzusetzen oder sich hochschuldidaktisch weiterzubilden. Tun sie es doch, liegt das meist an ihrem persönlichen Engagement.

An einigen Universitäten haben angehende Lehrkräfte inzwischen die Möglichkeit, sich zusätzlich zu ihrem Studium mediendidaktische und -pädagogische Kompetenzen in Zertifikatsprogrammen anzueignen. Das sei zwar begrüßenswert, es ändere jedoch kaum etwas am grundlegenden Handlungsbedarf. "Letztlich erreicht man auch damit nur einen geringen Teil der Studierenden, während es ausnahmslos jede Lehrkraft für die digitale Zukunft auszubilden gilt", sagt Brinkmann. Sie fordert daher, dass die Lehramts-Curricula in allen Fächern und für alle Schultypen um entsprechende Kompetenzbereiche erweitert werden. "Es gibt Hochschulen, an denen sich viel tut, aber von einer flächendeckenden Verankerung kann man leider noch nicht sprechen."

Lehramtsstudierende können in sogenannten Lehr-Lern-Laboren Praxisübungen machen

Was alle Lehrkräfte eigentlich heute schon können müssten, hat die KMK in ihrem Papier von 2016 aufgelistet. So sollten sie unter anderem in der Lage sein, sicher mit technischen Geräten sowie Lern- und Arbeitsplattformen umzugehen und den "adäquaten Einsatz digitaler Medien und Werkzeuge zu planen, durchzuführen und zu reflektieren". Außerdem sollten sie ihre Schülerinnen und Schüler über die Risiken im Netz aufklären und ihnen einen sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit Medien vermitteln können. "Dafür müssen sie natürlich wissen, wo sich die Jugendlichen im Internet aufhalten, und erkennen, welche Funktion und Bedeutung soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat und Tiktok für diese haben", ergänzt Stefan Aufenanger, Seniorforschungsprofessor für digitale Bildung an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Es genüge daher nicht, wenn Lehramtsstudierenden nur allgemeine Konzepte aus der Medienpädagogik oder -didaktik vorgestellt würden, meint Aufenanger. "Sie müssen digitale Lernformate selbst ausprobieren und erlernen, deren Anwendung für den Fachunterricht zu reflektieren." Beispielsweise, indem sie mit Tablets nach Lern-Apps für ihre Fächer suchen, diese bewerten und eine von ihnen auswählen, um für den konkreten Einsatz ein Unterrichtskonzept zu entwickeln. Außerdem sollten sie seiner Ansicht nach die eigenen digitalen Kompetenzen in sogenannten Lehr-Lern-Laboren, von denen es an den deutschen Hochschulen aktuell nur vereinzelt welche gibt, ausbauen können. "Im Studium muss es künftig eine noch stärkere Verbindung von Theorie und Praxis geben", urteilt der Medienpädagoge.

In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Professuren in Mediendidaktik

Bei der Frage, ob die Pandemie insbesondere die Digitalkompetenz in der Lehrerbildung vorantreibt, herrscht indes Uneinigkeit. Während Aufenanger überzeugt davon ist, dass sich die Hochschulen der Problematik bewusst sind und es bundesweit Bestrebungen gebe, diese Lücken zu füllen, zeigt sich der Mediendidaktiker Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen skeptisch. "So schnell wird da nichts passieren." In Deutschland gebe es eine Handvoll Professuren in der Mediendidaktik, während diese in anderen Ländern seit Jahren selbstverständlicher Bestandteil der Lehrerbildung sei.

"Wir haben hierzulande eine grundsätzliche Skepsis gegenüber moderner Technik in der Bildung, die in keinem anderen Land so ausgeprägt ist", so Kerres. Wegen dieser Haltung lägen deutsche Schulen international weit hinten, was Ausstattung und digitale Kompetenzen betrifft. Bevor sich an dieser gesellschaftlich tief verwurzelten ablehnenden Einstellung gegenüber allem Digitalen in der Bildung nichts ändere, werde sich auch in der Ausbildung der Nachwuchslehrkräfte wenig tun. "Die Pandemie zwingt uns immerhin, uns jetzt endlich die grundlegende Frage zu stellen, ob wir überhaupt eine digitalisierte Gesellschaft sein wollen."

© SZ/ssc/mai
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