Verteidigungspolitik:Von Kriegs- und Friedenstüchtigkeit

Verteidigungspolitik: Verbale Aufrüstung: Verteidigungsminister Boris Pistorius (r.) wünscht sich eine "kriegstüchtige" Truppe.

Verbale Aufrüstung: Verteidigungsminister Boris Pistorius (r.) wünscht sich eine "kriegstüchtige" Truppe.

(Foto: IMAGO/Christoph Hardt/IMAGO/Panama Pictures)

Verteidigungsminister Boris Pistorius spricht davon, die Bundeswehr "kriegstüchtig" machen zu wollen - eine gefährliche Wortwahl? Oder bloß eine Beschreibung neuer Gefahren? Die Sicht von SZ-Lesern.

"Pistorius will Bundeswehr 'kriegstüchtig' machen" und Kolumne "Friedenstüchtig" vom 10. November:

Rhetorisch abrüsten

Bundeskanzler Scholz versprach auf der Bundeswehrtagung, den Wehretat spätestens ab 2028 von 52 Milliarden auf 80 Milliarden Euro jährlich aufzustocken. Zum Schutz unseres Landes vor dem russischen Imperialisten und anderen Aggressoren darf Boris Pistorius seine Armee gerne aufrüsten. Dafür sollte er rhetorisch schleunigst wieder abrüsten, weil der Tonfall an unselige Zeiten erinnert. Die Bundeswehr gehört nicht "kriegstüchtig" gemacht, sondern verteidigungsfähig. Da besteht sehr wohl noch ein Unterschied. Schließlich ist er immer noch Verteidigungsminister und nicht Kriegsminister.

Manfred Jagoda, Ismaning

Nicht "gewinnen müssen"

Gott sei Dank gibt es Heribert Prantl. In all den Kriegsvorbereitungen, die Putins Krieg mit der Ukraine ausgelöst hat, erhebt sich noch eine Stimme, die sagt, dass Kriegsertüchtigung dem Auftrag des Grundgesetzes zuwiderläuft. Die permanente Kriegsbedrohung bis zur Perestroika der Russen hat mein halbes Leben bestimmt. Es ist erschreckend, dass ausgerechnet die Erben Willy Brandts nun kriegsertüchtigende Aufrüstung propagieren. Wie stellt sich so ein "Kriegsminister" ein kriegstüchtiges Land denn vor? Ist eine Gesellschaft kriegstüchtig, wenn Werte nur noch mit Tod und Zerstörung verteidigt werden können? Wenn alle Männer zu Soldaten gemacht werden, "Kollaborateure" gejagt und nur Frauen und Kindern die Flucht vor dem Krieg gestattet ist? Ich möchte nicht, dass meine Enkel in einer solchen Gesellschaft leben müssen.

Politiker sind verantwortlich für ihr Tun. Sie können Friedenstüchtigkeit als höchstes Gut anstreben, aber leider auch Kriegstüchtigkeit. Nach dem Euromaidan wurde mit viel europäischem und amerikanischem Geld die Ukraine acht lange Jahre "kriegstüchtig" gemacht. Altkanzler Gerhard Schröder sagt, dass im März 2022 in Istanbul die Amerikaner einen Friedensschluss nicht zugelassen haben. Ich habe keinerlei Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Der Generalinspekteur der Bundeswehr sagt: "Gewinnen wollen, weil wir gewinnen müssen." Meine pazifistischen Ohren hören da fast so etwas wie "Endsieg", und davor sollte es allen grausen. Nichts gegen Einhaltung von Bündnisversprechungen, aber bitte nicht "gewinnen müssen".

Gabi Baderschneider, Sinzing

Wortklauberei

Zur Forderung von Verteidigungsminister Boris Pistorius nach mehr "Kriegstüchtigkeit" hat Heribert Prantl recht: Wir brauchen stattdessen mehr "Friedenstüchtigkeit". Ich fürchte aber, hier wird eine Wortklauberei kultiviert. Verteidigungsminister Pistorius hat sicherlich etwas fahrlässig das selbstverständliche Wort "Verteidigung" bei seinen Formulierungen weggelassen. Korrekt wäre gewesen: Wir brauchen mehr "Verteidigungs-Kriegstüchtigkeit". Dazu passend wundere ich mich, wenn Herr Prantl immer vom "Krieg" spricht. Wir haben hier einen "Angriffskrieg" und einen "Verteidigungskrieg". Bei der Unterstützung der Ukraine dürfen keine Grenzen zu Russland verletzt werden. Sonst hätten wir einen echten "Krieg".

Stephan Hansen, Ergolding-Piflas

Keine Gewöhnung

Wird Herr Pistorius darauf hinarbeiten, dass er sich demnächst Kriegs- statt Verteidigungsminister nennen darf? Er erfreut sich ja allgemeiner Beliebtheit. Deshalb wird es nicht schwer sein, sich an die neue Rhetorik zu gewöhnen. "Sich gewöhnen" wird im Synonymwörterbuch wie folgt ergänzt: "sich abfinden mit, sich anfreunden mit, sich anpassen, sich arrangieren, sich einfügen, sich einstellen auf, vertraut werden". Also gewöhnen wir uns tapfer an die neue Rhetorik und vergessen, warum es gerade in Deutschland wichtig war, uns an die Schrecken und das Leid von Krieg(en) nicht zu gewöhnen und die Sprache daraufhin sorgfältig abzuklopfen?

Heide Eickmann, Gießen

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