Arbeitsmarkt:"Fachkräftemangel ist hausgemacht"

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Arbeitsmarkt: SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

(Foto: Michael Holtschulte)

Der Ruf nach ausländischen Arbeitskräften stößt bei SZ-Lesern auf Empörung. Schlechte Bezahlung und unsichere Arbeitsverhältnisse sind wohl die Hauptgründe für die jetzigen Situation. Es ließe sich ändern.

"Eine andere Lösung gibt es nicht" und "Wo sind sie hin?" vom 5. Juli, "Wir haben alle Druck. Der Markt ist leer" vom 4. Juli und weitere Artikel:

Miese Arbeitsbedingungen

Mag sein, dass es Firmen gibt, die tatsächlich händeringend suchen, weil der Standort schwierig ist. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass vor allem jene Branchen am lautesten klagen, wo sich auch die Niedriglöhne, die miesen Arbeitsbedingungen und die unsicheren Arbeitsverhältnisse konzentrieren.

Die Baubranche und das Handwerk klagt über Fachkräftemangel - eine Branche, die den Samstag längst zum Regelarbeitstag erklärt hat. Die Pflegebranche? Ein Bereich, wo man sich als Fachkraft nur durch Leiharbeitsverträge vor Überlastung schützen kann. Die Logistikbranche? Arbeitnehmer aufgerieben zwischen Lenkzeiten, mangelnden Parkplätzen und europaweiten Einsätzen - ein Zuhause gibt es nicht mehr.

Schön werden die schädlichen Arbeitsbedingungen im Artikel "Wo sind sie hin?" beschrieben: "Ich hatte keine Zeit für Hobbys ... Freundeskreis, ... sechs Tage die Woche, manchmal 14 bis 15 Stunden am Tag. Wenn du das nicht lebst, dann hältst du das nicht durch." Das ist auch ein Grund, warum Menschen, die in Deutschland leben, für diese Art von Jobs nicht zur Verfügung stehen. Man hält diese Arbeitsbedingungen auf Dauer nicht durch. Das geht nur mit süd-ost-europäischen Wanderarbeitern, die nach einem zeitlich begrenzten Einsatz wieder nach Hause gehen und dort die niedrigeren Lebenshaltungskosten des Heimatlandes ausnützen.

Im Übrigen sind 14 bis 15 Stunden täglich und die Sechs-Tage-Woche ein eklatanter Verstoß gegen die Arbeitszeitordnung. Gewerbeaufsichtsamt - klopf, klopf: Ist da überhaupt wer?

Bernhard Thomas, Germering

"Es geht nur um den Profit"

Das Geschrei der Handwerkskammern, Betriebe und der Politik wegen fehlender Fachkräfte ist groß. Die Probleme, die die Handwerksbetriebe, die Gastronomie oder die Security-Unternehmen an den Flughäfen heute haben, sind in großen Teilen hausgemacht und tauchen nicht plötzlich auf, sondern haben eine Historie.

Als ich eine Ausbildung im Handwerk machen wollte, hatte ich als Abiturient Mühe, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. Zu aufmüpfig und nach drei Jahren wieder weg, so war die weitverbreitete Meinung. Nach drei Jahren Lehrzeit konnten ich und viele andere nur sagen: Gut, dass die Zeit vorbei ist. Schlechte Bezahlung und Überstunden, früher gerne unter dem Motto "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" abgetan, machten eine berufliche Perspektive uninteressant.

Später wollte man in bestimmten Berufen dann plötzlich keine jungen Menschen mehr mit Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife ausbilden. Man hätte ja mehr Zeit in die Ausbildung investieren müssen. Die Bezahlung war und ist im Handwerk teilweise noch immer katastrophal im Vergleich zu dem, was an Gegenleistung erwartet wird. Hier herrscht enormer Nachholbedarf, auch in Bezug auf Vergünstigungen und Zuschüsse seitens des Staates.

Vor allem in kleineren Betrieben hat man noch nicht erkannt, dass man auf diese Weise weder Angestellte hält noch bekommt. Man versucht, sich durchzumogeln und die Schuld anderswo zu suchen. Die Politik steht dann bei all dem Getöse immer schnell Gewehr bei Fuß, wenn es auf einmal heißt: "Holt die (günstigen) Inder als ITler" oder es sollen, wegen des Abfertigungschaos an den Flughäfen, ganz schnell Hilfskräfte aus der Türkei eingeflogen werden. Für derartige Aktionen ist dann schlagartig alles möglich, und alle bestehenden Hürden fallen. Statt nachhaltiger Entwicklung geht es nur um den maximalen Profit auf Kosten des Personals und der Qualität und des Ansehens der geleisteten Arbeit. Darin ist das reiche Deutschland erfinderisch. Hier werden leider aber auch in den Medien häufig nur dünne Bretter gebohrt, statt Ursachen und Folgen beim Namen zu nennen. Ändern wird sich dadurch nichts, wie der Pflegenotstand uns allen leidvoll zeigt. Aber vielleicht retten uns die ukrainischen Pflegerinnen?

Oliver Schulze, Detmold

Problem an der Wurzel anpacken

Wenn Deutschland ohne Zuwanderung keine Chance gegen den Fachkräftemangel hat, wie es der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, sagt, bedeutet das im Umkehrschluss: In den Herkunftsländern dieser Fachkräfte gibt es einen Überschuss. Folglich mangelt es dort an Arbeitsplätzen in Produktion und Dienstleistung. Da ist es naheliegend, dort in das Schaffen von Arbeitsplätzen zu investieren, anstatt die überzähligen Fachkräfte hierherzubewegen. Diese Menschen würden dann auch nicht heimatlos werden. Und es müssten nicht extra Wohnungen gebaut werden sowie die dazugehörende Infrastruktur. Dort Arbeitsplätze zu schaffen, das wäre Hilfe zur Selbsthilfe für die EU-Länder, die volkswirtschaftlich auf schwachen Beinen stehen.

Was in der EU abläuft, ist eine Zentralisierung der Wirtschaftskräfte mit einhergehendem Bevölkerungsschwund in den "Außenländern". Durch diese Ungleichgewichtung gerät die EU in allen Bereichen des Lebens in Schieflage; mit negativen Auswirkungen für alle. Also, Probleme dort anpacken, wo sie entstehen: an der Wurzel.

Michael Mieslinger, Eichenau

Vorteile kommen nicht bei den Mitarbeitern an

In "Eine andere Lösung gibt es nicht" geht die Autorin auf den Fachkräftemangel im Hotel- und Gaststättengewerbe ein und kommt zu dem Schluss, dass es ohne ausländische Fachkräfte nicht geht. Sie verkennt aber, dass seit vielen Jahren die Branche anstatt mit 19 Prozent nur mit sieben Prozent Mehrwertsteuer belastet wird. Das sind zwölf Prozent weniger, als andere Bereiche unter gleichen Bedingungen zu erwirtschaften haben. Anscheinend sind diese Vorteile nicht in höhere Gehälter geflossen, sondern anderweitig verwendet worden.

In der Branche wird weitgehend auf Minijob-Basis gearbeitet. Damit liegen keine regulären Arbeitsverhältnisse vor. Insbesondere Lohnerhöhungen finden so gut wie nicht oder nur unterdurchschnittlich statt. Ebenso belegt die Vergangenheit, dass diese Arbeitskräfte jederzeit entlassen werden können und auch wurden.

Einfache Maßnahmen, die die Situation deutlich verbessern würden, sind: Nur noch eine bestimmte Anzahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen darf Minijobs haben (maximal zehn Prozent der Belegschaft). Befristete Arbeitsverträge müssten begrenzt und limitiert werden. Es müsste feste Zeitvorgaben geben, sodass die Mitarbeiter planen können. Derzeit fehlt nicht nur die Planbarkeit, es wird auch nicht auf die Wünsche der Mitarbeiter Rücksicht genommen.

Ähnlich sieht es in der Luftfahrt aus. Die Fluggesellschaften genießen Vorteile wie etwa, dass Flugbenzin weitgehend steuerbefreit ist. Auch hier "schauen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in die Röhre". Bei Flughäfen handelt es sich vielfach um Verlustbringer. Die Verantwortlichen werden nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn Verluste erwirtschaftet werden. Aber an den Mitarbeitern zu sparen oder diese billigst in Servicegesellschaften auszulagern, das wird nicht angeprangert.

Bedenkt man, dass die Mitarbeiter vielfach in andere, artfremde Bereiche abgewandert sind, wofür sie keine Ausbildung haben, so zeigt das, dass sie bereit oder gezwungen sind, an ihrem bisherigen Gehalt Abstriche zu machen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Arbeitnehmer fordern nicht primär höhere Löhne ein, sondern bessere Arbeitsbedingungen. Die Lösung, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben, suggeriert, dass diese in ihren Herkunftsländern überflüssig sind. Welch ein Irrtum!

Es wäre gut, alle Seiten dieses Komplexes zu beleuchten, statt sich zum Sprachrohr der Dehoga und anderer Branchen zu machen.

Hanjörg Weiß, Kirchheim

Asylbewerber beschäftigen

Die Bundesregierung will aufgrund des Fachkräftemangels und der großen Probleme, Mitarbeiter zum Beispiel für die Gastronomie zu finden, die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern erleichtern. Eine schnellere Lösung ist, die vielen Asylbewerber in deutschen Ankerzentren und Gemeinschaftsunterkünften, die aufgrund der bestehenden restriktiven Regularien von den Ausländerämtern keine Arbeitserlaubnis bekommen, an Flughäfen und in der Gastronomie umgehend einzusetzen. Der Vorteil ergibt sich für alle Seiten: Die Asylbewerber werden sinnvoll beschäftigt und verbessern ihre Sprachkenntnisse, das Sozialsystem wird weniger stark belastet, und den Arbeitgebern und deren Kunden ist geholfen.

Marion Blum, Burghausen

Strategie statt Feuerwehrmodus

Nun ist es offiziell: In Bayern werden in den kommenden Jahren rund 67 000 pädagogische Fachkräfte für Kitas und schulische Ganztagsbetreuung fehlen. Dieser von der Bertelsmann-Stiftung ermittelte Personalbedarf kommt nicht überraschend, denn seit Längerem weisen wissenschaftliche Studien auf eine bestehende und sich weiter vergrößernde Fachkräftelücke hin. Bis heute wurde und wird dieser Sachverhalt mit einer vorwiegend reaktiven bayerischen Kita-Politik beantwortet, die auf bestehende Herausforderungen erst eingeht, wenn sie sich nicht mehr entziehen kann. Das Problem wird nicht strategisch und systematisch angegangen, sondern ad hoc, quasi im Feuerwehrmodus.

Um den bereits seit Jahren bestehenden Fachkräftemangel zu mildern, wurde eine Reihe von Weiterbildungsangeboten geschaffen, in denen pädagogische Ergänzungskräfte, Personen aus benachbarten Berufsfeldern und andere Quereinsteiger verschiedene Varianten von Fachkraftqualifikationen auf verkürzten Ausbildungswegen erwerben können. So gibt es nun neben dem Erzieherberuf und den Berufsprofilen der Kindheitspädagogen und Sozialpädagogen auch eine Ausbildung zur "Fachkraft für Grundschulkindbetreuung" sowie die Zertifikatskurse "pädagogische Fachkraft" und "Fachkraft mit besonderer Qualifikation in Kindertageseinrichtungen". Der Personalmangel konnte mit dieser Auffächerung von Qualifizierungswegen jedoch nicht behoben werden. Eine Problembearbeitung muss deshalb tiefer ansetzen.

Erforderlich sind eine zukunftsweisende Reform des Erzieherberufs, ein fokussiertes Tätigkeitsprofil für Assistenzkräfte, der systematische Einsatz akademisch gebildeter Kindheitspädagogen in Leitungs- und Schnittstellenpositionen, klar beschriebene vertikale und horizontale Karrieremöglichkeiten sowie verbindliche Zeitkontingente für die zentralen pädagogischen und Sorgeaufgaben in Kitas und Ganztagsangeboten für Schulkinder. Die seit knapp zehn Jahren laufende Qualifizierung von Personen mit ausländischen pädagogischen Hochschulabschlüssen an der Katholischen Stiftungshochschule München sollte auf ganz Bayern ausgeweitet und für alle geeigneten Bewerber zugänglich gemacht werden. Dann könnten deutlich mehr hochqualifizierte Menschen mit Migrationsbiografie ihre Potenziale in die Kita-Arbeit einbringen. Die bayerische Kita-Politik braucht jetzt eine Strategie und Stringenz. Gelegentliches Aufwachen ist zu wenig.

Dr. Helga Schneider, Mamming, Professorin für Pädagogik Katholische Stiftungshochschule München

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