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Architektur:Die Kraft der Farben

Pavillon Le Corbusier, 2019, Zürich, © ZHdK

Der Ausstellungspavillon in Zürich ist das letzte Bauwerk, das Le Corbusier entwarf. Dessen Vollendung im Jahr 1967 durfte er nicht mehr miterleben.

(Foto: Betty Fleck/Zürcher Hochschule der Künste/VG-Bildkunst, Bonn 2021)

Wie Le Corbusier im 20. Jahrhundert Architektur gestaltete, wirkt bis heute nach. Eine Ausstellung in Zürich.

Von Evelyn Pschak von Rebay

Bis in die heutige Zeit bleibt der radikale architektonische Ansatz Le Corbusiers in dessen Worten spürbar: "Die Farbe ist in der Architektur ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt." Seit den 1920er-Jahren experimentierte der schweizerisch-französische Architekt und Architekturtheoretiker mit Farbe und ihrer architektonischen Wirkung. Für ihn gliederte Farbe Volumina, löste sie auf, erzeugte Stimmungen und Assoziationen. Helles Pastell ließ Wände zurückweichen, während dunklere Werte den Vordergrund fixierten. Für seine Farbpalette griff der Universalkünstler, der auch als Maler Erfolge feierte, auf bewährte, natürliche Künstlerpigmente zurück. Für Corbusier bildete und modifizierte Farbe den Raum, sie gab ihm Identität.

Als Quintessenz dieser lebenslangen Beschäftigung mit Farbe in der Architektur könnte man seinen Zürcher Pavillon verstehen. Das Architekturdenkmal am Zürichsee ist Corbusiers einziges in der Deutschschweiz realisiertes Gebäude und zudem das letzte Bauwerk, das er vor seinem Tod entwarf - und dessen Vollendung 1967 er nicht mehr miterlebte. Seit 2014 ist die Stadt Zürich Eigentümerin. Sie beauftragte die Schweizer Architekten Silvio Schmed und Arthur Rüegg, den Stahl- und Glasbau aus vorfabrizierten und verschraubten Modulen in seinen Originalzustand zurückzuführen. 2019 als Außenstelle des Museums für Gestaltung wiedereröffnet, finden hier seither jährliche Wechselausstellungen statt.

Ein Haus ganz in Weiß? Wie ein Sahnetopf, fand der Künstler

Das passt, hatte Corbusier den Pavillon doch als "ideales Ausstellungshaus" konzipiert. Außen leuchten Emailpaneele in kräftigen Grundfarben auf, während im Inneren vor allem die ruhigeren Eigenfarben der verwendeten Materialien Schiefer, Eichenholz und Beton dominieren. Wo könnte man also besser dem polychromen Gestaltungsverständnis des als Charles-Édouard Jeanneret geborenen Le Corbusier begegnen als in der diesjährigen Pavillon-Ausstellung "Le Corbusier und die Farbe"?

Ein reinweißes Haus bedürfe der Unterstützung durch die Farbe, so deutet der Architekt und mitwirkende Ausstellungskurator Arthur Rüegg die Metapher von Corbusier, ein Haus ohne Farbe gleiche einem "Sahnetopf". Der 79-Jährige ist emeritierter Professor für Architektur und Konstruktion der ETH Zürich, einen Forschungsschwerpunkt bildete die Farbgebung in der Architektur der klassischen Moderne. 1997 gab Rüegg die "Farbenklaviaturen" Le Corbusiers heraus, die der berühmte Architekt 1931 und 1959 für die Tapetenfirma Salubra entwarf.

Das normierte Farbsystem dieser Polychromie Architecturale enthält 63 kombinierbare Farben: 1931 brachte Corbusier - in nach Stimmungen geordneten zwölf Farbenklaviaturen - 43 Farben auf den Markt und komplettierte sein System 1959 durch weitere 20 Farben. Mithilfe eines Kartonschiebers konnten die Farben von 1931 derart selektiert werden, dass die für Hauptwände und Kontrastfarben geeigneten Kombinationen einander gegenübergestellt erscheinen. Heute stellt die Karl Bubenhofer AG als einziger lizenzierter Schweizer Farbenhersteller die 63 Farbtöne Le Corbusiers in verschiedenen Qualitäten her, die Firma übernahm bei den jüngsten Renovierungsarbeiten auch die Farbrestaurierung der metallischen Hülle des Pavillons.

Alle Mieter mussten Salubra-Tapeten verwenden

Vor rund 20 Jahren wurde die Salubra-Tapetenproduktion eingestellt. Doch Arthur Rüegg konnte 1975 bei einer Renovierung im Genfer Immeuble Clarté Farbmuster der Originaltapeten abnehmen, die nun als Teil der Ausstellung gezeigt werden. Der 1930 bis 1932 erbaute Genfer Stahlskelettriegel ist einer von 17 als Unesco-Welterbe gelisteten Corbusier-Bauten. Damals verpflichtete der Architekt alle Mieter zur Verwendung von Salubra-Tapeten, um die Farbigkeit zu kontrollieren: "Die Leute konnten aus den Klaviaturen auslesen, welche Farbkombinationen ihnen zusagten," erläutert Rüegg im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Und beschreibt im Katalog der Züricher Ausstellung den eindrücklichen Effekt dieser Maßnahme: "Nachts ragte das Gebäude wie ein riesiger Dampfer aus dem Geschiebe der kleinmaßstäblichen Häuser auf, mit langen transluziden Fassaden, hinter denen sich die hell erleuchteten Wohnungen mit ihrer je eigenen Farbigkeit zu einer Farbensymphonie verbanden."

Wie einflussreich Corbusiers Einsatz von Farbe bis heute ist, lässt sich auch an Katrin Trautweins beruflicher Biografie ablesen. Die gebürtige Stuttgarterin promovierte an der ETH Zürich in organischer Chemie und erwarb 1999 in der Entwicklungsphase ihrer Firma, so erinnert sich die Künstlerfarben-Herstellerin, Arthur Rüeggs Buch zur Polychromie Architecturale. Die Farben von Corbusier hätten sie fasziniert, sagt die 56-Jährige: "Sie waren tief und harmonisch, ganz anders als alle anderen Farben, die auf dem Markt waren."

So entwickelte Trautwein ihre Farben unter Einsatz von Künstlerpigmenten, ohne industrielle Abtönpasten einzusetzen. Der damaligen Stiftungsdirektorin der Pariser Fondation Le Corbusier, die das kulturelle Erbe des Architekten bewahrt, gefielen die Ergebnisse so gut, dass sie der Deutschen den Schriftzug Le Corbusiers für den Einsatz auf ihren Rezepturen vergab, den Trautwein behielt, bis die Lizenz der in der Schweiz niedergelassenen Les Couleurs Suisse AG anvertraut wurde. Trotz ihrer Abkehr vom berühmten Schriftzug enthält etwa ihr im Museumsshop des Pavillons erhältliches Ultramarinblau die exakt gleichen Inhaltsstoffe wie die Salubra-Tapetenfarbe 4320 K aus dem Jahr 1959. Für die Rekonstruktion mancher dieser Farbrezepturen benötigte Trautwein Jahre, denn "es gab bei Salubra keine Rezepte", erklärt die Chemikerin.

Ihre Faszination für die Farbkonzepte Le Corbusiers ist beständig: "Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Farben der Natur immer zusammenpassen?", erkundigt sich die Unternehmerin. Und formuliert gleich selbst die Antwort: "Es ist, weil sie nie monochrom sind - das Rot kommt aus dem grünen Knospenkern, das Gras aus dem Kupferkern, Gletscherweiß hat Körnchen aller Farben in sich, und darum passt jede Farbe zu jeder anderen. Es ist immer eine Entsprechung in nächster Nähe." Diese Qualität der Zusammengehörigkeit, meint Katrin Trautwein, habe sie auch bei Corbusier gefunden. Und schließt: "Ich nenne Le Corbusier gerne die Brille, die uns den Blick auf das Thema 'Farbe ist Material' geschenkt hat."

Die Ausstellung "Le Corbusier und die Farbe" ist vom 7. Mai bis 28. November zu sehen im Pavillon Le Corbusier, Höschgasse 8, Zürich.

© SZ/kö
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