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Pädagogik im Internat:"Ein hohes Maß an Toleranz"

In der Gemeinschaft für andere Verantwortung tragen, aber sich auch in Selbstfürsorge üben - diese Werte haben an der Steinmühle einen großen Stellenwert. Historische Fachwerkhäuser verleihen dem Schulgelände individuellen Charakter.

(Foto: Till Buurman)

In Internaten leben Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Dafür braucht es Regeln, aber auch Respekt vor persönlichen Wünschen. Wie bringt man beides in Einklang?

Von Stephanie Schmidt

Viele Kinder und Jugendliche kommen mit dem Laisser-faire-Leben zu Hause nicht zurecht. Im Internat sollen ihnen bestimmte Werte und feste, aber nicht zu starre Strukturen helfen, sich auf die Schule zu konzentrieren und sich persönlich weiterzuentwickeln: Dort leben sie unter Leitung von Lehrern oder Erziehern in Wohngruppen oder sogenannten Internatsfamilien zusammen. 18 Internate in Deutschland und der Schweiz haben sich in einem Verbund zusammengeschlossen, um die Qualität ihrer Ausbildung und Erziehung weiter zu verbessern und sich fachlich auszutauschen. Zu ihnen gehört die Steinmühle in Marburg an der Lahn - ein staatlich anerkanntes Gymnasium in freier Trägerschaft, mit Ganztagsschule, bilingualer Grundschule und Internat. Schulleiter Björn Gemmer, der Vorstandsmitglied der Internate-Vereinigung ist, erklärt, wie das Leben in der Zweitfamilie gelingt.

SZ: Herr Gemmer, für ein gutes Miteinander im Internat braucht es Normen. An welchen Regeln lässt sich nicht rütteln?

Es gibt nicht diskutierbare Normen, die das Kindeswohl sichern. Bestimmte Vorgaben macht allein schon das Jugendschutzgesetz, etwa das Alkoholverbot für Jugendliche unter 16 Jahren. Außerdem schreiben die Internate selbst Regelungen zum Schutz der Schülerinnen und Schüler fest: Nicht diskutierbar ist, dass das Kind genügend Schlaf braucht. Deshalb sind die Zubettgehzeiten in der Steinmühle fest geregelt - sie unterscheiden sich je nach Alter der Schüler. Abends müssen die Kinder ihre mobilen Endgeräte abgeben, sonst schreiben sie einander nachts Whatsapps. Die Sorge, ihr Kind könnte zu einem Medienjunkie werden, ist einer der häufigsten Gründe, warum Eltern bei uns nach einem Internatsplatz fragen. Sie erwarten sich etwa, dass wir das Kind von der Sucht nach Online-Spielen befreien. Alle Internate, die ich kenne, stricken ihren Schülern so attraktive Offline-Angebote, dass ihr Drang nach Medienkonsum abnimmt.

Sind bestimmte Regeln verhandelbar?

Ja. Man kann sich zum Beispiel mit einem Schüler darauf einigen, wie lange er tagsüber online gehen darf. Manche Regeln muss man immer wieder überprüfen, einige kann man individuell außer Kraft setzen. Grundsätzlich müssen die Kinder bei uns zu den Mahlzeiten erscheinen. Man kann sich aber darauf verständigen, dass ein Kind zweimal nicht zum Abendessen kommt, wenn es einen guten Grund dafür gibt. Aufgabe der Pädagogen ist es trotz aller Regeln, auf die psychische Verfassung des Einzelnen zu achten. Manche Kinder muss man nach meiner Erfahrung eher an der kurzen Leine halten, andere können besser mit Freiheiten umgehen.

Wie lässt sich eine Regel so gestalten, dass sie Kindern und Jugendlichen genügend Freiheiten gewährt?

In der Steinmühle muss man in der Woche zwei Arbeitsgemeinschaften besuchen. Welche das sind, bleibt den Schülern überlassen. Egal, ob sie sich etwa für Origami und Rudern entscheiden oder für eine der anderen AGs - die Schüler sind glücklicher, wenn sie eine Struktur mit bestimmten Wahlmöglichkeiten präsentiert bekommen, als wenn man ihnen maximale Freiheit geben würde, etwa mit der vagen Frage: Wie möchtest du deinen Nachmittag verbringen?

Wie sinnvoll eine Regel ist, sollten Pädagogen immer wieder prüfen, betont Björn Gemmer.

(Foto: Martina Schaefer)

Wie schafft man es, dass Schüler individuelle Vereinbarungen akzeptieren?

Indem man durch gute Kommunikation ihr Vertrauen gewinnt. Man kann zum Beispiel zu einem Schüler sagen: "Vertrau uns, dass wir für dich die richtige Regel gefunden haben. Sie sieht so aus, dass du an zwei Tagen die Woche dein Tablet abgibst, so lange, bis deine Neigung, Online-Spiele zu machen, abgenommen hat." Bei uns gibt es außer jährlichen Zielvereinbarungen alle 14 Tage ein Feedback-Gespräch, in dem die Schülerin oder der Schüler gemeinsam mit dem Internatsleiter oder dem jeweiligen Hausleiter über Aufgaben und Verantwortlichkeiten reflektiert.

Werden Jugendliche, die sich an Regeln halten und sich engagieren, belohnt?

Man verdient sich Freiheiten. Das kann die Erlaubnis zu mehr Medienkonsum sein oder ein Hausschlüssel für die Älteren am Samstag. Die Freiheiten dürfen zum eigenen Vorteil, aber nicht zum Nachteil anderer sein.

Welche Werte pflegt die Steinmühle?

Für besonders wichtig halten wir es einerseits, dass sich die Kinder und Jugendlichen in Selbstfürsorge üben, andererseits, dass sie Verantwortung für andere übernehmen. Wir vermitteln ihnen, dass sie arbeiten müssen, um einen guten Schulabschluss zu erzielen. Pflicht ist bei uns, eine bestimmte Zeit pro Woche im Lernbüro zu verbringen. Auf sich selbst aufzupassen, das heißt aber auch, dass sich Schüler nicht im Lernbüro verkriechen sollten und deshalb zu wenige soziale Kontakte haben. Es kommt auf den gesunden Mittelweg an. Apropos - ein großes Thema ist die Ernährung. Wenn der jeweilige Hausleiter beobachtet, dass ein Schüler oder eine Schülerin sich jeden Abend noch eine riesige Pizza bestellt, muss er mit dem Jugendlichen darüber ins Gespräch kommen. Hilfreich sind auch Vorbilder, wie ein Mitschüler, der immer wieder seinen Zimmernachbarn ermutigt: Lass uns joggen oder in die Badminton-AG gehen.

Auch auf institutioneller Ebene kann man zum Vorbild für andere werden.

An der Steinmühle existieren partizipative Strukturen, die seit sieben Jahrzehnten gewachsen sind. Ich sehe es als unseren Auftrag als Internatsschule, Schülern Demokratie, aktives Zuhören und den Perspektivwechsel beizubringen. Engagieren kann man sich zum Beispiel als Schülersprecher in der Schülervertretung; es gibt auch einen Internatsrat, speziell für Internatsschüler.

In manchen Internaten leiten Erzieher die Wohngruppen, in anderen leben die Schüler mit ihren Lehrern zusammen. Woran liegt das?

Die Internate handhaben das unterschiedlich, weil die Kommunen dazu unterschiedliche Regelungen haben. Alle Internate müssen aber einen bestimmten Schlüssel von Pädagogen pro Schüler erfüllen - gemeint sind hier Betreuer mit Pädagogikstudium oder einer gleichwertigen pädagogischen Ausbildung. Usus in Internaten ist eine pädagogische Fachkraft für circa zehn Schülerinnen und Schüler. Sie wird von Assistenten unterstützt. Das können Lehrer, Studierende oder die jeweiligen Ehepartner sein. In der Steinmühle sind Pädagogen die Hausleiter, nicht Lehrer. Wenn ein Internat als Jugendhilfeeinrichtung fungiert, müssen Bewertung und Beratung strikt getrennt sein, das ist gesetzlich so vorgegeben. Ist ein Lehrer zugleich Wohngruppenleiter, kann das im Einzelfall sinnvoll sein, sofern es sich nicht um den Klassenleiter handelt. Denn ein Lehrer weiß, wie er seine Schüler motivieren kann. Lehrer-Erzieher sind allerdings gefühlt oft sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz, das birgt die Gefahr eines Burn-outs.

Sind Lehrer und Erzieher in einer Person vereint, könnte ihr Einfluss auf das Kind zu stark werden. Wie lässt sich das verhindern?

Man muss dafür sorgen, dass dem Kind zwei Verantwortliche zugeordnet sind - einer der Betreuer sollte nicht zur Internatsgemeinschaft gehören. So sieht es das Schutzkonzept vor, das die Mitglieder der Internate-Vereinigung für ihre Schulen erarbeitet haben.

Nach welchen grundsätzlichen Kriterien werden Internatsfamilien gebildet?

Viele Internate trennen Wohngruppen nach Altersstufen - zwei bis drei Jahrgänge in eine Wohngruppe ist ein sehr verbreitetes Modell. Fünft- und Sechstklässler werden an der Steinmühle stärker von anderen Internatsschülern getrennt, weil sie einen ausgeprägten Schutzraum brauchen. Die Hausleiter müssen sich bei ihnen um vieles kümmern - und auch die Rolle der Mutti übernehmen. Das heißt etwa, das Kind zu fragen: "Hast du deine Zahnspange in die Reinigungslösung gesteckt?" Ab der siebten Klasse sind die Jugendlichen in der Steinmühle altersgemischt untergebracht. Diese Regelung ist pädagogisch sehr wertvoll, weil sie hilft, aufeinander Rücksicht zu nehmen und Konflikte zu meistern, was gerade für Einzelkinder wichtig ist. Wenn 14- bis 16-jährige Mädchen auf Jungs in der Pubertät treffen, ist das eine Herausforderung für die Hausgemeinschaft. Den Mädchen ist in dieser Phase oft alles zu trubelig, die Jungs wollen Action. Da hilft es, die Tage so zu strukturieren, dass man diesen verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden kann.

Zum Beginn eines neuen Schuljahres werden auch die Hausgemeinschaften neu komponiert. Welche Rolle spielen dabei die Wünsche der Schüler?

Sie sind wichtig, weil man weniger Konflikte hat, wenn man sie beherzigt. Und eine gute schulische Leistung geht nur in guter Gemeinschaft. Wer möchte mit wem in welches Haus, mit welchem Erzieher? Mit dem Schuljahreswechsel kann man sich das wünschen. Die Schüler merken schon, welcher Pädagoge zu ihnen passt. So brauchen größere Jungs oft einen rustikalen oder ironischen Ton. Wegen der komplizierten und teils nicht nachvollziehbaren Corona-Regelungen ist das Organisieren des Zusammenseins noch viel aufwendiger geworden. Wir müssen die internen von den externen Schülern separieren. Und die jeweiligen Quarantäneregeln der Herkunftsländer beachten. Insgesamt sind Internatsschüler in Pandemiezeiten privilegiert, weil sie mit Gleichaltrigen zusammen sein und Sport treiben können.

In vielen Internatsschulen gibt es feste Termine für die Wohngruppen. Auch in der Steinmühle?

Eine feste Einrichtung ist bei uns die Hausversammlung am Mittwochabend. Da essen wir schick zusammen, mit Kerzenleuchtern und Menü, danach bespricht man sich in den Häusern. Typische Themen sind notwendige Anschaffungen oder Probleme im Zusammenleben. Außerdem gibt es den Klassenrat, der in der Schulklasse stattfindet und an dem auch die externen Schüler teilnehmen - auch hier geht es darum, Konflikte zu lösen. Beim Hausabend mit gemeinsamen Unternehmungen am Freitag steht im Vordergrund, ein intensiveres Gefühl von Heimat und Familie im Internat zu entwickeln. Weltoffenheit gehört auch zu unserem Leitbild. Im Internat ist ein hohes Maß an Toleranz gefordert, weil viele unterschiedliche Charaktere und Nationen zusammenleben. Man lernt hier, die Schrullen anderer zu akzeptieren, einen Mitschüler auch mal so sein zu lassen, wie er ist.

Wo hat die Toleranz zugunsten eines harmonischen Miteinanders Grenzen?

Die Schul- und Internatsleitung sollte auf ein ausgewogenes Verhältnis verschiedener Gruppen von Internatsschülern achten. Es ist sinnvoll, wenn die Anzahl der Schüler, die von der Jugendhilfe gesandt werden und nicht selten Schicksalsschläge zu bewältigen haben oder den negativen Einflüssen ihres ehemaligen Freundeskreise ausgesetzt waren, nicht mehr als zehn bis 20 Prozent beträgt. Deutsche Internate erhalten viele Anfragen aus China. Doch die meisten Internate begrenzen auch hier den Anteil auf zehn bis 20 Prozent: Wenn eine Gruppe zu groß wird, besteht die Gefahr, dass sie sich von den anderen separiert. Jede Nation hat kulturelle Eigenheiten, aber auch da kann man nicht alles tolerieren. Ein Beispiel: In China ist es durchaus üblich, mit offenem Mund zu essen. Das ist hier in Deutschland ein No-Go - und es ist unsere Aufgabe, sie darauf hinzuweisen. Zum Glück sind so junge Menschen sehr lernfähig.

Was kann man bei komplizierten oder länger andauernden Konflikten tun?

Wir haben einen Schulpsychologen, der genau die richtigen Fragen stellt. Um in der Schule und im Internat gut miteinander auszukommen, ist vor allem eines wichtig: Gespräche, Gespräche und noch mal Gespräche.

© SZ/ssc/mai
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