Neue Dauerausstellung in Berlin:Eine Stadt mit Lust am Streit

Pressebild Freiraum, Subraum Kunst (c) Kulturprojekte Berlin und Stadtmuseum Berlin, Foto Alexander Schippel

Die globale Kreativgemeinschaft fühlt sich wohl in der Hauptstadt und sie ist auch Thema in der neuen Schau im Humboldt-Forum.

(Foto: Alexander Schippel)

Allen historischen Veränderungen zum Trotz: Berlin ist immer noch eine Stadt, in der alle einen Platz zum Leben finden können. Das verdanken die Bewohner nicht zuletzt ihrem rauen Charme - wie eine Ausstellung im Humboldt-Forum zeigt.

Von Till Briegleb

Will man in Erfahrung bringen, wie global eine Stadt tatsächlich ist, fragt man am Besten nicht die Einheimischen. Die haben vor allem Wunschvorstellungen. So auch in Berlin. Die einen träumen davon, dass die Stadt das gleiche polyglotte Rausch- und Sündenbabylon sein solle wie in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts, nur ohne drohenden Krieg. Andere sehnen sich zurück in die alternative Trägheit der Achtzigerjahre, als West-Berlin ein Reservat der Leistungsverweigerer, Armeeflüchtlinge, Kieze und Straßenschlachten war. Und wer auf das schnelle Geldverdienen fixiert ist, preist die Aussicht auf einen Immobilienboom, in dem noch mehr superreiche Globetrotter die typischen Berliner Altbauwohnungen in luxuriöse Drittwohnsitze verwandeln.

Doch sieht man in Künstlerlisten internationaler Festivals nach oder spricht mit jungen Kunstschaffenden, ob in St. Petersburg, Istanbul oder Mailand, dann erscheint das Label "lebt in Berlin" tatsächlich wie eine Marke, die jeder gerne trägt oder tragen möchte. Als Sehnsuchtsort einer globalen Kreativgemeinschaft funktioniert die Stadt so gut wie nie zuvor, auch wenn Berlin als Kultur-Mekka schon zig-mal totgesagt wurde. Gerade die notorisch Unzufriedenen am Ort finden ständig einen Grund, ihre Heimatstadt als eigentlich "provinziell" zu bezeichnen - was häufig ein reines Fishing for Compliments ist, denn natürlich sind gerade die Umtriebigen der Kultur wahnsinnig stolz auf ihr Berlin, und wollen das auch von anderen so bestätigt hören.

Bis heute haben sich die Berliner erfolgreich gegen brutale Gentrifizierung gewehrt

Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung "Berlin Global" im Humboldt-Forum auf 4000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur danach bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London oder Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt umso mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.

Der Grund für diese besondere Situation dürfte im lokalen Charakter zu finden sein. Berlin - und auch das wird in der Geschichtspräsentation im Humboldt-Forum von den Revolutionen bis zu modernen Auseinandersetzungen thematisiert - war immer eine Stadt der Konflikte. Nicht nur die weltgeschichtlichen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik, des heißen und des Kalten Kriegs, die nirgends so krass stadtprägend wurden wie in Berlin, haben den Dauerzustand des bürgerlichen Familienkrachs an der Spree am Leben gehalten. Speziell im Bereich der Wohnraumversorgung ist die Stadt mit ihren fast vier Millionen Einwohnern ein Vorbild an Bockigkeit. Von der großen Hausbesetzerzeit in den Achtzigern bis zu der neuesten Volksinitiative, die private Immobilienkonzerne enteignen will, zeigt sich Widerstand in Berlin als Generationenprojekt. Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine kulturell und sozial relativ gemischte Bewohnerschaft anzutreffen ist.

Pressebild Grenzen, Objekte (c) Kulturprojekte Berlin und Stadtmuseum Berlin, Foto Alexander Schippel

Was sind schon Grenzen? Die Schau im Humboldtforum widmet dieser Frage einen ganzen Raum.

(Foto: Alexander Schippel)

Die wohlhabende Uniformität vieler Städte findet sich in Berlin also noch halbwegs wohldosiert. Stadtteile wie Kreuzberg, vor dem Mauerfall das Zentrum der urbanen Selbstermächtigung, haben sich noch viel von der Atmosphäre jener Zeit bewahrt, als Pfennigmieten für Fabriketagen, Hönkel-Krawalle mit brennendem Supermarkt und allabendliche Dosenbierversammlungen an den Straßenkreuzungen den glücklich prekären Lebensstil der Stadt berühmt machten.

Selbst in Hipster-Vierteln gibt es noch ganz durchschnittliche Bewohner, anders als in Paris

Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße, wie man es in Paris im Marais oder im Londoner Soho längst nicht mehr antrifft - jedenfalls, wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Teilung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr leisten als die Berliner.

In Zeiten, wo es immer notwendiger wird, über Alternativen zur Wachstumswirtschaft und zum Konsumismus nachzudenken, ist ein eingeübter Lebensstil moderaten Wohlstands natürlich eine gute Voraussetzung. Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen. Das architektonische Erbe, das den Krieg überdauert hat, sowie die Wasser-, Park- und Wiesenlandschaften in und um Berlin wirken intensiv mit an dem Ruf der Stadt, ein guter Ort zum Leben zu sein - was sich dann auch in dem mittlerweile internationalen Zuschnitt der Bevölkerung zeigt.

Ein Paradies für Kreative, die nicht unbedingt gut Deutsch können müssen

Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt kamen. Und in Stadtteilen wie Wedding und Neukölln herrscht mittlerweile Parität zwischen Wurzeldeutschen und Neupreußen, die nicht auf Oscar Wilde gehört haben. Der britische Schriftsteller befand einst: "Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen." Aber es scheint sich trotzdem zu lohnen, wie der rapide Wandel der Berliner Stadtbevölkerung beweist. Wobei die vielen Betriebe der Kreativwirtschaft, die dem Werben Berlins gefolgt sind, ein Shangri-La, ein Paradies für Einfallsreiche zu sein scheinen, die in ihren Ausschreibungen gar nicht mehr verlangen, dass Bewerber die typisch deutschen Substantivkoppelungen beherrschen. In Architekturbüros, Agenturen und Ausstellungsbetrieben regiert eher das "Ti-Eitsch".

Diese neue internationale Mischung bringt natürlich auch neue Themen mit. Das koloniale Erbe Deutschlands und die gerechte Beteiligung der Neubürger an der Kultur standen zuletzt immer wieder im Fokus kritischer Debatten - was als ein Kapitel von "Global Berlin" auch an dem Ort beleuchtet wird, der wegen seiner neuen Funktion als Weltmuseum im Zentrum solcher Auseinandersetzungen stand.

Das Volkslied vom Raufbold Bolle stimmt immer noch: Er amüsiert sich janz köstlich

In der Stadt des Streits sind derartige Konflikte natürlich oft von einer gewissen verbissenen Manier geprägt. Der traditionell schlechtlaunige Maulcharakter des Berliners, der auf eine manchmal engstirnige und überreizte Aktivistenszene trifft, sorgt dann für die typischen Berliner Explosivkräfte aus Aggressivität und Beleidigtsein.

Das führt zwar oft zu keiner Annäherung, wird von den Neubürgern aber manchmal als durchaus attraktiv wahrgenommen. In Berlin ist immer was los, oder wie es in einem berühmten Berliner Volkslied über einen stadttypischen Raufbold von 1900 heißt: "Aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert." Die rauen Umgangsformen der Berliner im Stil von "Nicht gemeckert ist schon gelobt" haben jedenfalls nicht verhindert, dass Berlins Ansehen in der Welt der Produktiven top ist. Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.

© SZ
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