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Titel-Betrug:Promotion bei der Mafia

Korruption als Erblast des kommunistischen Systems: Ein Skandal um erschwindelte Uni-Titel erschüttert Tschechien. Dahinter steckt offenbar die organisierte Kriminalität.

Klaus Brill

Erst sah es so aus, als habe nur die Titelsucht aus der Ära der Habsburger Herrschaft in Böhmen ihre Wiederauferstehung gefeiert. An der Juristischen Fakultät der Westböhmischen Universität in Pilsen haben Dutzende, wenn nicht Hunderte von Studenten im Schnelldurchgang ihr Diplom oder ihren Doktorhut erhalten. Nach neuesten Erkenntnissen verbirgt sich dahinter aber nicht nur gewöhnliche Korruption, sondern ein mafioses Netzwerk, das die Sicherheit des Staates gefährdet.

Stanislav Gross, früherer Premierminister Tschechiens hat ebenfalls an der Universität Pilsen promoviert.

(Foto: Foto: dpa)

Deshalb zieht man jetzt Konsequenzen. Am Dienstag wurden der frühere Dekan der Fakultät und einer seiner Stellvertreter von der Universität entfernt. Die Regierung kündigte eine strenge Untersuchung aller Universitäten an. Das scheint nötig, denn offenkundig befinden sich die tschechischen Hochschulen 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus in beklagenswertem Zustand. Die lang geplante Studienreform lässt weiter auf sich warten, die Hochschullehrer werden miserabel bezahlt. Der Skandal in Pilsen zeigt zudem eine erschreckende Verwilderung der Sitten an.

Die Affäre begann vor einem Monat mit der Entdeckung, dass einer der Prodekane der Juristischen Fakultät seine Dissertation teilweise abgeschrieben hatte. Eine Untersuchung förderte weitere Plagiate zutage. Ferner zeigte sich, dass eine größere Zahl von Personen ihre Studien verdächtig schnell absolviert hatten. In mehreren Wochen oder Monaten bewältigten sie ein Pensum, für das normalerweise fünf Jahre angesetzt sind. Dabei handelte es sich nicht um gewöhnliche Abiturienten, sondern um Politiker, Unternehmer, Polizeiführer und andere Staatsbeamte, die ihre akademische Laufbahn im Nachhinein und im Expressverfahren bewältigten.

Namen nennen die Ermittler nicht, doch wurde bekannt, dass ein prominenter Anwalt und eine Großstadt-Bürgermeisterin darunter sind. Auch der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident Stanislav Gross, der 2005 unter Korruptionsverdacht zurücktreten musste, gehört zu jenen mehr als 400 Doctores der Jurisprudenz, deren Promotionsarbeiten jetzt überprüft werden. 35 Dissertationen und etliche Diplomarbeiten waren unauffindbar, in manchen Fällen waren die Texte auch nicht korrekt begutachtet worden.

Wertvolle Kontakte durch Schummeleien

Die Lage ist ernst, wie Tschechiens Ministerpräsident Jan Fischer erklärte. Nicht nur die Professoren, die in den Skandal verwickelt sind, haben versagt, sondern auch die Aufsichtsorgane. Die größten Sorgen bereitet die Erkenntnis, dass das Netzwerk des Betrugs offenbar von Seilschaften geknüpft wurde, die als Teil der organisierten Kriminalität anzusehen sind. Vladimira Dvorakova, die Vorsitzende einer für die Universitäten zuständigen Kommission im Bildungsministerium, sprach als Leiterin der Untersuchungen jüngst von der "Mafia in der westböhmischen Universität".

Diese habe versucht, sich mit Hilfe der Schummeleien einflussreiche Personen unter den Studenten zu verpflichten und so wertvolle Kontakte in die politische Szene, zur Polizei und zu anderen Behörden zu erhalten. Über diese Kanäle wollten dann die eigentlichen Hintermänner Einfluss auf die Vergabe öffentlicher Aufträge und den Ausgang von Schiedsgerichtsverfahren nehmen oder den Verkauf von Staatseigentum kontrollieren.

Staatseigentum steht auf dem Spiel

"Das war keine Situation, wo ein Politiker jemand schmiert, um einen Titel zu bekommen", sagte Vladimira Dvorakova der Zeitung Mlada fronta Dnes. "Staatseigentum im Wert von Milliarden Kronen steht auf dem Spiel. Das Netzwerk hat die Sicherheit des Landes bedroht." Die organisierte Kriminalität habe sich die Tatsache zunutze gemacht, dass Politiker, Zoll- und Geheimdienstbeamte sowie staatliche Inspektoren in Pilsen studierten begonnen hätten, weil sie nach einer neuen Gesetzgebung eine akademische Ausbildung brauchten, um ihre Posten zu behalten.

Der Fall reiht sich ein in eine Serie anderer Skandale, die immer wieder die Korruption als Erblast des kommunistischen Systems entlarven. Erst jüngst wurde, wie am Dienstag die Zeitung Pravo meldete, ein anderes betrügerisches Netzwerk an einer Schule in der Grenzstadt Cheb (Eger) aufgedeckt. Mehr als 70 Deutsche hatten dort gefälschte Bescheinigungen über eine Unterrichtsteilnahme erhalten, die sie für die Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis brauchten.

Mit Schmiergeld zum Führerschein

Diese wiederum war Voraussetzung für die Ausstellung eines Führerscheins - gegen ein Schmiergeld von 300 Euro. Bei den Bewerbern handelte es sich um Personen, denen zuvor in Deutschland die Fahrerlaubnis von der Polizei entzogen worden war.

© SZ vom 21.10.2009/holz

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