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Sorgentelefon für Studenten:Existenzangst, so schlimm wie Liebeskummer

Einfach nur zuhören: Am Sorgentelefon Nightline helfen Studenten ihren Kommilitonen in allen Lebenslagen - und leiden dabei oft selbst.

Die Nacht beginnt mit einer Lüge. Sandra Meister packt ihren Laptop in die Tasche, legt ein Buch dazu und nimmt ihren Ordner für den nächsten Tag an der Uni unter den Arm. "Bis morgen", sagt sie zu ihren Mitbewohnern, "ich übernachte bei meinem Freund." Meister geht aus dem Haus in Richtung Innenstadt. Doch sobald sie außer Sichtweite ist, biegt sie vom Weg ab. Sie will nicht zu ihrem Freund, der ist an diesem Sonntag gar nicht in Heidelberg.

Nightline Sorgentelefon Studium

Stillschweigen ist oberstes Gebot: Wer beim studentischen Sorgentelefon Nightline arbeitet, darf niemandem davon erzählen.

(Foto: dpa)

Während der Vorlesungszeit greift sie mindestens zwei Mal pro Monat "zu dieser kleinen Notlüge", wie sie sagt. Denn niemand darf wissen, wohin sie wirklich geht. Deshalb will sie auch nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht.

An den Abenden, an denen ihre Mitbewohner denken, Sandra sei bei ihrem Freund, sitzt sie in einem kleinen Büro. Kühlschrank, Kaffeemaschine und zwei Telefone, davor Meister und ein Kollege. Das Büro ist die Zentrale des Sorgentelefons der Nightline Heidelberg. Liebeskummer, Zukunftsängste oder Einsamkeit: Jeden Abend rufen im Durchschnitt drei Studenten an, um mit Sandra Meister oder einem anderen ehrenamtlichen Zuhörer über Probleme zu reden.

Ein Nacht voller Drogenprobleme

Die Nightline Heidelberg ist das älteste Zuhörtelefon für Studenten in Deutschland. 1994 wurde es nach einem Vorbild aus Oxford gegründet. Mittlerweile gibt es die studentischen Sorgentelefone auch in Dresden, Freiburg, Köln und Münster. In Heidelberg warten seit dem Wintersemester 2008/2009 während der Vorlesungszeit jeden Abend zwei Nightliner vor den beiden Telefonen, auch samstags und sonntags. Der Verein ist gewachsen, die Mitarbeit begehrt: 30 Studenten teilen sich die Schicht von 21 bis zwei Uhr. Oft bleiben sie auch länger am Telefon hängen.

An einem Abend saß Sandra Meister bis fünf Uhr früh. Sie hatte das Gefühl weitertelefonieren zu müssen; zu wichtig war das Gespräch für den Anrufer. Dagegen schien die Zehn-Uhr-Vorlesung am nächsten Morgen fern und unbedeutend. Müde schleppte sie sich in die Uni, versuchte sich die wenigen Stunden Schlaf nicht anmerken zu lassen. Dass sie gerade eine ganze Nacht den Drogenproblemen eines Kommilitonen gelauscht hatte, konnte Meister aber keinem erzählen, denn die Mitarbeiter der Nightlines verpflichten sich zur Verschwiegenheit.

Anonymität ist oberstes Gebot

Anonymität ist das höchste Gebot. Welcher Jurastudent ruft schon an und erzählt vom Heimweh, wenn er weiß, dass vielleicht eine Kommilitonin am anderen Ende der Leitung sitzt? Welche Biologiestudentin breitet ihren Liebeskummer aus, wenn sie ihren Gesprächspartner eventuell von einer Wohnheimfeier kennt? Deshalb unterschreiben die Nightliner in Heidelberg eine Schweigepflichterklärung. "Keiner darf wissen, dass ich ein Sorgentelefon betreue", sagt Sandra Meister. Nicht einmal ihr Freund.

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Nicht jede Universität ist begeistert

Frank Eckert aber weiß, wo das Büro der Nightline liegt. Er kennt den Verein in Heidelberg und weiß auch, wer in den anderen vier Städten in Deutschland, in denen es ein Studententelefon gibt, hinter der Organisation steckt. Seine Anonymität konnte Eckert aufgeben, weil er aus dem aktiven Telefondienst ausgestiegen ist. Eckert studiert im Moment Physik in Cambridge. Auch dort gibt es ein Nightline-Projekt. Studententelefone sind in England viel stärker verbreitetet. "Da kann man sich Einiges abschauen", sagt er. Den Zuhördienst in Cambridge gibt es schon seit 35 Jahren.

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"Ihr habt mich verdorben"

Neue Ideen sind wichtig für Frank Eckert, denn seit vergangenem Sommer ist er einer der beiden Vorstände des neu gegründeten Stiftungsvereins Förderinitiative Nightlines Deutschland. Das Ziel: ein Netzwerk in deutschen Universitätsstädten. Die fünf Nightlines in Deutschland erreichen bisher 225.000 theoretisch Personen, sagt Eckert - etwas mehr als zehn Prozent aller Studenten. "Eigentlich sollte aber jeder auf eine Beratung in seiner Umgebung zurückgreifen können."

Mit dem Stiftungsverein will Eckert deshalb die Hürden zur Gründung eines neuen Sorgentelefons an Universitäten abbauen. Falls eine Gruppe von Studenten in Zukunft eine Nightline einrichten will, könnte Eckert Berater in die Stadt schicken, die Tipps geben, wie man eine Organisation über ein Semester am Leben erhält. Ein Schulungs-Team könnte Seminare über Telefonseelsorge organisieren. Die Initiative dafür sollte aber zunächst vor Ort entstehen.

Das Alter ist kein Problem

In Köln und Dresden schafften es Studenten in den vergangenen Jahren, neue Nigtlines ins Leben zu rufen. In anderen Städten seien die Vorhaben gescheitert, sagt Eckert. Frankfurt und Bonn hätten Interesse bekundet und in Heidelberg um Unterstützung gebeten. "Oft sind die Leute aber überrascht, wie viel Aufwand hinter einem Telefondienst steckt." Jemand muss neben seinem Studium das Programm organisieren, Dienste einteilen und Mitarbeiter werben. Außerdem geht es nicht ohne Büro und Telefonanlage. Das kostet zwar nicht viel und wird oft von den Studentenwerken gestellt, aber nicht jede Universität ist anfangs von der Idee begeistert.

Frank Eckert war 20 Jahre alt, als er bei der Nightline in Heidelberg anfing. Die Telefondienste fielen ihm nicht immer leicht, vor allem wenn er als Studienanfänger mit einem Langzeitstudenten redete, der überlegte, sein Studium abzubrechen. "Die Dienste waren immer eine Herausforderung", sagt er. Das war es auch, was Sandra Meister reizte, sich bei der Nightline zu engagieren. "Das Alter ist kein Problem", sagt sie. Die Anliegen der Anrufer lägen oft auch gar nicht im universitären Bereich.

Keine Therapeuten

Sehr oft sind es Beziehungsprobleme, wegen derer Studenten die Nummer der Beratung wählen - etwa Streit mit den Eltern, Auseinandersetzungen mit Freunden oder die Einsamkeit in der neuen, fremden Studienstadt. Die Nightliner hören dann vor allem zu. Hin und wieder geben sie Denkanstöße. "Wir sind keine Therapeuten", sagt Meister. Lösungen, die man in einem kurzen Telefonat finden kann, gebe es ohnehin meistens nicht. Die Nightliner hören erst mal zu.