bedeckt München

Professoren unter Verdacht:Dr. Korruption

Jeder Staatsanwalt weiß, dass der Kauf eines Dr. med. oder Dr. phil. mit dem Strafgesetzbuch kaum vereinbar ist. Dennoch blieb der Titelhandel lange Zeit ungeahndet.

Hans Leyendecker

Die kriminologische Forschung definiert Korruption als Missbrauch eines öffentlichen Amtes oder einer Funktion in der Wirtschaft zu privaten Zwecken. Der Täter nimmt den Eintritt eines Schadens oder Nachteils für die Allgemeinheit wegen des eigenen Vorteils in Kauf.

Das Geschäft mit käuflichen Doktortiteln floriert seit langem - und blieb viel zu lange ungeahndet.

(Foto: Foto: dpa)

Interessanterweise erlebt aber auch das System des Gebens und Nehmens, das Horst-Eberhard Richter mal die "Ars corrumpendi" genannt hat, seine Zyklen. Was auch gestern schon anstößig war, aber nicht ernsthaft verfolgt wurde, kann heute ein Skandal sein.

Oder andersherum. Eher durch einen Zufallsfund angeregt, hat die Staatsanwaltschaft Köln einen Teil eines aus bestechlichen Doktorvätern, unfähigen Doktoranden und gerissenen Promotionsberatern bestehenden Marktes ausgehoben.

Am meisten erstaunt das Erstaunen

In einem Prozess hatte sich ein Promotionsberater um Kopf und Kragen geredet. Weil er eifrigst gestand, wurde die Strafverfolgungsbehörde fündig: Hundert deutsche Professoren sollen bestechlich sein. Am meisten erstaunt das Erstaunen.

Den Titelhandel und das Gewerbe der sogenannten Promotionsberater gibt es schon seit Jahrzehnten. Sogar in bereits vergilbten Büchern ("Die Doktormacher") finden sich aktuelle Auflistungen der Granden des Geschäfts mit der Eitelkeit; unter ihnen befinden sich etliche Gewerbetreibende, die auch heute noch ungestört ihren Tätigkeiten nachgehen.

Man machte seine Witzchen über die eitlen Titeljäger oder über Hochstapler. Ein Doktortitel muss es schon sein. Der Deutsche Hochschulverband, die bundesweite Interessenorganisation der Professoren, hat immer wieder mal pflichtschuldigst auf das Übel der vielen Doktorfabriken hingewiesen, aber das Echo war gering.

Es gilt heutzutage schon als löblich, dass zumindest ein Bundesland (Nordrhein-Westfalen) im Hochschulgesetz die Selbstverständlichkeit vermerkt hat, dass "akademische Grade nicht gegen Entgelt vermittelt werden dürfen". Eine zentrale Stelle, die Regeln für Dissertationen festlegt und deren Einhaltung prüft, gibt es immer noch nicht: Promotionsordnungen liegen in der Verantwortungen der Hochschulen.

Zwar kämpfen ein paar engagierte Wissenschaftler wie der Münchner Professor Manuel R. Theisen seit Jahrzehnten gegen die Titelhändler und informieren über deren Praktiken regelmäßig die Behörden. Aber warum geht die Gesellschaft meist bei diesem Thema sparsam mit ihrer Empörung um? Warum endeten die meisten Verfahren gegen die wenigen Doktormacher, die vor Gericht gebracht wurden, mit bescheidenen Bußgeldern?

Für Staatsanwaltschaften war der Missbrauch akademischer Titel lange Zeit kein großes Thema. Solche Verfahren sind mühsam und langwierig - und diese Klientel hat oft auch gute Rechtsbeistände.

Dabei weiß jeder Staatsanwalt, dass sich der Kauf eines Doktortitels mit dem Strafgesetzbuch kaum vereinbaren lässt. Das Geschäft mit käuflichen Doktortiteln floriert dennoch. Etliche Manager, Beamte, vor allem jedoch Freiberufler wie Heilpraktiker und Architekten schmücken sich unbefugt mit akademischen Graden, für die sie nicht ausreichend wissenschaftlich gearbeitet haben.

Jedes Jahr bis zu 500 falsche Doktoranden

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 25.000 Akademiker zum Doktor ernannt. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent gelangen auf dubiosen Wegen zum Titel. Das bedeutet, dass jährlich zwischen 250 und 500 falsche Doktorhüte produziert werden. Der Vorteil für den Geber liegt auf der Hand: Etwa 13.000 Euro zusätzliches Jahresgehalt bringt ein Titel im Schnitt.

Das rechnet sich. Ein promovierter Ingenieur zum Beispiel kann in seinem Berufsleben mindestens eine Viertelmillion Euro mehr verdienen als sein nur diplomierter Kollege. Auch dürfen fließende Grenzen zwischen Vermittlungs- und Schreibdiensten vermutet werden. Es handelt sich nicht um Kleinkriminalität, sondern um astreine Korruption.

© SZ vom 24.08.2009/dmo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite