Lesebegleiter Rätsel und Rollenspiele

„Da ist jemand, der sich nur um mich kümmert“ – allein schon dieses Gefühl wirkt motivierend auf das Kind.

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Viele Grundschüler haben Schwierigkeiten, Texte flüssig zu lesen und sie zu verstehen. Auf spielerische Art helfen ihnen ehrenamtliche Mentoren. Manche Kinder werden dadurch zu begeisterten Lesern.

Von Joachim Göres

Flora liest. Eine Geschichte aus "Paula das Walross". Oder ein kleines Kapitel über Ballons und warum sie fliegen. Mit dem Zeigefinger geht die Grundschülerin die Buchstaben entlang, damit sie weiß, bei welchem Wort sie gerade ist. Flora liest langsam und sehr konzentriert. Neben ihr sitzt Barbara Bodmann, stellt ihr manchmal Fragen zu den Texten und lobt Flora häufig. Manchmal wechseln die beiden sich beim Lesen ab, manchmal beginnen sie zusammen, und Bodmann wird immer leiser, während Flora weiterliest. Ab und zu korrigiert die ehemalige Berufsschullehrerin die Betonung oder Aussprache. Sie ist Lesementorin und übt mit Flora einmal die Woche eine Stunde lang, in einem kleinen Raum in einer Grundschule im niedersächsischen Celle.

Wer sich engagieren will, braucht keine spezielle Ausbildung, aber Geduld und eine herzliche Art

Am liebsten liest Flora die Kinderzeitung, die ihre Mentorin immer mitbringt. In einer Ausgabe geht es um "Die Marienkäfer sind unterwegs". Flora fragt ihre Betreuerin: "Können wir die Scherzfrage machen?"Das Mädchen liest vor: "Was fliegt schneller: Marienkäfer oder Schnellzug?" Auf die Antwort "Ein Schnellzug" entgegnet sie mit gespielter Entrüstung: "Nein, ein Schnellzug kann nicht fliegen!" Bodmann freut sich, dass Flora bei der Frage mit der Stimme nach oben gegangen ist und sie richtig betont hat. Das Kind wiederum freut sich, dass seine Mentorin mit ihm beim Lesen gerne Späße macht. Dazu gehört, dass die ehemalige Grundschullehrerin eine Stoffeule in die Hand nimmt und mit veränderter Stimme auf einmal ganz schlecht liest, während das Mädchen die Lehrerinnenrolle übernimmt und die Fehler korrigiert. Gerne begibt es sich in den Texten auf die Spur einzelner Buchstaben, um mit ihnen das Lösungswort für kleine Kreuzworträtsel herauszubekommen.

Ein Erwachsener kümmert sich eine Schulstunde um ein Kind - das ist das Prinzip der Lesementoren. Sie arbeiten ehrenamtlich. Die Kinder für diese Einzelbetreuung werden von der Schule ausgewählt, sie haben Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten. Manche können b und d nicht auseinanderhalten, andere verwechseln leicht ei und ie. Viele müssen sich sehr auf einzelne Buchstaben konzentrieren und können so nicht flüssig lesen und den Sinn verstehen.

Kinder von Flüchtlingen haben zudem nicht selten Schwierigkeiten, bestimmte Laute richtig zu formen. Aber nicht nur Migrantenkinder stolpern beim Lesen über Wörter, die sie noch nie gehört haben - was ist eine Primel, was ein verdutzter Vater? Dann versuchen Mentor und Schützling, gemeinsam in einem Wörterbuch herauszubekommen, was sich hinter diesem Begriff wohl verbergen könnte. Der Unterrichtsstoff wird nicht wiederholt, Schulbücher bleiben außen vor. Oberstes Ziel: Das Lesen soll Spaß machen.

"Wichtig ist die Abwechslung. Man sollte sich nach den Hobbys richten. Ein Junge, den ich betreue, liest gern Krimis. Wenn er den Täter rauskriegt, ist er stolz wie Oskar", sagt Bodmann, die immer eine mit unterschiedlichen Büchern gefüllte Tasche dabei hat. Sie fügt hinzu: "Man darf die Kinder nicht überfordern. Lässt die Konzentration nach, erzählen wir einfach, basteln oder spielen miteinander."

Nach der internationalen Grundschul-Leseuntersuchtung aus dem vergangenen Jahr kann fast jeder fünfte Viertklässler in Deutschland nicht richtig lesen. Warum haben immer mehr Kinder Probleme damit? "Die Anforderungen in den Grundschulen sind in den letzten Jahren höher geworden. Zudem wird in immer mehr Familien nicht mehr vorgelesen", lautet die Antwort von Cornelia Sunderkamp vom Mentorenverein Paderborn. Dort sind an 20 Schulen 120 Mentoren aktiv, vor allem Rentnerinnen. Nur zehn Männer gehören zum Kreis der ehrenamtlichen Lesehelfer, die anfangs eine eintägige Einführung bekommen und sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch treffen können. "Wir kümmern uns um 140 Kinder. Der Bedarf vor allem in den Grundschulen ist viel größer. Deswegen brauchen wir dringend neue Mentoren", sagt Sunderkamp. Sie sucht Menschen, die nicht belehren wollen: "Wir führen ein Bewerbungsgespräch und merken schnell, ob es klappen könnte. Ich bin begeistert, wie offen ältere Menschen für so eine Aufgabe sind. Nur ganz selten müssen wir Interessenten ablehnen."

Inge Lange, ehemalige Ausbildern bei der Telekom, koordiniert den Einsatz der Mentoren in und um Nordhorn an der Grenze zu den Niederlanden. Ein Mentor braucht nach ihren Worten keine pädagogische Ausbildung. Wichtig seien Geduld und Herzlichkeit: "Man muss nur gerne lesen und Kinder mögen." Lange versucht herauszufinden, was das Kind von dem gerade Gelesenen verstanden hat, aber nicht über Abfragen, sondern zum Beispiel mithilfe von Rätseln am Ende einer Geschichte. "Die Kinder sind stolz, dass sich ein Erwachsener für sie allein so viel Zeit nimmt, das kennen sie sonst kaum", berichtet Lange und ergänzt: "Wenn sie sich an den Mentor gewöhnt haben, dann sind sie mit Eifer dabei. Ihr Selbstbewusstsein wächst, und sie beteiligen sich schon nach kurzer Zeit viel mehr am Unterricht."

Bundesweit gibt es mehr als 11 500 Mentoren in 73 Vereinen, die 15 000 Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren betreuen. "Ich hoffe auf 50 000 Mentoren, davon mindestens 10 000 Männer. Von ihnen haben wir viel zu wenig, und sie sind gerade für Jungen wichtig", betont der Buchhändler Otto Stender, der vor 15 Jahren in Hannover Initiator der Lesementorenbewegung war. Nach der ARD/ZDF-Onlinestudie haben die 14- bis 29-Jährigen im vergangenen Jahr in Deutschland täglich im Durchschnitt 274 Minuten das Internet genutzt. 36 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen und 22 Prozent der gleichaltrigen Jungen waren mehr als vier Stunden am Tag am Computer, am Tablet oder per Smartphone in sozialen Medien unterwegs. "Das frühzeitige Lesen ist eine Schutzimpfung gegen die Computersucht", sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer, der unter anderem den Zusammenhang von Mediennutzung und Gewaltverhalten erforscht.

Flora liest mittlerweile so gut, dass sie keine Extrabetreuung mehr benötigt. Das hört sie allerdings gar nicht gerne: "Dann muss ich wohl wieder schlechter lesen, damit ich weiter zu dir kommen darf."

Information: Auf dem Portal Mentor-Bundesverband.de erfährt man, an welchen Orten es Leselernhelfer gibt und erhält Tipps, wie man eine Mentoren-Gruppe gründen kann.