Legasthenie im Beruf:Zehn Jahre Studium

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Dass ich sehr lange - insgesamt zehn Jahre - studiert habe, liegt sicher auch daran, dass das Jura-Deutsch eine völlig andere Sprache für mich war und meine bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr gegriffen haben. Früher habe ich Worte vermieden, die ich nicht buchstabieren konnte - das ging beim Jura-Studium nicht mehr. Mir war vorher nicht klar gewesen, was da im Studium auf mich zukommen würde.

70 Bewerbungen, vier Vorstellungsgespräche

Und so hatte ich Phasen, in denen ich alles hinschmeißen wollte. Wobei - diese Phasen gehören eigentlich zum Jura-Studium dazu, die hat jeder irgendwann. Mich hat vor allem bedrückt, zu wissen, dass ich einen Text nie so sauber hinkriegen werde wie Menschen, die wissen, wie man jedes Wort schreibt. Ich kann einen von mir geschriebenen Text zehn Mal lesen und die Fehler werden mir immer noch nicht auffallen. Aber ich habe es dann doch durchgezogen und in beiden Staatsexamina eine ordentliche Note bekommen - 6,2 und 6,8, das ist gar nicht so schlecht.

Bevor ich meinen ersten Job bekommen habe, habe ich 70 Bewerbungen geschrieben und war zu vier Vorstellungsgesprächen eingeladen. Darin bin ich immer sehr offen mit meiner Legasthenie umgegangen, denn ich dachte, sonst muss ich mich später noch sehr lange erklären. Ich glaube, die Tatsache, dass ich mein Abi und mein Studium ohne jede Unterstützung geschafft habe, hat meinen Gesprächspartnern auch imponiert. Ehrlich gesagt, hätte ich mit einem Vermerk im Abi-Zeugnis mehr Bammel gehabt, mich zu bewerben. Weil dann die Leute unter Umständen denken, das Abi sei einem geschenkt worden.

Anfänger-Zweifel in gesteigerter Form

In meinem jetzigen Job als Jurist in einer Behörde hat meine Legasthenie durchaus Auswirkungen auf meinen Arbeitsalltag. Meine Schriftsätze werden immer noch mal überprüft. Klar, die Rechtschreibprogramme helfen viel, aber dennoch sitzt man öfter da und denkt: Kann ich das wegschicken? Stimmt die Form? Bin ich sicher, dass da nicht ganz große Fehler drin sind? Ich würde sagen, ich habe dieselben Zweifel wie jeder Anfänger, nur in gesteigerter Form.

Die Legasthenie hat mich nicht zu dem gemacht, der ich heute bin. Aber ich glaube, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen irgendwann aufgehört habe, mich über meine Probleme auszulassen. Ich habe das Problem - und jetzt muss ich schauen, dass ich meine Pläne trotzdem umsetze und ein ordentliches Ergebnis hinkriege."

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