Süddeutsche Zeitung

Legasthenie im Beruf:"Die Legasthenie hat mich nicht zu dem gemacht, der ich heute bin"

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Thomas Meyer ist Jurist - und Legastheniker. Wie das funktioniert und warum er froh ist, dass er in Schule und Studium nie besonders geschont wurde, erzählt er hier.

Von Christina Waechter

Noch immer herrscht bei manchen Menschen das Vorurteil, Legastheniker seien zu dumm zum Lesen und Schreiben. Dabei trifft die Lese- und Rechtschreibstörung zwischen fünf und sieben Prozent der Bevölkerung - darunter nicht wenige Hochbegabte. Was genau die Ursache ist, wissen selbst Forscher nicht genau. Einige vermuten, dass Betroffene die Unterschiede zwischen den Sprachlauten nicht wahrnehmen können, andere glauben, dass der Zugang zu den Gehirnregionen erschwert ist, die diese Laute verarbeiten.

Klar ist nur: Es kommt auf die möglichst frühzeitige Diagnose und Förderung an, um den Kindern die sogenannten Sekundärerscheinungen, wie Schulängste oder Verhaltensauffälligkeiten, zu ersparen. Doch auch wenn Legastheniker die Schule gut gemeistert haben, die Lese-Rechtschreibstörung begleitet sie ein Leben lang. Ein Betroffener erzählt, wie er mit diesem Handicap umgeht:

Thomas Meyer (Name von der Redaktion geändert), 33, Jurist:

"Meine ersten beiden Schuljahre habe ich damit verbracht, die Vorlese-Texte einfach auswendig zu lernen, weil ich es nicht geschafft habe, sie tatsächlich zu entziffern. Damals durfte ich mich nie vor 15.30 Uhr mit Freunden verabreden, denn dann hat meine Mutter mir Nachhilfe gegeben. Da haben wir zum Beispiel Buchstaben gebacken, um das Alphabet in meinen Kopf zu bringen.

Ich hatte Glück, dass mir durch die Unterstützung meiner Mutter und meines ganzen Umfeldes die Folgeerscheinungen der Legasthenie erspart blieben: Ich bin immer offen damit umgegangen und konnte so selbstbewusst bleiben. Ich habe ein relativ gutes Abitur hingelegt, obwohl für mich kein Notenschutz galt - und ich wegen meiner Rechtschreibung im Schnitt in jedem Fach zwei bis drei Punkte Abzug bekam. Mit Notenschutz wäre meine Abiturnote so gut gewesen, dass ich den Numerus clausus erreicht hätte. So bin ich über das Nachrückverfahren zu meinem Studienplatz gekommen.

Als ich mit dem Studium begann, war es ein ziemlicher Schock, dass das Thema beim Lehrpersonal so gar nicht bekannt war. In der Schule habe ich nie einen schrägen Spruch wegen meiner Legasthenie zu hören bekommen, an der Uni bin ich auf sehr komische Reaktionen von Seiten der Professoren gestoßen. Das hat mich total irritiert.

Zehn Jahre Studium

Dass ich sehr lange - insgesamt zehn Jahre - studiert habe, liegt sicher auch daran, dass das Jura-Deutsch eine völlig andere Sprache für mich war und meine bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr gegriffen haben. Früher habe ich Worte vermieden, die ich nicht buchstabieren konnte - das ging beim Jura-Studium nicht mehr. Mir war vorher nicht klar gewesen, was da im Studium auf mich zukommen würde.

70 Bewerbungen, vier Vorstellungsgespräche

Und so hatte ich Phasen, in denen ich alles hinschmeißen wollte. Wobei - diese Phasen gehören eigentlich zum Jura-Studium dazu, die hat jeder irgendwann. Mich hat vor allem bedrückt, zu wissen, dass ich einen Text nie so sauber hinkriegen werde wie Menschen, die wissen, wie man jedes Wort schreibt. Ich kann einen von mir geschriebenen Text zehn Mal lesen und die Fehler werden mir immer noch nicht auffallen. Aber ich habe es dann doch durchgezogen und in beiden Staatsexamina eine ordentliche Note bekommen - 6,2 und 6,8, das ist gar nicht so schlecht.

Bevor ich meinen ersten Job bekommen habe, habe ich 70 Bewerbungen geschrieben und war zu vier Vorstellungsgesprächen eingeladen. Darin bin ich immer sehr offen mit meiner Legasthenie umgegangen, denn ich dachte, sonst muss ich mich später noch sehr lange erklären. Ich glaube, die Tatsache, dass ich mein Abi und mein Studium ohne jede Unterstützung geschafft habe, hat meinen Gesprächspartnern auch imponiert. Ehrlich gesagt, hätte ich mit einem Vermerk im Abi-Zeugnis mehr Bammel gehabt, mich zu bewerben. Weil dann die Leute unter Umständen denken, das Abi sei einem geschenkt worden.

Anfänger-Zweifel in gesteigerter Form

In meinem jetzigen Job als Jurist in einer Behörde hat meine Legasthenie durchaus Auswirkungen auf meinen Arbeitsalltag. Meine Schriftsätze werden immer noch mal überprüft. Klar, die Rechtschreibprogramme helfen viel, aber dennoch sitzt man öfter da und denkt: Kann ich das wegschicken? Stimmt die Form? Bin ich sicher, dass da nicht ganz große Fehler drin sind? Ich würde sagen, ich habe dieselben Zweifel wie jeder Anfänger, nur in gesteigerter Form.

Die Legasthenie hat mich nicht zu dem gemacht, der ich heute bin. Aber ich glaube, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen irgendwann aufgehört habe, mich über meine Probleme auszulassen. Ich habe das Problem - und jetzt muss ich schauen, dass ich meine Pläne trotzdem umsetze und ein ordentliches Ergebnis hinkriege."

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