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Sportlerkarriere:"Ich brauche auch etwas für den Kopf"

800-Meter-Läuferin Katharina Trost, 26: "Ich habe nie darüber nachgedacht, mich nur auf den Sport zu konzentrieren."

(Foto: privat)

Katharina Trost, 26 Jahre alt, hat sich gerade für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert. Nebenbei studiert die 800-Meter-Läuferin auf Lehramt.

Von Nicole Grün

"Mit 16 Jahren wurde ich bei der deutschen U18-Meisterschaft auf Anhieb Zweite. Damals hatte ich meine Laufzeit über 800 Meter innerhalb von einem Jahr um neun Sekunden verbessert. Von da an betrieb ich den Sport nicht unbedingt professionell, aber schon eher als Leistungssport und trainierte neben der Schule fünfmal in der Woche. Mein Papa war mein Trainer, und ihm war wichtig, mich behutsam aufzubauen.

Nach dem Abi wollte ich ins Ausland. Weil ich den Sport weitermachen wollte, nahm ich ein Scholarbook-Sportstipendium an und studierte zwei Jahre an der University of Iowa in den USA. Das war superschön, es hat mich menschlich in meiner Entwicklung weitergebracht, aber mit dem Sport klappte es überhaupt nicht: Vor Iowa bin ich bei der U20-Europameisterschaft mit einer Zeit von 2:03 Minuten Fünfte geworden. Doch als ich nach den zwei Jahren nach Deutschland zurückkam, war ich fünf Sekunden langsamer und nicht mehr im Kader. Ich bekam keine Förderung mehr und wurde komplett von meinen Eltern unterstützt, was Training und Studium anging.

Im Herbst 2015 begann ich in München Grundschullehramt zu studieren, sportlich wechselte ich im Herbst 2016 zum Team der Stadtwerke München. Ich schaffte es wieder in den Kader und werde mittlerweile von der Deutschen Sporthilfe, meinem Verein und Sponsoren finanziell unterstützt.

Ich habe nie darüber nachgedacht, mich nur auf den Sport zu konzentrieren. Für mich stand schon immer fest, dass ich parallel studieren möchte, denn ich brauche auch etwas für den Kopf. Wenn es mal im Sport nicht so läuft, dann hat man noch das Studium und andersrum. Nicht nur den einen Fokus zu haben, finde ich wahnsinnig wichtig. Für das Studium bekam ich als Spitzensportlerin keine Sonderregelungen, es klappte trotzdem gut.

Ich trainiere um die 20 Stunden pro Woche, aufgeteilt in acht bis zehn Trainingseinheiten. Davon zwei- bis dreimal am Vormittag ab halb acht Uhr, wenn man sich die Vorlesung nicht gleich in der Früh reinlegt, kann man das gut schaffen. Im letzten Jahr vor dem ersten Staatsexamen musste ich allerdings einige meiner Professoren fragen, ob es okay wäre, wegen eines Wettkampfes noch ein weiteres Mal zu fehlen.

Ich bin im Sommer fast jedes Wochenende auf Wettkämpfen. Ein Problem war, dass das Staatsexamen im Sommer stattfindet, man die Termine erst ein, zwei Monate vorher erfährt und ich damals WM-Qualifikation hatte und im Juli zwei Wochen bei der Universiade war. Da habe ich mir Hilfe vom Olympiastützpunkt geholt, der einem bei solchen Dingen zur Seite steht.

Mein Laufbahnberater stellte mir den Kontakt zu einem Schulrat her, der mich beraten hat, wie ich das Referendariat und meinen Sport unter einen Hut bringen kann. Weil das zweite Jahr des Referendariats schwerer mit Leistungssport vereinbar ist, werde ich erst diesen Herbst damit beginnen. Denn nächstes Jahr möchte ich unbedingt die EM in München mitnehmen. Darauf freue ich mich sehr, weil da alle Familienmitglieder und Freunde dabei sein können.

Derzeit arbeite ich acht Wochenstunden in Teilzeit an einer Grundschule in Puchheim und habe wahnsinniges Glück mit der Rektorin und dem Schulrat. Sie sind sehr verständnisvoll und unterstützen mich nicht nur, sondern verfolgen sogar meine Rennen im Livestream.

Hoffentlich kann ich im Referendariat an dieser Schule bleiben. Sportlich denke ich immer nur bis zum nächsten Jahr, weil man im Sport nie so weit vorausplanen kann. Jetzt ist mein Ziel erst mal, bei den Olympischen Spielen ins 800-Meter-Halbfinale zu kommen. Vor zwei Wochen habe ich mich in Polen mit einer neuen persönlichen Bestzeit von 1:58:68 direkt für Tokio qualifiziert. Ich kann noch gar nicht fassen, dass ich das geschafft habe."

© SZ
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