Gleichstellung Ehrlichkeit tut weh

Ryanair hält den Negativrekord: Gezwungenermaßen musste die Airline in Großbritannien offenlegen, dass es in dem Unternehmen 72 Prozent Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen gibt.

(Foto: Getty Images)

Britische Unternehmen müssen offenlegen, wie unterschiedlich sie Frauen und Männer bezahlen. Das Ergebnis ist erschütternd.

Von Cathrin Kahlweit und Andrea Rexer, London/München

Wenn man diese Zahlen sieht, ist es völlig klar, warum sich die deutschen Unternehmen vehement gegen eine Offenlegungspflicht gewehrt haben: 72 Prozent Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen und 97 Prozent Männer in der Gruppe der Spitzenverdiener - das gab die Fluglinie Ryanair zu. Nicht freiwillig. Natürlich nicht. Die britische Regierung hat Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern zu dieser Transparenz gezwungen. In der Nacht zum Donnerstag lief die Einreichungsfrist aus. Ryanair hält den Negativrekord, aber auch Großbanken und Medienunternehmen liegen im negativen Spitzenfeld.

Das Ergebnis der Befragung ist erschütternd: Acht von zehn Firmen zahlen Frauen weniger als Männern. Im öffentlichen Sektor sind es sogar neun von zehn. Bei den Firmen, die ihre Daten offenlegten, verdienen Frauen im Durchschnitt knapp zehn Prozent weniger als Männer. Abgefragt wurde der durchschnittliche Stundenlohn und der Medianlohn, also das mittlere Durchschnittsgehalt für Männer und Frauen. Nicht einbezogen wurde, welche Tätigkeit im Unternehmen ausgeübt wird. Die Daten sagen daher mehr aus über mangelnde Chancengleichheit als über spezifische Lohndiskriminierung.

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Das lässt sich nur aus dem "gender pay gap" herauslesen, dem Lohnunterschied bei gleicher Arbeit. Er lag in Großbritannien 2017 bei 18,4 Prozent. In Deutschland liegt dieser Wert bei 21 Prozent. Da es sich hierbei um einen Durchschnitt handelt, ist davon auszugehen, dass es auch in Deutschland einige Unternehmen geben muss, bei denen die Löhne ähnlich stark auseinanderklaffen wie bei britischen Firmen. Konkrete Daten dazu gibt es jedoch nicht. Denn hierzulande war bereits der Widerstand aus der Wirtschaft gegen das viel mildere Lohntransparenzgesetz enorm. In Deutschland können Mitarbeiter seit diesem Jahr über den Betriebsrat Auskunft über das durchschnittliche Gehalt von Kollegen mit dem gleichen Jobprofil erfragen - sofern das Unternehmen mehr als 200 Mitarbeiter hat und es mindestens sechs Mitarbeiter gibt, die "vergleichbare" Positionen haben. Doch was ist schon vergleichbar? Der Spielraum für Ausflüchte der Personalabteilungen ist groß, die Wirksamkeit des Gesetzes dadurch begrenzt.

Henrike von Platen, Gründerin des Fair Pay Innovation Lab, würde das britische Gesetz gern in Deutschland umgesetzt sehen. "Viele Unternehmen gehen davon aus, dass es keine Unterschiede in der Bezahlung gibt, ohne die Entgeltstrukturen jemals überprüft zu haben", sagt sie. Wenn sie es doch tun, sei die Überraschung oft groß. "Mit den Gehaltsunterschieden ist es wie mit der gefühlten und der realen Temperatur. Man akzeptiert Zahlen erst, wenn sie schwarz auf weiß vor einem stehen." Platen ist davon überzeugt, dass die Veröffentlichung etwas bewirkt. Allein durch den öffentlichen Druck würden die Unternehmen freiwillig etwas verändern. Und tatsächlich ist es so, dass einige britische Unternehmen bei Bekanntgabe der Daten zugleich Frauenförderprogramme präsentiert haben.

In Deutschland ist der Widerstand gegen Offenlegung von Gehältern enorm groß

Das britische Gesetz gilt weltweit als einmalig. Aber auch dort gab es natürlich Widerstände aus der Wirtschaft: Den Unternehmen wurde acht Jahre Zeit gelassen, bevor sie die Daten in diesem Jahr erstmals publizieren mussten. Veröffentlicht wurden die Daten, die auf den Lohnzahlen von 2017 basieren, von der Behörde für Gleichberechtigung, der Equality and Human Rights Commission. Die Kommission warnte jedoch am Donnerstag jene 1500 Unternehmen, die ihre Zahlen nicht eingereicht haben. Sie hätten nun noch einen Monat Zeit, bevor die Behörde mit Sanktionen - wie etwa Bußgeldern - reagiere. Innenministerin Amber Rudd sagt, es gebe keine Entschuldigung für Unternehmen, die Zahlen nicht offenzulegen - und die Gehälter nicht anzugleichen. Der Bericht sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine gleichberechtigte Arbeitswelt.

Das Ergebnis an sich wollte die Kommission nicht kommentieren, aber so oder so sprechen die Zahlen für sich. Deutlich wird, dass vor allem im Baugewerbe, in der Finanzbranche und an Schulen die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen besonders hoch ist. Auffällig sind die Unterschiede auch bei den variablen Bezügen, vor allem die Banken gaben Differenzen bei den Boni von teils mehr als 80 Prozent an. In der britischen Medienbranche zahlen 91 Prozent der Unternehmen Frauen schlechter. Das verwundert nicht, nachdem Fälle wie jener von Carrie Gracy bekannt wurden, die ihren Führungsjob als Peking-Büroleiterin des Senders BBC aus Protest über die ungleichen Löhne abgegeben hatte. Hotellerie und Gastgewerbe hingegen wiesen die geringste Schere aus.

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