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Geschlechter-Trennung im Unterricht:Keine unterschiedlichen Impulse nötig

Gereizt reagieren die Forscher auf angeblich neurowissenschaftlich fundierte Behauptungen, dass die Gehirne von Mädchen und Jungen zum Lernen unterschiedliche Impulse bräuchten, sodass sie nicht gleichzeitig vom selben Lehrer unterrichtet werden sollten. "Pseudowissenschaft", urteilen die Autoren und zitieren Standardwerke, die auf die geringen Geschlechtsunterschiede gerade bei kindlichen Gehirnen verweisen, keiner davon sei wichtig für das Lernen.

Selbst die Hoffnung, dass die Monoedukation zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führen würde, halten die Forscher für falsch. Im Gegenteil: Gerade durch die Trennung von Mädchen und Jungen, würden diese lernen, dass man ausgerechnet Bildung offensichtlich nach Geschlecht organisieren sollte: Wer Sexismus mit Geschlechtertrennung heilen will, der handelt so wie jemand, der Rassismus mit Apartheid begegnen möchte.

Verlässliche Studien deuteten vielmehr darauf hin, dass die Monoedukation häufig die Sozialisation behindert: Jungen, die immer unter sich bleiben, würden aggressiver und entwickelten ein höheres Risiko für Verhaltensauffälligkeiten. Mädchen unter sich neigten dazu, Geschlechtsstereotypen auszubauen. Beide Geschlechter würden sich schwerer damit tun, das gemeinsame Zusammenleben zu lernen.

Solche Ergebnisse mögen die deutsche Öffentlichkeit überraschen, unter einschlägigen deutschsprachigen Forschern finden sie eher Zustimmung. Noch am kritischsten ist die Psychologin Ursula Kessels von der Universität Köln, die dem "an sich gut gemachten" Science-Artikel eine "etwas selektive Studien-Auswahl" vorwirft. So fehle zumindest eine wichtige, große britische Studie, die leichte Leistungssteigerungen in manchen Mädchenschularten festgestellt habe.

In einer eigenen Studie an einer Gesamtschule habe sie außerdem festgestellt, dass getrennter Unterricht Mädchen eher für Physik begeistern könnte. Außerdem widerspricht sie der Annahme, dass Monoedukation das Geschlecht betone, im Gegenteil: "Ein Mädchen in einer gemischten Gruppe empfindet die eigene Geschlechtsidentität viel deutlicher" - so wie man sich unter lauter Asiaten eher seines Deutschtums bewusst werde.

Diese Annahme lässt sich jedoch empirisch nicht festmachen", widerspricht die Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland von der Universität Hamburg, die der Monoedukation kritisch gegenübersteht. Getrennter Unterricht sei eine "Dramatisierung von Geschlecht" und unterschlage völlig, dass der Lernerfolg von vielen psychischen und sozialen Faktoren abhänge. Ähnlich wie Science sieht sie in der wissenschaftlichen Literatur keine Belege für bessere Leistungen in monoedukativen Klassen.

"Die Science-Studie entspricht völlig unseren Erkenntnissen", bestätigt Psychologin Christiane Spiel von der Universität Wien. Auch wenn es geschlechtsspezifische Benachteiligungen im Bildungsbereich gebe, fänden sich "derzeit keine robusten Befunde" zu Vorteilen der Monoedukation. Aber: "Es gibt Hinweise darauf, dass der Abschluss an einer monoedukativen Schule für Mädchen als weniger wertvoll erachtet wird, was sich in einem niedrigeren Lohnniveau niederschlägt."

© SZ vom 23.09.2011/tina
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