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Gerechtigkeitsrechner für Unternehmen:Geheimniskrämerei in Gehaltsangelegenheiten

In Deutschland spricht man nicht gern über sein Gehalt. Viele Beschäftigte sind sogar vertraglich zum Stillschweigen verpflichtet. Geheimniskrämerei können auch die Firmen betreiben, die sich dem Logib-D-Verfahren unterziehen. Sie können die Ergebnisse veröffentlichen, müssen es aber nicht. Es liegt nahe, dass die ersten Unternehmen, die das Instrument genutzt haben, ohnehin für das Thema sensibilisiert waren und keine schockierenden Befunde erwarteten. Und tatsächlich betrug die bei ihnen gemessene bereinigte Lohnlücke nicht etwa zwölf Prozent, sondern zwei bis neun Prozent.

In der Schweiz ist das Logib-Verfahren schon seit 2006 im Einsatz. Dort müssen Firmen bei Bewerbungen um öffentliche Aufträge nachweisen, dass es in ihrem Betrieb keine Ungleichheit bei der Bezahlung gibt, sonst gehen sie leer aus. In Deutschland ist bisher keine derartige Kopplung vorgesehen.

An der Unverbindlichkeit des Verfahrens entzündet sich die Kritik von Opposition, Gewerkschaften und Interessenverbänden. Die SPD fordert ein Entgeltgleichheitsgesetz. Der Deutsche Juristinnenbund plädiert für ein Konzept, das sich "nicht auf freiwilliges Handeln einzelner Unternehmen verlässt". Und die Hans-Böckler-Stiftung hat zwei Wissenschaftlerinnen dabei unterstützt, eine Alternative zu Logib-D zu entwickeln.

Die beiden Entgeltexpertinnen Karin Tondorf und Andrea Jochmann-Döll kritisieren ebenfalls die Unverbindlichkeit des bestehenden Verfahrens: "Wenn sich eine Firma aus eigenem Antrieb einem Selbsttest unterzieht, muss es bei einer negativen Bewertung nicht handeln." Darüber hinaus sei Logib-D nicht rechtskompatibel und tauge nur als Personalmarketing-Maßnahme.

Die Alternative von Tondorf und Jochmann-Döll heißt Entgeltgleichheits-Check, kurz Eg-Check. Das Tool klopft die Vergütungsbestandteile einzeln auf mögliche Diskriminierung ab. Und es prüft schon bei der Eingabe von Variablen in das statistische Modell, ob diese selbst Diskriminierungspotential in sich bergen, wie das bei Logib-D der Fall sei. Denn die Forscherinnen sind überzeugt: "Ein fehlerhaft positives Ergebnis könnte Firmen in falscher Sicherheit wiegen und zur Untätigkeit verführen."

Kontakt: Das Bundesfamilienministerium stellt bis 2012 weitere kostenlose Beratungspakete für 200 interessierte Unternehmen zur Verfügung. Die Bewerbungsrunde läuft bis zum 20. November. Tel. 0221- 4981728, www.logib-d.de

Das Verfahren Eg-Check, das von der Hans-Böckler-Stiftung unterstützt wird, analysiert auf Basis der geltenden Rechtslage alle Vergütungsbestandteile einzeln nach möglicher Diskriminierung. Tel. 0211- 77780, www.eg-check.de