Gehalt Was hat sie verdient?

Birte Meier mit Christian Esser bei der Verleihung des Deutschen Wirtschaftsfilmpreises 2015

(Foto: Weiss/ZDF)
  • Die Frontal 21-Redakteurin Birte Meier hat über Jahre deutlich weniger verdient als ihre männlichen Kollegen.
  • Deswegen verklagt sie das ZDF. In erster Instanz war ihre Klage erfolglos, nun steht die Berufungsverhandlung an.
Von Verena Mayer

Die Reporterin Birte Meier wird von ihrem Sender als "Redakteurin mit besonderer Verantwortung" geführt. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren für das ZDF, für das Politmagazin Frontal 21 hat sie Missstände aufgedeckt und Journalistenpreise gewonnen. Doch die besondere Verantwortung ging bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt offenbar nicht mit einem besonderen Gehalt einher.

Jedenfalls will Birte Meier eines Tages festgestellt haben, dass sie weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen, einer bekam sogar netto mehr als sie brutto. Meier versuchte erst, sich mit dem Sender zu einigen, als das scheiterte, verklagte sie das ZDF unter anderem auf eine Entschädigung von 70 000 Euro. Ihren ersten Prozess hat sie Anfang 2017 verloren, weil das Gericht damals fand, Meier sei als so genannte fest-freie Mitarbeiterin für das ZDF tätig und deswegen könne man ihr Gehalt nicht mit dem von Festangestellten vergleichen.

Gegen das Urteil hat sie Berufung eingelegt, am Dienstag trafen sich nun alle Beteiligten vor dem Berliner Landesarbeitsgericht wieder. Auf dem Tisch der Richterin stapeln sich die Akten, in dem Verfahren geht es um Grundsätzliches. Verdient Birte Meier tatsächlich weniger, weil sie als Frau diskriminiert wird? Und wenn ja, wie weist man dies nach?

Frauen und Karriere Top-Redakteurin beschert BBC ein echtes Imageproblem
Unfaire Bezahlung

Top-Redakteurin beschert BBC ein echtes Imageproblem

Die China-Korrespondentin tritt zurück, weil ihre männlichen Kollegen mehr verdienen. Ein Skandal - ausgerechnet beim Vorbild von ARD und ZDF.   Von Alexander Menden und Claudia Tieschky

Birte Meiers Anwältin Chris Ambrosi versucht es, indem sie im Gerichtssaal zahlreiche Indizien dafür vorträgt, dass Birte Meier den gleichen Job wie ihre Kollegen machte. Zum einen habe sie gearbeitet wie eine fest angestellte Redakteurin, Arbeitszeiten und Dienstort seien vorgegeben gewesen, Urlaub habe sie beantragen müssen. Zum anderen habe sie als Co-Autorin zusammen mit den besser entlohnten Kollegen Beiträge gemacht, also dasselbe geleistet. Und die Anwältin spricht von einer "Benachteiligungskultur", die sich explizit gegen Frauen richte. Frauen seien in Birte Meiers Redaktion unterrepräsentiert, ein früherer Redaktionsleiter habe Frauen in Vorstellungsgesprächen nach ihrem Kinderwunsch gefragt und bei einer Weihnachtsfeier gesagt, Frauen hätten im politischen Journalismus nichts zu suchen.

Ein Klima, das dazu geführt habe, dass Frauen am Ende auch weniger verdienten, glaubt Meiers Anwältin Chris Ambrosi. Zwölf Männer hätten mehr verdient als Birte Meier, sagt die Anwältin. Auch solche, die weniger Berufserfahrung hätten und kürzer beim ZDF seien als die 47-Jährige. Ein Kollege, der gerade mal sechs Monate länger im Betrieb war als Meier, habe 700 Euro mehr verdient, Meier selbst habe auf eine Gehaltserhöhung von 250 Euro drei Jahre warten müssen.

Die Anwälte vom ZDF halten dem entgegen, dass Birte Meier nicht diskriminiert, sondern im Rahmen der Tarifverträge für freie und fest angestellte Mitarbeiter entlohnt worden sei, die das ZDF mit den Gewerkschaften vereinbart habe. Die Klage sei daher unzulässig. Auch habe gerade der erwähnte Redaktionsleiter mehrere Frauen in Führungsjobs gehoben, "das wird hier alles sehr plakativ dargestellt".

Der Zuschauerraum ist gut gefüllt. Es sind viele Journalistinnen gekommen, Birte Meier wird inzwischen auch von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) unterstützt, die sich juristisch für Grund- und Menschenrechte einsetzt. Nora Markard aus dem Vorstand der GFF sagt, der Fall sei eindeutig. Es gebe sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene Rechte zur Entgeltgleichheit. Und die sehen nun mal vor, dass Frauen für die gleiche Arbeit nicht weniger verdienen dürfen als Männer.

Das Entgelttransparenzgesetz hilft der Reporterin nicht

Vor dem Landesarbeitsgericht wird allerdings klar, dass es zwei verschiedene Dinge sind, ob man sich ungerecht behandelt fühlt oder von der Justiz bestätigt bekommt, dass dahinter eine strukturelle Ungleichbehandlung steckt. "Kann man aus Sachen, die nicht in Ordnung sind, folgern, es gibt eine Benachteiligungskultur?", fragt dann auch die Richterin. "Da ist die Frage, wie stellt man die fest." Meier braucht eine offizielle Auskunft vom ZDF, dass ihre männlichen Kollegen mehr verdienen, die muss sie aber ebenfalls erst vor Gericht erstreiten. Zwar gibt es seit Juli 2017 das Entgelttransparenzgesetz, also die Möglichkeit, in Unternehmen ab 200 Mitarbeitern Lohnlisten einzusehen, allerdings nicht für alle. Birte Meier etwa fällt, weil sie beim ZDF nicht fest angestellt ist, dabei möglicherweise heraus.

Die Richterin vertagt ihre Entscheidung am Dienstag auf Februar, bis dahin haben alle Beteiligten nun Zeit, weitere Argumente zu sammeln. Und Birte Meier? Die Journalistin will sich erst einmal nicht äußern. Als eine von sehr wenigen Frauen, die sich juristisch gegen Ungleichbehandlung wehren, steht für sie viel auf dem Spiel. Bereits im ersten Prozess hatten ihr die Anwälte des ZDF nahegelegt, den Sender zu verlassen.

Lesen Sie diesen Text mit SZ Plus:
Frauen und Karriere Wer verdient was?

Gehaltsunterschiede

Wer verdient was?

Frauen fühlen sich gegenüber Männern oft unterbezahlt. Seit Januar können Beschäftigte bei ihrem Arbeitgeber nachbohren. Doch das tun nur wenige. Woran liegt das?   Von Alexander Hagelüken und Thomas Öchsner