Frage an den Jobcoach:Was kann ich tun, wenn mich die Firma loswerden will?

Joachim H. ist Anfang fünfzig, hat noch kaum Rücklagen fürs Alter gebildet - und nun ist sein Job in Gefahr. Daher bittet er den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leser Joachim H. fragt:

Ich bin Anfang fünfzig und habe einen sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen wilden beruflichen Werdegang. Nun bin ich schon eine Weile als freier Mitarbeiter in einer Unternehmensberatung in einem Nischensegment tätig. Nach dem Wechsel des Eigentümers werde ich immer mehr aufs Abstellgleis gestellt. Ich befürchte, dass man mich ganz herausdrängen möchte. Am schlimmsten ist für mich, dass ich keine ausreichende Altersversorgung habe. Ich benötige also einen neuen Job, bei dem ich auch noch viele Rücklagen für die Rente bilden kann. Was soll ich tun?

Madeleine Leitner antwortet:

Lieber Herr H., neue Besen kehren gut, heißt es. Zumindest glauben neue Chefs das oft. Veränderungen im Management haben daher häufig auch grundlegende Veränderungen zur Folge. Das kann also in der Tat ein Alarmzeichen sein. Bevor Sie aber in Panik verfallen, sollten Sie sich zunächst einmal folgende Fragen stellen:

Der SZ-Jobcoach

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und hat als Therapeutin in Kliniken, als Gerichtsgutachterin und Personalberaterin für Konzerne gearbeitet. Heute ist sie selbständige Karriereberaterin in München und Berlin.

Erstens: Manche Menschen hören das Gras wachsen. Gibt es konkrete Belege für Ihre Befürchtung, dass man Sie loswerden möchte? Woran machen Sie das fest? Gibt man Ihnen zum Beispiel weniger Aufträge als sonst? Werden Sie von Informationen oder von Besprechungen ausgeschlossen? Werden Sie übermäßig kritisiert? Wird Ihr Honorar infrage gestellt?

Zweitens: Falls es tatsächlich Alarmzeichen gibt - haben Sie eine Hypothese, warum Ihr Arbeitgeber Sie loswerden möchte? Geht es eher um allgemeine Themen, die nichts mit Ihnen selbst zu tun haben? Geht es der Firma zum Beispiel wirtschaftlich schlecht? Könnte es sein, dass Sie aus der Firmensicht zu alt und zu teuer sind (was ein häufiges Argument gegen lebenserfahrene Mitarbeiter ist)? Oder liegen die Gründe mehr in Ihrer Person? Haben Sie einen Fehler begangen? Gelten Sie als unbequem? Gab es einen Konflikt? Könnte es irgendein Missverständnis geben? Könnte eine Intrige dahinterstecken?

Drittens: Klären Sie Ihre eigene Interessenlage! Würden Sie selbst es vorziehen, in der Firma zu bleiben? Oder liebäugeln Sie vielleicht schon länger selbst mit dem Gedanken, sich beruflich zu verändern?

Viertens: Wie beurteilen Sie Ihre Chancen bei anderen Auftrag- oder Arbeitgebern? Ist Ihr Alter bei Ihrer Tätigkeit und der Branche eher ein Vorteil oder ein Handicap? Meiner Beobachtung nach stehen Arbeitgeber heute der Generation fünfzig plus deutlich positiver gegenüber als noch vor zehn Jahren. Wie schätzen Sie den Markt allgemein ein? Wie wird er sich Ihrer Meinung nach entwickeln? Gibt es viel oder wenig Konkurrenz? Haben Sie ein bestimmtes Alleinstellungsmerkmal?

Auch wenn Sie Ihre Chancen als eher schlecht beurteilen - womöglich könnte irgendjemand genau Sie gerade dringend gebrauchen. Ein Wechsel auf die Kundenseite ist bei Beratern zum Beispiel nicht unüblich. Hören Sie sich in der Szene um und streuen Sie Ihr Anliegen vorsichtig in Ihrem Umfeld. Ein Wechsel der Geschäftsleitung ist immer ein plausibler Anlass, über neue Perspektiven nachzudenken.

Ein Vorstoß könnte sinnvoll sein

Fünftens: Wenn sich Ihre Befürchtungen bestätigen, sollten Sie auf jeden Fall einen Versuch unternehmen, Ihre Situation intern zu stabilisieren. Manchmal hilft es, einfach für eine Weile auf Tauchstation zu gehen oder die Dinge auszusitzen. Manche Situation ändert sich nach einer Weile von allein, oder es trifft einen anderen. Wenn es dafür bereits zu spät ist und sich die Situation weiter verschärft, müssen Sie handeln. Sie könnten allerdings auch den Ast absägen, auf dem Sie sitzen. Einer meiner Klienten drängte seinen Arbeitgeber ein paar Tage vor Ablauf der Probezeit auf ein Feedback - und wurde daraufhin noch ganz schnell rechtzeitig entlassen.

Angesichts der Risiken sollten Sie daher gut überlegen, welche Vorbehalte gegen Sie bestehen könnten. Es gibt Killer-Kriterien, über die zu diskutieren sich nicht lohnt. Wenn Sie angeblich "zu alt" oder "zu verbraucht" sind oder wenn generell "frischer Wind einziehen" soll, so steht die Entscheidung des Arbeitgebers fest, seien die Argumente gerechtfertigt oder nicht.

Bei anderen Gründen könnte ein Vorstoß aber durchaus Sinn ergeben. Wenn man womöglich Ihren konkreten Nutzen für die Firma in Zweifel zieht oder nach Einsparmöglichkeiten sucht, könnten Sie mit guten Argumenten Erfolg haben. Vielleicht haben Sie bisher kein Marketing in eigener Sache gemacht oder machen müssen. Listen Sie sorgsam auf, welchen Anteil Sie bisher am Erfolg des Unternehmens hatten und wodurch. Machen Sie sich auch Gedanken, wie auch die neue Geschäftsleitung weiter davon profitieren kann. Vielleicht haben Sie auch schon konkrete Vorschläge? Die könnten ein guter Anlass für ein Gespräch sein, ohne in die Rolle eines Bittstellers zu geraten.

Sechstens: Unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, sollten Sie aus Lebenserfahrung immer einen Plan B im Hinterkopf haben. In Ihrem Fall läge es nahe, als Unternehmensberater mit Ihrer Spezialisierung selbständig zu sein. Bekanntlich nehmen viele Berater als Starthilfe ihre Kunden einfach mit.

Von einer Vorstellung sollten Sie sich aber besser verabschieden: Mit Anfang fünfzig noch eine Altersvorsorge aufbauen zu wollen, von der Sie im Rentenalter Ihr Dasein fristen können, ist vermutlich zu spät. Sie sollten daher besser darauf setzen, sich weiter ein Zubrot zu verdienen oder sogar ein dauerhaftes Einkommen. Damit stehen Sie nicht alleine da: Viele Angehörige der Generation Babyboomer, die in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen, werden kein Auskommen mit ihrer Rente haben. Auch da kann Ihnen eine selbständige Tätigkeit bessere Möglichkeiten bieten als eine Anstellung, bei der Sie irgendwann einmal ausgemustert werden.

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