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Frage an den Jobcoach:Soll ich für den Neustart auf eine Abfindung setzen?

Einmal wöchentlich beantworten die SZ-Jobcoaches Fragen zum Berufsleben.

(Foto: Jessy Asmus)

Susanne O. ist unzufrieden mit ihrem Job. Jetzt bietet ihr die Firma eine Abfindung an - und sie bittet den Jobcoach um Rat.

SZ-Leserin Susanne O. schreibt:

Ich bin 52 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren bei einem großen, bekannten Konzern, bin dort im Prinzip unkündbar. Zum wiederholten Mal gibt es aufgrund von Umstrukturierungen ein Personalabbau-Programm mit verlockenden Abfindungen, allerdings zeitlich befristet. Da ich schon lange mit vielem nicht zufrieden bin und von beruflichen Alternativen träume, reizt es mich, vielleicht diesmal doch einzuwilligen. Die Personalabteilung hat sogar angeboten, sich an einer möglichen Weiterbildung finanziell zu beteiligen. Haben Sie einen Rat, was ich dabei bedenken sollte?

Madeleine Leitner antwortet:

Liebe Frau O., eine solche Entscheidung ist für die meisten Menschen, die von ihrer Tätigkeit auch leben müssen, von großer Tragweite. Daher sollten Sie mit Weitblick vorgehen: Bevor Sie sich kopfüber ins kalte Wasser stürzen, sollten Sie besser vorher wissen, ob das Wasser 30 Meter oder nur 30 Zentimeter tief ist. Lassen Sie uns also Ihre Fragestellung in die richtige Reihenfolge bringen.

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Erstens: Welche konkreten Alternativen haben Sie bisher entwickelt? Empfehlenswert ist es, drei bis fünf unterschiedliche berufliche Optionen ins Auge zu fassen. Dazu können auch lang gehegte Träume gehören. Definieren Sie möglichst genau, welche Kriterien Ihnen wichtig sind, zum Beispiel Berufsaussichten, Verdienstmöglichkeiten und Arbeitszeiten. Entwickeln Sie aber auch einen Notfallplan, der funktionieren sollte, wenn sich alles andere in Luft auflöst. (In der Regel ist es der bisherige Job.)

Zweitens: Wie viel wissen Sie darüber, was es bedeutet, in diesen Berufen zu arbeiten? Die Vorstellung von einer verlockenden Tätigkeit kann von der Wirklichkeit erheblich abweichen. Daher sollten Sie im nächsten Schritt Ihre Ideen noch einmal einem Realitäts-Check unterziehen. Neutral sind hier naturbedingt weder die Personalabteilung (die Ihnen den Abgang möglichst schmackhaft machen soll) noch Anbieter von Ausbildungen (die immer gut an Ihnen verdienen, auch dann, wenn Sie hinterher nichts damit anfangen können).

Unterhalten Sie sich daher mit Personen, die in dem Beruf arbeiten, der Sie interessiert. Um einem einseitigen Blick vorzubeugen und einen einigermaßen repräsentativen Eindruck zu bekommen, sollten Sie mit mindestens drei, besser fünf Personen sprechen. Auf diese Art erkennen Sie zum Beispiel frühzeitig, dass Sie von Ihrem Traumjob wohl kaum leben können, dass man dort lügen muss, um erfolgreich zu sein, oder dass die scheinbar interessante Tätigkeit doch ganz anders ist als gedacht. Manche Ihrer Ideen werden sich nach diesem Realitäts-Check in Luft auflösen, Gottlob bevor Sie gekündigt und eine teure Ausbildung absolviert haben. Vielleicht stellt sich Ihr Traumjob aber auch als viel realistischer heraus, als Sie jemals gedacht hätten.

Drittens: Treffen Sie Ihre Entscheidung. Wenn Sie jetzt realistische Vorstellungen über Ihre beruflichen Optionen haben, kommt der letzte Schritt: Was bedeutet das für Ihre jetzige Situation? Wenn sich eine Ihrer Alternativen als ausreichend tragfähig erwiesen hat, können Sie sich beherzt Ihren Abschied vom ungeliebten Job vergolden lassen. Durch die Gespräche mit den Praktikern wissen Sie auch, wie diese in den Beruf hineingekommen sind und ob Sie eine bestimmte Weiterbildung machen sollten.

Vielleicht haben Sie aber auch festgestellt, dass Sie in einem goldenen Käfig sitzen mit vielen Privilegien und einem guten Gehalt. Sprechen Sie am besten auch mit Ex-Kollegen, die bei früheren Abfindungswellen Abschied genommen haben. Wie ist es ihnen ergangen? Bereuen sie ihre Entscheidung, oder sind sie immer noch froh darüber? Sie haben schließlich auch etwas zu verlieren.

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und lebt als Karriereberaterin in München.

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